Stuttgart

Protestanten streiten bei Kirchentag

Frühere EKD-Vorsitzende Käßmann fordert Schuldenschnitt für Griechenland – Finanzminister Schäuble widerspricht ihr

Stuttgart.  Es ist nicht nur das lange Schlangestehen unter der gleißenden Sonne, das so manchem Besucher des Evangelischen Kirchentags in Stuttgart die Kraft raubt. Auch in seinen Debatten ist das Glaubensfest trotz kontroverser Themen im Vergleich zu früheren Jahren zahm geworden. Brav gibt es Applaus bei den Auftritten der Politiker, die das Protestantentreffen als Bühne zu nutzen wissen. Vorbei sind die Zeiten, in denen der politischen Klasse etwa wegen der Nachrüstung Empörung und wilder Protest entgegenschlugen.

Vernachlässigte Themen, die erst durch den Kirchentag in die Gesellschaft getragen werden, gibt es kaum noch – längst sind die Themen der Kirche auch die der Politik. Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) will am Freitag über das Freihandelsabkommen TTIP diskutieren, um Flüchtlingspolitik und Kirchenasyl geht es vorher mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und der Grünen-Bundestagsfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Die Zukunft einer digitalen Gesellschaft hat sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vorgenommen.

Die 10.000 Zuhörer fassende Hanns-Martin-Schleyer-Halle ist am Donnerstag fast bis auf den letzten Platz besetzt, als Bundespräsident Joachim Gauck dem Kirchentagsvolk erklären will: Was kann die Politik für unser Zusammenleben tun? Das Streben nach ständigem Wachstum treibe die Menschen in den kollektiven Burnout, sie hätten Angst, von der Krise eingeholt zu werden, sagt der Soziologe Prof. Hartmut Rosa, der Gauck als Diskussionspartner gegenüber sitzt. Applaus gibt es für ihn genauso wie für Gauck, der sagt, dass alles so schlimm nicht sei. Die seit Jahren auf Kirchentagen erhobene Kritik an einer Politik des wirtschaftlichen Wachstums bezeichnete der Bundespräsident als in Teilen einseitig. Wachstum und Wettbewerb hätten auch zu einem Zuwachs an Freiräumen und Lebensmöglichkeiten geführt.

Der als ehemaliger evangelischer Pfarrer kirchentagserprobte Gauck sparte selbst nicht mit Kritik an dem Protestantentreffen. Das Problem der Kirchentage sei, dass man es sich dort mit Forderungen an die Politik zur Lösung unterschiedlichster Probleme mitunter zu leicht mache. „Wir brauchen Respekt vor dem mühsamen Gestalten des nächsten Schrittes in der Politik.“ Vielleicht klagten und jammerten die Deutschen auch gerne, warf die Moderatorin ein. „Das gibt es besonders auf protestantisch“, bestätigte Gauck – und legte nach: „Ich preise den Gott manchmal besonders, dass er die Katholiken erschaffen hat.“

Viele saßen schon vorher auf ihren Plätzen bei der Bibelarbeit der Theologin Margot Käßmann, die nicht mit ihrer Kritik an einer profitgierigen Wirtschaft sowie der Rüstungsindustrie sparte. Die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) kritisiert vor allem die Gier an den Finanzmärkten und regt einen Schuldenerlass für Griechenland an. Käßmann führt aus, das Erlassen von Schulden sei ein „biblisches Gebot“. „Können nicht auch Staaten frei werden von Schulden?“ fragt die frühere Bischöfin und nannte unter dem Beifall der Besucher als konkretes Beispiel Griechenland. Sie geißelte die Gier nach Vermehrung von Vermögen und forderte eine „Ethik des Genug“.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sieht den Fall ganz anders. Bei allgemeinen Schuldenschnitten, wie sie etwa die kirchliche Erlassjahrinitiative vorschlägt, müssten alle Sparer, Banken und Lebensversicherer enteignet werden. Bei übermäßiger Verschuldung ärmerer Länder gebe es wie im privaten Insolvenzrecht Vereinbarungen zwischen Gläubigern und Schuldnern. Diese Möglichkeit entfalle in einer Währungsunion, betont der Finanzminister.

Innenminister de Maizière unterstreicht in seiner Bibelarbeit, Gewinnmaximierung und hohe moralische Ansprüche ließen sich schwer unter einen Hut bringen. „Es geht um die kluge Nutzung von Geld und Reichtum, es geht um unsere Haltung, um die Prioritäten, die wir uns setzen.“ Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles ruft dazu auf, die sozialen Verhältnisse in Deutschland und der Welt permanent kritisch zu hinterfragen. „Nichts tun und sich in Gegebenes zu fügen, das ist keine Option.“ Ihre Kabinettskollegin Manuela Schwesig (SPD) sagt, sie würde gern „grundsätzliche Dinge“ im Steuerrecht ändern, das Alleinerziehende benachteilige. „Aber das geht im Moment nicht“, räumt die Familienministerin ein. Deshalb habe sie dafür gekämpft, die Steuerentlastung für Alleinerziehende zu erhöhen. Der Berliner Landesbischof Markus Dröge mahnt, das umstrittene transatlantische TTIP-Abkommen dürfe ärmeren Staaten keine Entwicklungschancen rauben. Die Welt habe nur eine Zukunft, wenn ein lebenswertes Leben auf allen Kontinenten möglich sei.

Ein starkes politisches Signal des Stuttgarter Kirchentages ist für den Sonnabend geplant. Eine kilometerlange Menschenkette für den Frieden soll dann quer durch die Innenstadt verlaufen. Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag hatte am Mittwoch begonnen. Bis Sonntag nehmen rund 97.000 Dauerteilnehmer an mehr als 2.500 Veranstaltungen teil.