Berlin

Bosbach tritt kürzer, nicht zurück

CDU-Politiker gibt wegen Griechenland Vorsitz des Innenausschusses ab, Abgeordneter bleibt er

Berlin.  Monatelang überlegte er, „wie es weitergehen soll“. Ergebnis: Es geht weiter für Wolfgang Bosbach. Gestern gab der CDU-Abgeordnete bekannt, dass er im Bundestag bleiben, allerdings den Vorsitz im Innenausschuss niederlegen werde – wegen Griechenland!? Das ist arg verwirrend und erklärungsbedürftig. Bosbachs Internetseite brach mittags zusammen, als seine Mitarbeiter dort seine Erklärung – „ausnahmsweise: In eigener Sache“ – einstellten.

Man muss lange zurückgehen, sagen wir mal: bis Ende Februar. Damals schüttete der Abgeordnete für den Rheinisch Bergischen Kreis der „Rheinischen Post“ sein Herz aus. Jede Abstimmung über neue Hilfen für Griechenland sei eine Frage der Solidarität mit der Bundesregierung. Der „Euro-Rebell“ sprach über eine Loyalitätsfalle. Er konnte seinen Überzeugungen oder der Kanzlerin treu bleiben, nie beiden gleichzeitig. Er war es leid. „Ich will nicht immer die Kuh sein, die quer im Stall steht.“

Fortan wurde der 63-Jährige bei jeder Griechenland-Entscheidung gefragt, wie es weitergehe. Er saß in einer Argumentationsfalle. Um nicht unglaubwürdig zu werden, musste eine Entscheidung her. Mit seiner Partei daheim beriet er sich, heraus kam ein Ergebnis wie aus einem kölschen Lied: „Niemals geht man so ganz.“ Bosbach gibt den Vorsitz im Innenausschuss ab, bleibt aber im Bundestag und der Kanzlerin als Euro-Rebell erhalten. Er will mit dem Schritt klarmachen, dass er weniger an Ämtern, aber umso mehr an Überzeugungen hänge, für die er im Parlament werben könne: „Ohne Mandat wäre mir das nicht mehr möglich.“ Bosbach tritt also nicht zurück, sondern kürzer, was ihm ganz gut tut, denn er ist krebskrank. Er wird sich mehr auf seinen Wahlkreis konzentrieren und womöglich energischer, jedenfalls unabhängiger denn je auftreten.

Nach der Entscheidung und einer kurzen Presseerklärung zog er sich zurück, um mit seinen Eltern deren 67. Hochzeitstag zu feiern. Anrufer wimmelte er ab: „Ich mach jetzt Familie.“ Und diesmal war nicht die CDU gemeint. Die hat ihm zuletzt viel zugemutet, speziell Generalsekretär Peter Tauber. In seinem Blog hatte Tauber gelästert, „man kann auf verschiedene Arten Nein sagen. Manche Abgeordnete machen daraus ein Geschäftsmodell.“ Bosbach wurde nicht erwähnt, fühlte sich aber angesprochen. Gestern erzählte er, „vielleicht denken jetzt viele: Das solle man nicht einmal ignorieren! Mich allerdings lässt eine solche Kritik nicht kalt.“

Weder an der Parteibasis noch in seinem Freundeskreis habe er Zustimmung für einen Rücktritt gefunden. Er wird weiter Nein zu Griechenland-Paketen sagen und auf allen Kanälen gefragt sein – als „Abweichler“. Was ihn selbst am meisten irritiert. Er war schon immer dagegen, dass die Währungsunion zur Haftungs- und Transferunion wird. Nicht er, die CDU hat sich gedreht. So sieht er es jedenfalls.

Im Innenausschuss wird er schon jetzt parteiübergreifend vermisst. Er habe ihn als fairen, streitbaren und „witzigen Kollegen kennen- und schätzen gelernt“, sagte der Linken-Politiker Jan Korte. Er sei „traurig“, bekannte der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Dieter Wendt, denn „kaum jemand konnte die komplizierten Sachverhalte der inneren Sicherheit so auf den Punkt bringen.“