Moskau/Berlin

Wie Russland unter den Sanktionen leidet

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Ein Jahr Embargo: Camembert und Mozzarella müssen selbst hergestellt werden

Moskau/Berlin.  Als Kremlchef Wladimir Putin das russische Embargo für Lebensmittel aus der EU und den USA kürzlich um ein Jahr verlängerte, rieben sich die Strategen in Moskau die Hände. Die Entscheidung sei „Balsam für die Seele“, jubilierte Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschjow. „Wir sehen, wie sich der Importstopp positiv auf die Agrarwirtschaft auswirkt“, betonte er. Verbände und Experten aber schlagen Alarm: Fälschungen überschwemmen den Markt, und überteuerte Waren belasten die Geldbeutel der Verbraucher.

Mit dem Einfuhrverbot für Fleisch, Obst, Gemüse und Milchprodukte aus westlichen Ländern hatte Russland am 6. August 2014 auf die wenige Tage zuvor eingeleitete Sanktionskaskade von EU und USA wegen der Ukraine-Krise und der Annexion der Krim durch Russland reagiert. Die russische Führung lässt kaum eine Gelegenheit aus, auf den Schaden zu verweisen, den sich die EU mit den Strafmaßnahmen selbst zufügt: Bis zu 100 Milliarden Dollar (90 Milliarden Euro) sollen es sein.

Zwar ist zwischen August 2014 und Mai 2015 der Lebensmittelimport in Russland insgesamt um sieben Milliarden auf 1,6 Milliarden Dollar abgesackt. Doch in Moskaus Supermärkten deutet nichts auf eine Krise hin. Die Auslagen sind voll – auch mit Waren, die eigentlich wegen des Importverbots fehlen sollten. Camembert und Mozzarella zum Beispiel werden nun in Russland hergestellt, ganz im Sinne des Kreml.

Aber vor allem bei der Qualität ist die Bilanz nach einem Jahr russischer Gegenmaßnahmen aus Sicht von Andrej Danilenko, Chef des russischen Molkereiverbandes, miserabel. Das Importverbot habe bei Milchprodukten zu einer ernsthaften Verschlechterung geführt, kritisiert er großen Zeitungen zufolge. Der Grund: Produktfälschung im großen Stil. „Einige senken ihre Kosten, indem sie billigere, aber nicht immer qualitativ bessere Rohstoffe verwenden oder die Verpackung ändern“, klagt Dmitri Wostrikow, Direktor vom Verband der Lebensmittelhersteller. Russlands Produzenten müssen sparen, wo sie können, denn der Konsum läuft nicht. Wegen einer schweren Wirtschaftskrise und gesunkener Weltmarktpreise für die Hauptexportgüter Gas und Öl sind die Einkommen durchschnittlich um 8,5 Prozent gesunken. Die Preise für Lebensmittel aber sind der Statistikbehörde zufolge innerhalb eines halben Jahres um mehr als 14 Prozent gestiegen.

Vor allem aber die Sanktionen im Technologiebereich machen Russland zu schaffen. Die dringend notwendige Modernisierung der Wirtschaft kann nicht so ohne Weiteres durch chinesische Produkte ersetzt werden. Die technologische Lücke zwischen Russland und dem Westen wird trotz aller markigen Bekundungen aus dem Kreml, eine Weltmacht und starke Nation zu sein, wachsen.

Allerdings haben die Sanktionen natürlich auch negative Auswirkungen in umgekehrter Richtung. Der deutsche Maschinenbau etwa leidet besonders stark unter dem Einbruch des Russland-Geschäfts – denn die Branche ist für mehr als ein Fünftel (2014: 22 Prozent) aller deutschen Ausfuhren in das Riesenreich verantwortlich. 2014 brachen sie um 17 Prozent ein. Damit ging das Geschäft im Volumen von 1,3 Milliarden Euro verloren. Russland fiel dadurch in der Rangliste der wichtigsten Abnehmerländer auf Rang zehn zurück. 2013 war das Land noch der viertgrößte Absatzmarkt für den deutschen Maschinenbau. In diesem Jahr setzt sich der Trend fort: Allein bis Mai gingen die Exporte um 30 Prozent zurück.

Auch der russische Automarkt brach im vergangenen Jahr um zehn Prozent ein. Das trifft nicht alle deutschen Hersteller gleichermaßen. Für Daimler ist Russland nur ein vergleichsweise kleiner Markt. Europas größter Autobauer Volkswagen muss dagegen spürbare finanzielle Einschnitte in Kauf nehmen. Der Autobauer Opel stellt wegen der Absatzkrise sein Geschäft auf dem einstigen Hoffnungsmarkt bis zum Jahresende komplett ein.

Dass die Sanktionen allein ein Ende der neuen Eiszeit zwischen Russland und dem Westen herbeiführen könnten, glaubt niemand. Also wird auch nach den Möglichkeiten von weiteren diplomatischen Kanäle gesucht. Deutschland setzt sich zum Beispiel bei der Nato für eine Wiederbelebung des Nato-Russland-Rats ein. Nach Angaben der Vertretung der Bundesregierung in der Bündniszentrale in Brüssel nehmen mittlerweile viele den Mangel an Kommunikation mit Russland als Belastung wahr. „Die Dinge entwickeln sich“, sagte der deutsche Botschafter Martin Erdmann. Konsens gebe es allerdings noch nicht.

Der Nato-Russland-Rat war 2002 gegründet worden, um Russland eng in die Arbeit der Nato einzubinden und Vertrauen zwischen den Gegnern von einst zu bilden. Er tagte auf Diplomatenebene zuletzt im Juni 2014. Seitdem liegt der Dialog wegen des eskalierten Ukraine-Konflikts auf Eis.

( HA )

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