Berlin

Die Illusionen der Erben-Generation

Allensbach-Studie über die Menschen zwischen 30 und 60: Nur jeder Zwanzigste rechnet mit einem Nachlass von mehr als 300.000 Euro

Berlin. „Generation der Erben“ werden sie genannt: Die Deutschen zwischen 30 und 60, die auf das Vermögen der schrulligen Großtante, der reichen Großeltern und oder Eltern spekulieren konnten. Mit dem Erbe ein Haus bauen, das Studium der Kinder finanzieren, das eigene Alter absichern: Für viele eine sichere Bank, dachte man. Jetzt zeigt eine Umfrage: Mit größeren Summen können nur die wenigsten rechnen. Doch über eine andere Altersvorsorge wollen sie trotzdem nicht nachdenken.

Im Moment haben die Menschen in Deutschland so viel Geld wie noch nie: Ihre Vermögen in Form von Bargeld, Wertpapieren, Bankeinlagen oder Ansprüchen gegenüber Versicherungen sind laut Bundesbank zuletzt auf das Rekordniveau von 5212 Milliarden Euro geklettert. Immer größere Vermögen werden damit auch vererbt – wie viel ist allerdings umstritten. Nach aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamts summierten sich die Erbschaften 2013 auf 30,5 Milliarden Euro. Die Postbank schätzt sogar, dass in diesem Jahr bundesweit 274 Milliarden Euro vererbt werden. 2020 könnten es schon 330 Milliarden sein.

Und doch – zu diesem Schluss kommt das Allensbach-Institut in einer am Mittwoch präsentierten Umfrage – rechnen nur 22 Prozent der 30- bis 59-Jährigen in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten mit einer Erbschaft. 15 weitere Prozent haben gerade eine gemacht, vier Prozent werden ein zweites Mal erben. „Es wird immer vermutet, dass viele für die Altersvorsorge auf Erbschaften setzen können. Das zeigt sich aber nicht so“, sagt Alexander Erdland, der Präsident der deutschen Versicherer.

Wer eine Erbschaft erwartet, plant sie zwar häufig für die Altersvorsorge ein. Aber nur in den wenigsten Fällen kann das Geld von Opa oder Großtante nennenswert dazu beitragen, sagen die Meinungsforscher. Nur jeder zwanzigste Erbe rechne mit einem Nachlass von mehr als 300.000 Euro.

Wer erbt, hat oft schon ein eigenes Vermögen angesammelt

Wie so häufig trifft es dabei die, die eine Finanzspritze nicht unbedingt nötig hätten: „Diejenigen, die nennenswerte Erbschaften machen werden, sind die, die jetzt schon gut begütert sind“, sagt Erdland. In niedrigen sozialen Schichten erbt der Umfrage zufolge jeder vierte, in hohen mehr als jeder zweite. Meinungsforscherin Köcher bringt es auf den Punkt: „Erbschaften werden zunehmend zum Faktor – aber selektiv nur in bestimmten Schichten.“

Wer im Alter nicht aufs Erbe setzen kann, muss anders planen. Doch immer mehr Leute tun das der Allensbach-Umfrage zufolge kaum oder gar nicht. Die Zahl der Nichtvorsorger stieg in den vergangenen drei Jahren auf 22 Prozent. „Bei der Altersvorsorge ist der Schwung verloren gegangen“, sagt Erdland.

Dabei macht sich jeder Zweite in Deutschland Sorgen um den Lebensstandard im Alter. Warum wird also weniger vorgesorgt? In den unteren sozialen Schichten fehlten zum Teil die Möglichkeiten, sagt Köcher. Zugleich seien Sparen und Anlegen derzeit nicht attraktiv. „Eine risikofreie gute Rendite ist gerade nicht realisierbar.“

Und dann ist da noch die „Generation der Zufriedenen“: 91 Prozent der 30- bis 59-Jährigen bewerten die Lebensqualität in Deutschland derzeit als gut bis sehr gut. Doch es gibt auch die anderen: Nur jeder Fünfte in der niedrigsten von drei sozioökonomischen Gruppen gab an, sein Lebensstandard habe sich in den vergangenen fünf Jahren eher verbessert.

Insgesamt aber gelte: „Die Ängste um die Sicherheit des Arbeitsplatzes sind so gering, wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, so Köcher. Doch die Wirtschaft sei nicht der einzige Grund für die positive Stimmung. Auch die politische Stabilität trage viel dazu bei.

So richtig etwas ändern wollen sie deshalb nicht. „Das hat damit zu tun, dass die finanziellen Spielräume wachsen und sich die Staatsfinanzen positiv entwickeln“, meint Köcher. Es steige auch das Vertrauen in die staatliche Absicherung. Doch das könne trügerisch sein, meint die Meinungsforscherin. „Ich verstehe nicht, warum die Leute das Interesse an der eigenen Zukunft verlieren.“

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