Ein interner Polizeibericht offenbart das Ausmaß der Krawalle in Köln. Abschiebungen von Straftätern sind schwierig

Zu viele Angreifer, zu wenig Polizei

Köln/Berlin. Frauen auf der Flucht vor sexuellen Übergriffen; Polizisten und Passanten, die gemeinsam gegen Raub- und Vergewaltigungsversuche kämpfen – immer neue Details zeichnen ein immer verstörenderes Bild der Kölner Silvesternacht. Es werde Tote geben, fürchtete ein leitender Beamter der Bundespolizei, als er im Getümmel am Kölner Hauptbahnhof feststeckte. Sein Augenzeugenbericht, aus dem gestern zunächst die „Bild“-Zeitung zitierte, skizziert einen „Spießrutenlauf für Frauen“, den „man nicht beschreiben kann“.

Während der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers bis Montag „keine weiteren Details“ preisgeben will, sieht er sich neuen Vorwürfen ausgesetzt. Wesentliche seiner Aussagen seien offenbar unwahr, berichtet die „Welt am Sonntag“ unter Berufung auf Polizeikreise. So sei lange bekannt gewesen, dass die meisten der rund 100 Kontrollierten in der Silvesternacht Syrer gewesen seien. Doch das habe die Polizei verschwiegen.

In den Fokus gerät auch NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD). Für die Jahreswende hatte die Kölner Polizei Verstärkung angefordert. Doch die zuständige Landespolizeibehörde, die Jäger untersteht, schickte 38 Beamte weniger als erbeten.

Dabei hätten mehr Kräfte wohl etwas weniger Leid und Schrecken bedeutet in dieser Nacht. Das macht der Bericht des Bundespolizisten bedrückend deutlich: Erst hätten „einige Tausend meist männliche Personen“ Feuerwerkskörper und Flaschen „wahllos in die Menschenmenge“ geworfen. Als immer mehr „Menschen mit Migrationshintergrund“ auf den Bahnhofsvorplatz und in die Halle vorrückten, habe eine Fluchtwelle eingesetzt. Aufgewühlte Passanten liefen herbei, meldeten „Schlägereien, Diebstähle, sexuelle Übergriffe auf Frauen“. Bedrohte Frauen suchten Schutz bei der Polizei. Doch die war zu schwach besetzt, um die Angreifer stoppen zu können. Er sei sich mit einem führenden Landespolizisten einig gewesen, berichtet der Beamte: Dieses Chaos werde „noch zu erheblichen Verletzungen, wenn nicht sogar zu Toten führen“.

Dass es nicht zum Schlimmsten kam, ist dem Polizistenbericht zufolge reiner Zufall. Denn die Lage geriet immer mehr außer Kontrolle: „Im Einsatzverlauf erschienen zahlreiche weinende und schockierte Frauen/Mädchen bei den eingesetzten Beamten und schilderten sexuelle Übergriffe durch mehrere männliche Migranten/-gruppen“, protokollierte der Polizist. Und: „Eine Identifizierung war leider nicht mehr möglich.“ Die Einsatzkräfte „konnten nicht allen Ereignissen, Übergriffen, Straftaten u.a. Herr werden, dafür waren es einfach zu viele zur gleichen Zeit“.

Als Folge trennten Opfer und potenzielle Beschützter oft nur wenige Meter, ohne dass Straftaten verhindert wurden. „Hilferufe von Geschädigten“ verhallten. Alkoholisierte und anders berauschte Gruppen verschoben sich gezielt dorthin, wo die Polizei helfen wollte. Wer Hinweise auf Täter gab, sei „bedroht oder im Nachgang verfolgt worden“. Die zahlenmäßige Unterlegenheit habe „alle eingesetzten Kräfte ziemlich schnell an die Leistungsgrenze“ gebracht. Immerhin sei der Vollzug einiger „Vergewaltigungen verhindert“ worden.

Warum das Land Nordrhein-Westfalen nicht die gewünschte Anzahl an Verstärkung schickte, wollte Innenminister Ralf Jäger dem Abendblatt gestern nicht sagen. Der Sprecher des ihm unterstellten Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste NRW (LZPD), Jan Schabacker, sagte, es habe „keinerlei Erkenntnisse“ gegeben, „dass es in Köln zu einem solch schockierenden Szenario in der Silvesternacht kommen könnte“. Man habe die Stadt bereits an Silvester mit zusätzlichen Kräften versorgt. Warum nur zwei Einsatzzüge à 38 Mann geschickt wurden, und nicht – wie angefordert – drei Züge, darauf ging Schabacker nicht näher ein. Die Bilanz der Kölner Polizei gestern: 121 Strafanzeigen seien bisher eingegangen, „16 junge Männer“ habe die 80-köpfige Sonderkommission identifiziert.

Diese Nacht der Gewalt wirkt auch eine Woche später noch nach. Gestern Mittag ist sie in allen Gesprächen unterm Kölner Dom gegenwärtig. In den Unterhaltungen der Reisenden, Pendler und Touristen. Aus dem Grundrauschen eiliger menschlicher Kommunikation flattern immer wieder dieselben Satzfetzen auf: „sicher fühlen“ (ein junges Elternpaar), „die meisten Taschendiebstähle und Banden“ (drei ältere Frauen), „nicht schützen können“ (zwei Freundinnen), „nicht einschüchtern lassen“ und „das darf sich nicht wiederholen“ (zwei Männer).

Immer noch stehen die Übertragungswagen der Fernsehsender vor dem Bahnhof. Die Lokalteile der Kölner Zeitungen drucken weiter Augenzeugenberichte ab. Ausländische Journalisten fragen Kölner nach ihrer Meinung. Eine Antwort: „Typisch Köln, die spielen schon wieder auf Zeit, alles soll vertuscht werden, so ist Köln“, schimpft ein Rentner ins Mikrofon.

Auf der Domtreppe unterhalten sich zwei Studentinnen. „Ich hoffe, das war ein einmaliges Ereignis, es war ja auch Silvester“, sagt Linah Leuters, und ihre Freundin Annick Pfeiffer hofft das auch. „Man hat Pfefferspray“, sagt sie noch, „aber damit kannst du zwei umlegen und nicht 400.“ 280.000 Menschen laufen täglich durch den Bahnhof, alle 30 Minuten geschieht eine Straftat, vor allem ein Diebstahl, sagen die Zahlen der Bahn und der Polizei. Lange schon hat die Bahn angekündigt, das System der Überwachungskameras 2016 oder 2017 auszubauen, als Reaktion auf die Bombe im Bonner Bahnhof 2012. Doch stattdessen ist der Kölner Hauptbahnhof zu einer Rumpelkammer geworden: In dem riesigen Gebäude hat man erst kurz vor dem Ausgang eine freie Sicht, ansonsten ist es zugebaut.

Steht man auf der Domplatte, kann man hinter der Bahnhofshalle den Dachfirst des Kölner Musical-Doms sehen. Darauf zeigt ein Transparent, was sie spielen in diesen Wochen: „Bodyguard“ – Leibwächter.