Berlin

Minister fordert „faire Preise“ für Afrika

Gerd Müller (CSU): Europas Wohlstand gründet auch auf Ausbeutung des Kontinents

Berlin.  Als Konsequenz aus den Flüchtlingstragödien im Mittelmeer will Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) die Hilfen für Afrika neu organisieren. Dafür wolle er die Wirtschaft in die Pflicht nehmen, sagte Müller der „Welt am Sonntag“. Es werde Zeit, dass den afrikanischen Produzenten faire Preise gezahlt würden. „Die Marktverhältnisse müssen sich ändern“, forderte Müller.

Viel zu lange habe Europa den afrikanischen Kontinent mit ausgebeutet, kritisierte der CSU-Politiker. „Wir Europäer haben wertvolle Ressourcen zu Niedrigstpreisen bekommen und den Arbeitskräften Sklavenlöhne gezahlt. Auch auf dieser Ausbeutung gründen wir in Europa unseren Wohlstand“, sagte der Minister.

Den Kurswechsel in der Afrika-Politik begründete Müller damit, dass mit einigen zusätzlichen Milliarden für die Entwicklungshilfe die Herausforderungen nicht bewältigt werden könnten. Die deutsche Wirtschaft könne „uns noch stärker dabei unterstützen, wenn es um das so wichtige Feld der beruflichen Ausbildung geht“. Auch die europäische Wirtschaft sei aufgefordert, stärker die Chancen des Kontinents zu nutzen und dort zu investieren. Internationale Konzerne müssten jetzt beweisen, dass sie ihr Geld von der Öl- bis zur Schokoladenproduktion nicht auf Kosten der Menschen am Anfang der Produktionskette verdienen. Müller: „Für eine Tafel Schokolade bezahlen wir bei uns im Discounter 59 Cent. Davon bleiben nur zwei Cent im Anbauland.“ Das „alte System vom reichen Europa und dem armen Afrika“ habe keine Zukunft, sagte der Entwicklungsminister. Deshalb müsse es einen grundlegenden Wechsel in der Entwicklungspolitik geben.

Top-Ökonomen riefen unterdessen dazu auf, das Potenzial von Flüchtlingen für den Arbeitsmarkt besser zu nutzen. „Viele von denen, die kommen, könnten als Fachkräfte gebraucht werden. Ihr Zugang zu Ausbildung und zum Arbeitsmarkt entsprechend ihrer Qualifikation muss deshalb frühzeitig eröffnet werden“, sagte Klaus F. Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer forderte Finanzmittel für Sprachkurse von Flüchtlingen: „Denjenigen, die für längere Zeit oder sogar für immer bei uns bleiben, müssen wir eine Integration in Ausbildung und Beschäftigung ermöglichen, damit sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können.“

Am Wochenende wurden erneut Hunderte Flüchtlinge auf dem Mittelmeer entdeckt: Allein die griechische Küstenwache nahm bis Sonntagmittag mehr als 850 Migranten auf. Auf der Insel Lesbos kamen mehr als 600 Menschen an.