Kairo

Fast 60 Tote bei blutigem Angriff des IS in Tunesien

Im Nachbarland Libyen schließen sich immer mehr Menschen der Terrormiliz an

Kairo. Seit Tunesiens Unabhängigkeit hat es so etwas noch nie gegeben. Von einem „beispiellosen Angriff“ sprach Präsident Beji Caid Essebsi und schwor im Staatsfernsehen, „diese Ratten zu vernichten“. Über 50 Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS) in Libyen hatten das tunesische Städtchen Ben Guerdane kurz hinter der Grenze überfallen, um – wie die Führung in Tunis vermutet – einen ersten dschihadistischen Brückenkopf auf tunesischem Territorium zu etablieren.

Nach stundenlangen Feuergefechten gelang es der Armee, die Angreifer zurückzuschlagen. Über 40 Extremisten starben sowie zwölf Soldaten und sieben zivile Einwohner, darunter ein 12-jähriger Junge. Seitdem ist die Grenze geschlossen. In der Region nahe Libyen herrscht eine nächtliche Ausgangssperre. Das Ganze zeige erneut, wie gravierend die Bedrohung für Tunesien geworden sei, erklärte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Um Angriffe der Gotteskrieger künftig zu verhindern, baut Tunesien mit EU-Hilfe einen 250 Kilometer langen Grenzzaun zu Libyen.

Aber auch auf der europäischen Seite des Mittelmeers wachsen die Sorgen, seit die jüngsten US-Geheimdienstzahlen von 5000 bis 6500 IS-Kämpfern auf libyschem Gebiet sprechen – also doppelt so vielen wie noch vor einem halben Jahr. Spezialeinheiten aus Frankreich, Italien und Großbritannien operieren bereits seit Monaten in dem Post-Gaddafi-Staat, in dessen Mittelteil die Terrormiliz um die Stadt Sirte einen 300 Kilometer langen Küstenstreifen kontrolliert. Die Elitesoldaten sollen Informationen sammeln über die Stärke und Präsenz des IS sowie Verbindungen knüpfen zu örtlichen Milizen, die gegen die Extremisten kämpfen. In den USA legte das Pentagon dem Weißen Haus laut der „New York Times“ erstmals detaillierte Pläne für Luftschläge gegen 30 bis 40 Trainingslager, Kommandozentralen und Munitionsdepots vor. Bisher hält Präsident Barack Obama den Einsatzbefehl zurück. Er will das Ringen des UN-Vermittlers Martin Kobler um eine Regierung der nationalen Einheit nicht torpedieren. Kobler mahnte dazu, die „sehr intensiven“ Aversionen libyscher Politiker gegen eine ausländische Einmischung nicht anzustacheln. Beide Parlamente und Regierungen im Westen und Osten des Landes haben sich bisher nicht auf eine gemeinsame Führung der nationalen Einheit verständigen können.