Stuttgart

Kirchentag endet mit Aufruf zu Flüchtlingshilfe

Terror, Krieg und weltweite Krisen haben die Debatte des Christentreffens bestimmt, das ein Glaubensfest für den Frieden sein sollte

Stuttgart.  Islamistischer Terror, Flüchtlingselend und Schuldenkrisen: Zum Abschluss des Deutschen Evangelischen Kirchentags haben sich die Debatten noch einmal um sehr weltliche Konflikte gedreht. Das fünftägige Christentreffen in Stuttgart ging am Sonntag mit einem Appell für mehr Flüchtlingshilfe und Mitmenschlichkeit zu Ende.

Bei strahlendem Sonnenschein kamen nach Angaben der Organisatoren rund 95.000 Menschen zum Schlussgottesdienst auf dem Cannstatter Wasen zusammen. Kirchentags-Präsident Andreas Barner, Chef des Pharmariesen Boehringer Ingelheim, schwärmte von der toleranten Atmosphäre des Glaubensfestes, das eine Friedensbotschaft senden wollte.

„Nicht nur die Politiker beim G7-Gipfel, wir allen stehen in der Verantwortung“, sagte Pastorin Nora Steen in ihrer Predigt am Sonntag. Sie erinnerte an die Flüchtlingstragödien auf dem Mittelmeer: „Diejenigen, die ihre Sehnsucht nach einem Leben in Europa mit dem Tod bezahlen, gehen uns etwas an.“ Bei mehr als einem Dutzend Rettungsaktionen sind am Wochenende im Mittelmeer wieder Tausende Flüchtlinge in Sicherheit gebracht worden.

Viele Besucher suchten beim Kirchentag bei gemeinsamen Gebeten und einer Ideenbörse – dem „Markt der Möglichkeiten“ – neue Zuversicht im Glauben. „Das war ein unglaubliches Gefühl von Gemeinschaft, das ich nie vergessen werde“, erzählte eine Teilnehmerin. „Dass es möglich ist, zusammen eine Mission zu haben, für eine friedlichere Welt – das ist eine schöne Vision“, sagte eine Stuttgarter Pfarrerin.

Das Christentreffen mit vollen Kirchentagshallen steht gewissermaßen im Kontrast zum Alltag der Kirche, die einen stetigen Mitgliederschwund hinnehmen muss. In Deutschland gibt es noch rund 23 Millionen Protestanten. Etwa eine Million Mitglieder mehr hat die katholische Kirche, die in Deutschland ebenfalls stetig kleiner wird.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) warb in Stuttgart für eine aktive Rolle Deutschlands bei der Lösung internationaler Konflikte: „Sich herauszuhalten, scheint manchmal eine verlockende Alternative für viele, aber sie darf es nicht sein.“ In einer mit 10.000 Zuhörern komplett gefüllten Halle rief der frühere Generalsekretär der Vereinten Nationen (Uno), Kofi Annan, dazu auf, internationale Organisationen wie die Uno und den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu reformieren und demokratischer zu machen.

Knapp 100.000 Dauerteilnehmer feierten fünf Tage lang den Kirchentag – etwa 20.000 weniger als vor zwei Jahren in Hamburg. Dazu kamen etwa 35.000 weitere Tagesgäste in die Landeshauptstadt. Auch die Gluthitze von bis zu 35 Grad konnte die meisten Protestanten nicht schrecken – sie brachten Festivalstimmung in die Stuttgarter Innenstadt.

In zwei Jahren wird der Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg organisiert. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretsch­mann (Grüne) sagte, er hoffe, es komme bald die Zeit, in der nur noch ökumenische Kirchentage gefeiert werden – von Protestanten und Katholiken gemeinsam.