Berlin

In Syrien verhungern die Menschen

Berlin. Es sind schockierende Bilder, die die Welt derzeit aus der eingekesselten syrischen Stadt Madaya erreichen. Man sieht junge Männer, deren Rippen hervorstechen. Ausgemergelte, geschwächte Frauen und Kinder, deren Augen wegen Unterernährung auffällig groß wirken. Die Gesundheitsbehörde von Madaya hat auf Facebook ein Video verbreitet, in dem ein kleines Mädchen strampelt, bis auf die Haut abgemagert. Sieben Monate alt sei das Kind mit dem Namen Amal, erzählt eine Frauenstimme. Es habe seit Tagen nichts zu essen bekommen. Die Kleine schreit mit krächzender Stimme.

Überprüfen lassen sich diese schrecklichen Bilder nicht. Aber vieles spricht dafür, dass sie echt sind und von einer der schlimmsten Hungerkatastrophen in dem fast fünfjährigen syrischen Bürgerkrieg zeugen.

Bewohner verbrennen Kleider,um sich gegen Kälte zu schützen

42.000 Menschen sind in dem Ort rund 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Damaskus eingeschlossen. Es ist bitterkalt. Madaya liegt in 1500 Metern Höhe, die Temperaturen sind derzeit unter dem Gefrierpunkt. „Die Bewohner essen Gras, Wurzeln und Blätter, um zu überleben“, sagt Pawel Krzysiek, Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Damaskus, dem Abendblatt. „Da es weder Strom noch Heizung gibt, verbrennen die Leute ihre Kleider oder Müll, um sich gegen die Kälte zu schützen.“

Wie andere Aktivisten berichtet auch Masen Burhan, dass Einwohner nun Hunde und Katzen schlachten, um das Fleisch der Tiere zu essen. „Den Geschmack von Brot haben die Menschen vergessen“, klagt Burhan. „Es spielt sich eine riesige humanitäre Tragödie ab“, sagt Rotkreuz-Sprecher Krzysiek. Seit 2011 wurden bislang mehr als 250.000 Menschen in Syrien getötet. Auch die Vereinten Nationen sprechen von einer katastrophalen Lage in Madaya. „Fast 42.000 Menschen sind in Gefahr, den Hungertod zu sterben“, heißt es in einer Mitteilung des UN-Büros in Damaskus. So sei ein 53-jähriger Mann Anfang Januar verhungert, während seine Familie weiter an Unterernährung leidet. 39 Menschen seien bereits an Hunger gestorben, meldete der Lokale Revolutionsrat.

Der Ort wird von Aufständischen der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) kontrolliert. Seit dem vergangenen Juli belagern die syrischen Regierungstruppen und die mit dem Diktator Baschar al-Assad verbündete schiitische Hisbollah den Ort nahe an der libanesischen Grenze. Jetzt scheint zumindest Linderung in Sicht. „Die syrische Regierung hat Hilfslieferungen für die vom Hungertod bedrohten Menschen in Madaya zugestimmt“, bestätigte die UN-Sprecherin Ghalia Seifo in Damaskus dem Abendblatt. Der Hilfstransport solle in den kommenden Tagen stattfinden, die Vorbereitungen seien bereits angelaufen.

Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte war zuletzt Mitte Oktober eine Kolonne mit 21 Lastwagen voller Medikamente und Nahrungsmittel nach Madaya gelangt. Seither seien die Menschen auf sich gestellt. FSA-Kämpfer in der Stadt versuchen offenbar, trotz der verheerenden Lage noch Profit zu schlagen. Nach Angaben von Augenzeugen kostet auf dem Schwarzmarkt ein Kilogramm Milchpulver für Babys inzwischen rund 300 Euro. Der Preis für ein Kilo Weizenmehl und ein Kilo Reis soll jeweils bei mehr als 200 Euro liegen.

Madaya wird zum Verhängnis, dass die Stadt an einem strategisch wichtigen Ort liegt. Das syrische Regime und die Hisbollah beherrschen den größten Teil des Gebiets an der Grenze zum Nachbarland Libanon. Die vom Iran unterstützte Miliz will die gesamte Region unter Kontrolle bringen, um eine Pufferzone gegen die Rebellen zu haben. Schon im vergangenen Jahr bombardierten Armee und Verbündete die nahe gelegene Stadt Sabadani über Wochen ohne jede Rücksicht auf Zivilisten. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer (SPD), äußerte „größte Sorge“ über die Lage der Zivilbevölkerung in Madaya. Er appellierte an Länder wie Russland und den Iran, sich beim syrischen Machthaber Assad dafür einzusetzen, dass „humanitärer Zugang“ geleistet werden kann. „Wir stehen in Syrien mit Hilfsgütern bereit, aber wir brauchen sicheren Zugang zu Madaya“, erklärt eine Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf.

Doch die Belagerung von Madaya ist kein Einzelfall. Insgesamt seien fast 400.000 Menschen in 15 Orten von der Außenwelt abgeschnitten, melden die UN in Damaskus. „Sie haben keinen Zugang zur dringend benötigten lebensrettenden Hilfe.“ Rund 4,5 Millionen Einwohner leben nach UN-Angaben in nur schwer erreichbaren Gebieten. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz schätzt, dass derzeit 18 Millionen Menschen in Syrien leben. Zwölf Millionen davon bräuchten Hilfe. Acht Millionen Syrer seien innerhalb ihres Landes auf der Flucht, sagt Rotkreuz-Sprecher Krzysiek.

Wer spenden möchte, kann das online bei Unicef auf deren Internetseite: www.unicef.de/spenden oder über das Rote Kreuz auf www.drk.de. Die Höhe des Spendenbetrags und auch der Verwendungszweck können dabei ausgewählt werden.