Berlin

„Kein Beweis für US-Industriespionage“

Verfassungsschutzpräsident Maaßen nimmt Partner-Geheimdienste in Schutz

Berlin.  Es fing ganz harmlos an. Mit der Einladung zu einem Vortrag in Russland. Die junge Vertreterin einer Pharma-Firma schöpfte kein Verdacht. In der Fachwelt hatte sie sich schon einen Namen gemacht, Einladungen waren üblich. Ihr Vortrag war ein Erfolg. Sie wurde mit Lob überschüttet und um weitere Expertisen gebeten, die überhöht honoriert wurden. Bald wurden die Aufträge detaillierter. Die Frau bemerkte, dass ihr Gastgeber es auf die „Kronjuwelen“ abgesehen hatte, auf die Geschäftsgeheimnisse ihrer Firma. Die Russen eröffneten der Frau, sie hätten ihr viele Aufträge erteilt, Geld gezahlt. Nun wolle man sie nicht kompromittieren und ihrem Arbeitgeber lieber nichts sagen. Sie solle einfach weitermachen – und liefern.

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen erzählt diese Geschichte, weil sie ein Beispiel dafür ist, wie Geheimdienste sogenannte Innentäter in Unternehmen gewinnen und wie sie ihre Quellen erst anfüttern und dann unter Druck setzen.

Die deutsche Wirtschaft ist anfällig für Spionage. Wegen ihrer Erfolge, ihrer Innovationskraft, ihrer Struktur. Unter den kleinen und mittleren Unternehmen gibt es viele, die in ihrer Marktnische Weltmarktführer sind. Die Wirtschaft schätzt ihren Schaden durch Spionage auf jährlich 50 Milliarden Euro. Alle reden von der Gefahr durch Cyberattacken. Aber hinter jedem zweiten Fall steckt ein „Innentäter“, erklärte der Vorsitzende der „Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft“, Volker Wagner, bei einer Tagung des Verfassungsschutzes. „Wir wissen, dass viele Dienste den Auftrag haben, die eigene Wirtschaft zu unterstützen“, sagt dessen Präsident Maaßen. Er nennt den russischen und den chinesischen Geheimdienst. Doch auch dem US-Dienst NSA wird derzeit vorgeworfen, deutsche und europäische Unternehmen wie Siemens und Airbus ins Visier genommen zu haben.

Als klassische Innentäter gelten zum Beispiel jene Angestellten von Schweizer Banken, die Kontodaten von Kunden verkauft haben. Generell kommt es auf die drei M an: Motiv, Moral, Möglichkeiten. Ohne Geld laufe nichts, bisweilen werde es allerdings als Motiv überschätzt. Es gebe auch den Wichtigtuer, der beim Verrat das Gefühl von Macht spüre. „Das gibt einen Kick“, sagt Maaßen.

Die Moralfrage habe wiederum viel mit Frust, etwa über Stellenabbau, aber auch mit mangelnder Loyalität zum Arbeitgeber zu tun. „Es ist heute nicht mehr schick, lange bei einem Unternehmen zu bleiben“, sagt Wagner. Die Leute wechseln schneller, die Unternehmen kaufen Betriebe dazu und stoßen alte Teile wieder ab. Das dritte M steht für: Möglichkeiten. Die moderne Technik hat vieles einfach gemacht. Eine Wanze ist kaum größer als ein Zwei-Cent-Stück. Und wer Zugang zum elektronischen Informationssystem einer Firma hat, der kommt schnell an vertrauliche Unterlagen heran – Gelegenheit schafft Diebe. Vieles kann interessant sein, Kontakte, Kundenlisten, Strategien, aber auch die Gewohnheiten von bestimmten Angestellten. Maaßen macht drei Typen von Innentätern aus. Manche geben Geheimnisse fahrlässig weiter. Sie merken nicht, dass sie abgeschöpft werden, wenn sie auf einer Party darüber plaudern, in welchem Tennisclub der Chef der Forschungsabteilung Mitglied ist. Für die Geheimdienste kann das schon ein interessanter Hinweis sein. Manche verraten – mit Vorsatz. Der Klassiker: kündigen, Schreibtisch aufräumen und alle Unterlagen mitnehmen. Der dritte Typ: die eingeschleuste Quelle. Das wäre etwa „der Gastwissenschaftler, der aber auf einer anderen Pay-Roll ist“.

Industriespionage, das Ausspähen der Konkurrenz, gab es immer. Davor können sich Unternehmen schützen. Wenn Nachrichtendienste ins Spiel kommen, wird es schwieriger. Den Angriffen von Geheimdiensten könnten Firmen kaum aus eigener Kraft begegnen. „Wir brauchen eine engere Zusammenarbeit“, wirbt Maaßen. Die Unternehmen sind oft zögerlich. Nicht jeder Angriff wird gemeldet. Als Opfer dazustehen schadet dem Ansehen.

Die Amerikaner bestreiten nicht, dass sie Unternehmen ausspähen; etwa um Waffenlieferer für den Iran oder Nordkorea zu entdecken. Sie leugnen aber, dass sie Informationen an US-Firmen weitergeben. Maaßen sagt: „Wir haben bislang keine Beweise, dass amerikanische Nachrichtendienste deutsche Unternehmen ausspähen, gar Industriespionage betreiben.“