Washington

So gefährlich ist der neue Taliban-Chef

Washington. Schneller als erwartet haben die Taliban in Afghanistan den am Wochenende durch US-Drohnen hingerichteten Anführer Mullah Aktar Mansur ersetzt. Ab sofort werden die Aufständischen von dem radikalen Religionsgelehrten Mullah Haibatullah Achundsada geführt. Der 56-Jährige aus Kandahar, der Hochburg der Taliban im Süden, wurde bei einem Treffen der Führungskader im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet gewählt, wie US-Sicherheitskreise berichteten.

Um den zuletzt oft gegeneinander arbeitenden Machtzentren innerhalb der Taliban Rechnung zu tragen, seien der Milizenführer Siradschuddin Hakkani und der Sohn des langjährigen früheren Taliban-Chefs Mullah Omar, Mullah Jakub, zu Stellvertretern bestimmt worden. Beide sind entschieden jünger.

Achundsada gilt als Autorität, religiöse Instanz und Protagonist der Scharia-Gerichtsbarkeit. Gezielt hat der Mann vom Paschtunen-Stamm der Nurzai in der Vergangenheit ganze Jahrgänge junger Taliban-Rekruten über von ihm betriebene Religionsschulen ausgebildet und in den Kampf geschickt. Auf sein Konto soll auch die Zerstörung der kulturhistorisch bedeutsamen Statuen von Bamian gehen.

Kaum waren die Personalien in der Welt, signalisierten die Taliban, dass sie der von den USA verfolgten Strategie, sie an den Verhandlungstisch mit der Regierung in Kabul zu zwingen, widerstehen und an dem Zermürbungskrieg gegen die Zentralregierung und die US-geführten Besatzungstruppen festhalten wollen: Als Vergeltung für die Tötung von sechs Taliban durch die Regierung von Präsident Aschraf Ghani sprengte sich am Mittwoch in Kabul ein Selbstmordattentäter in die Luft, als ein Kleinbus mit Justizangestellten passierte. Bilanz: elf Tote und viele Verletzte.

Für Michael O’Hanlon, Afghanistanexperte beim Washingtoner Thinktank Brookings, war die begrenzte Wirkung der Liquidierung Mansurs vorher klar. „Etablierte Organisationen mit einem Reservoir an Führungsfiguren können den Tod eines Anführers gut überleben.“ Präsident Obama hatte den von ihm persönlich angeordneten, völkerrechtlich stark umstrittenen Alleingang auf pakistanischem Gebiet dagegen als „wichtigen Meilenstein“ bezeichnet.

Die „Gotteskrieger“ haben mehr Territorien unter ihrer Kontrolle als jemals zuvor in den 15 Jahren der amerikanischen Besatzung im Gefolge der Terroranschläge des 11. September 2001. Unterlagen für den UN-Sicherheitsrat dokumentieren, dass die Aufständischen 2015 vorübergehend 24 Distrikthauptstädte eroberten. 2014 sei dies nur in drei Fällen gelungen. Im Süden Afghanistans befindet sich der Opiumanbau, wichtige Finanzquelle, vollständig in Taliban-Hand.

Am augenfälligsten war die Machtdemonstration im Oktober, als die Taliban die im Verantwortungsbereich der Bundeswehr stehende Provinzhauptstadt Kundus überrannten und einen Monat später in Sangin in der südlichen Provinz Helmand auf ähnliche Weise zuschlugen. Beide Städte wurden letztendlich von der afghanischen Armee zurückerobert, die Botschaft allerdings war unmissverständlich, so damals der deutsche Afghanistanexperte Thomas Ruttig: „Wenn die Taliban erkennen, dass sie militärisch Fortschritte machen, sind sie nicht zu Verhandlungen über eine Beteiligung an der Macht in Kabul bereit.“

Für die Pattsituation mit der von Washington ins Amt gehievten Regierung Ghani zahlt die Zivilbevölkerung einen hohen Preis. Fast 11.000 Opfer waren nach Angaben der Vereinten Nationen 2015 zu beklagen, ein Viertel davon Kinder. Deren Zugang zu Schulen hat sich verschlechtert. Rund 400 Lehranstalten mussten vorübergehend oder auf Dauer geschlossen werden.

Zudem bemühen sich die Taliban um eine stärkere Verankerung in der Bevölkerung. So würden verstärkt Angehörige von Militär und Polizei mit Geld zum Überlaufen animiert. Plünderungen, wie es sie unter Mullah Mansur gegeben hat, sollen gestoppt werden. Generell sei es weiter die Linie der Taliban-Führung, die „Ungläubigen“ aus dem Westen „auszusitzen“. Seit Beendigung des Kampfeinsatzes hat sich die Nato darauf zurückgezogen, nur noch afghanischen Sicherheitskräfte zu schulen und zu beraten. Lediglich kleine Spezialeinheiten der US-Armee unterstützen die afghanische Armee bei Einsätzen gegen die Taliban.

Derzeit sind noch rund 12.000 Soldaten des Westens am Hindukusch stationiert. Bis Ende 2016 soll die Zahl anders als zunächst vorgesehen kaum schrumpfen. Forderungen nach einer abermaligen Aufstockung, wie sie von Ex-US-Generälen zu hören sind und auch am Rande des Nato-Gipfels in wenigen Wochen in Warschau eine Rolle spielen könnten, werden in Washington mit Blick auf den Präsidentschaftswahlkampf keine Chancen gegeben. „Obama kann und will keine neuen Verpflichtungen mehr eingehen“, heißt es in der Denkfabrik CSIS, „und die aussichtsreichen Kandidaten bei Demokraten wie Republikanern werden einen Teufel tun, die Truppenstärke in Afghanistan zu erhöhen.“ Was bleibe, sei die Hoffnung, dass sich die Taliban doch noch für eine Verhandlungslösung erwärmen könnten. Regierungssprecher Javid Faisal gab gestern an die Adresse von Mullah Haibatullah die Richtung vor. „Eine politische Lösung ist die einzige Option für die Taliban. Sonst droht der neuen Führung das Schicksal von Mullah Mansur.“