Salzburg

Durchgangsstation auf dem Weg nach Deutschland

Salzburg. Sie stehen auf, jubeln, wollen hoch auf Gleis drei, da ist gerade der RJ 60 von Budapest-Keleti nach München Hauptbahnhof eingefahren. Doch die Polizisten lassen sie nicht. Der Zug ist voll. Dolmetscher schreien arabische Wörter in Megafone. Sie versuchen, die Flüchtlinge zu beruhigen. Einer sagt: „Please, sit down.“ („Bitte, setzt euch.“) Es sind 150 Menschen. Nur wenige von ihnen werden heute einen Zug nach Deutschland nehmen, wenn überhaupt.

Der Hauptbahnhof in Salzburg ist das Nadelöhr des Flüchtlingsstroms nach Deutschland geworden, seit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) angekündigt hat, wieder Grenzkontrollen zu Österreich einzuführen. Busse kommen, bringen immer mehr Menschen. Die Polizei holt die Flüchtlinge aus den Zügen, die in Salzburg enden. Diese folgen ihnen nur widerwillig. Die Balkanroute ist an der Grenze zu Deutschland nicht mehr so durchlässig wie in der vergangenen Woche. Die Zeitung „Salzburger Nachrichten“ schreibt am Dienstag auf der ersten Seite in einem Leitartikel: ­„Österreich steckt in der Zwickmühle.“ Ungarn schiebe noch schnell Zehntausende Flüchtlinge ab – und Deutschland lasse „die Rollos runter“.

Der Zugverkehr zwischen Österreich und Deutschland ist hier fast eingestellt. Die Regionalbahnen haben den Betrieb eingestellt. Und die, die noch nach Deutschland fahren, werden hinter der Grenze in Freilassing kontrolliert. Die Flüchtlinge werden von der Bundespolizei aus den Zügen geholt. Dort müssen sie sich registrieren.

Wie viele Flüchtlinge gerade am Hauptbahnhof Salzburg sind, weiß nicht einmal die Polizei. Es ist auch nicht einfach, den Überblick zu behalten. Michael Rausch, Leiter der Pressestelle der Bundesdirektion Salzburg, sorgt sich um die Sicherheit auf dem Bahnhof. „Die Personen werden so geordnet wie möglich den Zügen zugeführt“, sagt Rausch. „Die Flüchtlinge wollen die Züge ja fast schon stürmen. Die sind manchmal kaum noch aufzuhalten.“ Die Österreicher, die auf die Gleise wollen, schlängeln sich durch den Spalt zwischen Polizisten und Flüchtlingen. „Katastrophe“, sagt ein älterer Mann.

60 Polizisten sind an diesem Dienstag im Hauptbahnhof im Einsatz. Sie sperren vor allem die Rolltreppen zu den Gleisen. Davor sitzen die Menschen auf dem Boden und warten. Kleinkinder hocken neben großen Kuscheltieren. Viele Erwachsene sind mit ihrem Smartphone beschäftigt.

Issa Mohamed, 25, und Mohamed Amin, 24, lehnen sich an die Wand, hören Musik über ihr Handy. Sie kommen aus Syrien, sind vor vier Wochen in Damaskus gestartet. Sie sprechen kaum Englisch, aber sie machen deutlich, dass sie nach Frankfurt/Main wollen, weil Teile ihrer Familien dort leben.

Das Dublin-Abkommen der EU besagt: Ein Asylbewerber muss in dem Land registriert werden, in dem er die EU betritt. Griechen und Ungarn machen das oft nicht. Und die Österreicher? Dazu sagt Polizei-Sprecher Rausch: „Theoretisch ja, praktisch wird das nicht durchführbar sein.“ Nur 52 von mehr als 1000 Flüchtlingen haben hier am Montag einen Asylantrag gestellt. Die anderen schlafen lieber in der Tiefgarage unter dem Hauptbahnhof, wo Feldbetten aufgestellt sind. Sie hoffen, dass es bald weitergeht.

Wolfgang Riedlsperger ahnt, warum kaum ein Flüchtling in Österreich bleiben will. Der Bundesheer-Vizeleutnant war eineinhalb Jahre in der Pufferzone zwischen Israel und Syrien auf den Golanhöhen stationiert. „Ich habe den Menschen da erzählt, dass ich aus Austria bin“, sagt der Soldat. „Da verstehen die Australia und denken an Kängurus.“ Austria, also Österreich, sei vielen Flüchtlingen nicht bekannt. „Wir sind hier nur Durchgangsstation.“