Srebrenica

Viele gute Worte und alte Feindschaften

Am 20. Jahrestag des Völkermordes von Srebrenica wird Serbiens Premier angegriffen

Srebrenica. Politiker und Würdenträger blieben beim Gedenken an den Völkermord in Srebrenica vor 20 Jahren an diesem Sonnabend unter sich. In der ehemaligen Batteriefabrik, dem damaligen Sitz der Uno-Soldaten, lauschen sie in ihren Sitzen nicht weniger als 15 Reden: Klagen über die ausgebliebene Verteidigung der „Uno-Schutzzone Srebrenica“, Forderungen nach dem Auffinden Hunderter immer noch unbehelligt lebender Täter und Aufrufe zur Versöhnung allenthalben.

An dem Totengedenken nehmen zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus der Region sowie viele Minister aus Westeuropa teil. Neben dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton und der ehemaligen Außenministerin Madeleine Albright ist auch der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu in die Gedenkstätte gekommen, in der bisher 6241 der über 8000 ermordeten muslimischen Jungen und Männer beerdigt wurden.

Kurz vor dem Ende des Bosnienkriegs waren bosnisch-serbische Milizen in die damalige Uno-Schutzzone einmarschiert, hatten an leicht bewaffneten niederländischen Blauhelmsoldaten vorbei das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg verübt.

Die illustren Gäste hatten aber offensichtlich so viel anderes zu besprechen, dass die Gedenkfeier erst mit 35 Minuten Verspätung starten konnte, während Zehntausende draußen an den Gräbern unter sengender Mittagssonne ausharren mussten. Familienangehörige der 136 neu Bestatteten saßen stundenlang an den mit bosnischen Nationalfähnchen und grünem Stoff beschlagenen Särgen.

Auch nach so vielen Jahren spielen sich herzzerreißende Szenen ab. Viele Angehörige und Freunde brechen immer wieder in Tränen aus. Manche verharren im stillen Gebet. Die Frauen tragen vor allem weiße, aber auch rosarote Kopftücher und Schals. Beim islamischen Stundengebet Namaz unter Anleitung Dutzender Imame und bei der ergreifenden Beerdigungszeremonie steht ihnen der Schmerz förmlich ins Gesicht geschrieben.

Trotz Tausender Polizisten und Geheimdienstler kommt es doch zu einem schweren Zwischenfall. Serbiens Regierungschef Aleksandar Vucic, zu Beginn von den „Müttern Srebrenicas“ noch überaus freundlich empfangen, wird angegriffen. „Bringt Vucic um!“, ruft eine aufgebrachte Menge beim Gang des serbischen Regierungschefs durch die Gedenkstätte. Flaschen, Schuhe und Steine fliegen, die den Politiker leicht im Gesicht verletzen. Auch seine Brille geht zu Bruch. Sicherheitskräften gelingt es in letzter Minute, die Vucic-Delegation aus der Gefahrenzone zu bringen.

Der oberste islamische Geistliche, Husein Kavazovic, kann mit einem Appell an die Gläubigen die kritische Situation wieder unter Kontrolle bringen. Die Vucic-Angreifer hatten ein Transparent mit einer seiner alten problematischen Aussagen ausgerollt: „Für jeden getöteten Serben 100 Muslime“, hatte er ein paar Tage nach dem Völkermord im Parlament verlangt. Heute sagt er, die Bemerkung sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Von den Vereinten Nationen und der EU bis zu zahlreichen Außenministern und allen Medien werden die Angriffe scharf verurteilt. Srebrenica-Bürgermeister Camil Durakovic spricht von einem „Werk kranker Hirne“. Die Polizei hat bis Sonntag aber trotz der vielen Fotos und Videos von der Attacke noch keinen Angreifer festgenommen. Experten kritisierten, man hätte Vucic niemals an Tausenden Opferfamilien vorbeigehen lassen dürfen.

Die Gedenkstätte „Potocari wurde geschändet“, kommentiert die Zeitung „Oslobodjenje“ am Sonntag in Sarajevo. „Damit sind auch die Mütter Srebrenicas angegriffen worden“, kritisiert deren Präsidentin Munira Subasic. Auch das islamische Oberhaupt Husein Kavazovic zeigte sich in der Zeitung „Dnevni avaz“ enttäuscht: „Trotz allen Schmerzes hätte das niemals passieren dürfen.“

Aber nicht nur dieser Zwischenfall deutet auf die alten Fronten hin, die noch längst nicht im Sinne der beschworenen Versöhnung geklärt sind. Der langjährige Kosovo-Regierungschef und heutige Außenminister Ha­shim Thaci konnte an der Gedenkfeier nicht teilnehmen, weil ihm die bosnischen Serben die Durchfahrt versperrten. Der Albaner ist für die Serben ein Kriegsverbrecher.

Srebrenica gleicht auch nach 20 Jahren eher einer Geisterstadt mit nur wenigen Bewohnern und noch weniger zurückgekehrten Flüchtlingen. Wirtschaftlich liegt der Ort am Boden mit teilweise immer noch nicht wiederaufgebauter Infrastruktur. Ausländische Helfer, die sich dort auskennen, sehen wie der Pensionsbesitzer Avdo Purkovic mehr schwarz als rosa für die Zukunft. Nach diesem runden Jahrestag der traurigsten Stunden der Stadt wird Srebrenica wohl noch mehr von der internationalen Politik vergessen werden, mutmaßen sie.