Berlin

Mama kann nicht mehr

Studie: Frauen leiden unter der Mehrfachbelastung von Job, Familie und Pflege – zugleich helfen sie gern

Berlin.  „Früher war meine Mutter eine tatkräftige Frau. Immer wusste sie genau, wo es langgeht. Manchmal habe ich mich bevormundet gefühlt. Als sie wegen ihrer Vergesslichkeit nicht mehr allein leben konnte, haben wir sie in unser Haus geholt. Meine Mutter wird immer mehr zum Kind. (...) Bei jeder Kleinigkeit fragt sie mich um Rat und Hilfe. Ich habe Angst, dass ich sie bald bemuttern muss, als wäre sie meine eigene Tochter.“

Das schreibt Karin, 51 Jahre alt, auf dem vom Bundesfamilienministerium geförderten und gemeinnützigen Angehörigen-Forum pflegen-und-leben.de und die noch viel jüngere Andrea, sie ist erst 32 Jahre alt, bekennt: „Manchmal weiß ich schon morgens nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Meine Kinder, mein Mann, der Chef in der Firma und auch die Oma, für alle bin ich ständig da. Jeden Tag ist so viel zu erledigen und an so viel zu denken. In all dem Chaos habe ich sogar schon mal vergessen, meinen Sohn aus dem Kindergarten abzuholen. Ich darf gar nicht daran denken, wenn ich mal Omas Tabletten vergessen würde. Das wäre richtig schlimm. Mein Tag müsste 48 Stunden haben, sonst halte ich das nicht mehr lange durch.“

Die beiden stehen stellvertretend für eine Million Frauen in Deutschland, die unter einer „Sandwich“-Situation leiden. Mit Sandwich ist folgendes gemeint: Die Frauen versorgen noch Kinder im Haus und pflegen schon gleichzeitig Angehörige. Diesen Frauen in dieser speziellen Situation hat sich nun eine neue Studie der Zeitschrift „Bild der Frau“ gewidmet, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat in einer repräsentativen Befragung Frauen und Männer zwischen 40 und 59 Jahren in Deutschland zu ihrer Lebenssituation und der Arbeit für und in der Familie befragt. Im November 2014 wurden dazu 1060 Personen interviewt.

Die Ergebnisse: Besonders Frauen mittleren Alters sind mit multiplen Belastungen konfrontiert. Rund drei Viertel der 40 bis 59-Jährigen haben eigene Kinder, gleichzeitig unterstützen alle Frauen dieser Altersgruppe ihre Eltern oder Schwiegereltern auf die ein oder andere Weise, 86 Prozent konkret bei Hausarbeit, Einkäufen, Fahrten oder Arztgesprächen. Rund 18 Prozent der Frauen zwischen 40 und 60 haben bereits pflegebedürftige Angehörige, weitere 29 Prozent rechnen damit in den kommenden Jahren. Das bedeutet, dass sich rund jede zweite Frau mittleren Alters in einer „Sandwich“-Situation zwischen den Generationen befindet. Dabei sind auch noch 79 Prozent der Frauen berufstätig. Und rund 30 Prozent derjenigen, die einen Angehörigen pflegen, arbeiten in Vollzeit.

„Da ist kein Jammern über verpasste Chancen, Träume und Ziele fürs eigene Leben. Die Frauen beeindrucken zutiefst, sind Stütze unserer Gesellschaft“, sagte „Bild der Frau“-Chefredakteurin Sandra Immoor und appellierte, „jetzt gilt es, diese Generation echter Macherinnen zu entlasten und konkret zu unterstützen.“ Und die Aufgabenvielfalt bringt nicht nur Druck und Stress mit sich. 67 Prozent der Befragten kümmern sich laut Umfrage gern. Jede Dritte ist glücklich, helfen zu können. 83 Prozent gaben an, große Freude am Leben zu haben.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), der bei der Präsentation der Studie anwesend war, und das Thema Pflege in der Familie von seiner eigenen Mutter kennt, sagte: „Wir haben in den politischen und gesellschaftlichen Debatten in den vergangenen Jahren fast ausschließlich über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesprochen, dabei haben wir die Pflege vergessen – und das, obwohl wir in einer alternden Gesellschaft leben.“ Nun seien Staat und Unternehmen gleichermaßen gefragt, dieses wichtige Thema aufzunehmen. Die Regierung habe zwar schon einiges zur Verbesserung der Situation von pflegenden Angehörigen getan, doch reiche das insgesamt noch nicht. Seit Januar dieses Jahres gelten für die Pflege neue Gesetze. Zum Beispiel können bis zu zehn Arbeitstage frei genommen werden, um eine akute Pflegesituation zu organisieren, außerdem hat der Pflegende einen Anspruch auf ein Unterstützungsgeld für die hilfebedürftige Person. Zudem haben Angehörige einen Rechtsanspruch auf eine Freistellung von bis zu sechs Monaten. Laut Studie reichen diese Regelungen nicht aus.

Die Pflege erstrecke sich oft über Jahre, dafür stecken Frauen beruflich zurück

Die pflegenden Frauen, sagte Allensbach-Geschäftsführerin Prof. Renate Köcher, wünschen sich vom Staat, um ihre Situation konkret zu verbessern, den Abbau bürokratischer Hürden, beispielsweise bei der Beantragung von Pflegestufen. „Genauso wichtig ist die stärkere Berücksichtigung von Pflegezeiten bei der Rente und die bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf.“ Von den Frauen werde dieser Missstand kritischer beurteilt als die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Pflege erstrecke sich oft über Jahre, dafür stecken Frauen, wie bei der Betreuung der Kinder, beruflich zurück.