Arztbesuch

Gesundheitskarte: Kassen machen Druck auf Versicherte

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Christoph Rybarczyk

Patienten sollen unbedingt bis Jahresende Fotos einschicken. Ohne elektronische Gesundheitskarte drohe ihnen der Verlust des Versicherungsschutzes. Dabei bleiben die alten Karten gültig.

Hamburg. Die gesetzlichen Krankenkassen machen Druck auf ihre Versicherten, noch bis Jahresende ein Foto für die neue elektronische Gesundheitskarte einzureichen. „Ihre bisherige Versichertenkarte verliert ihre Gültigkeit“, „Ihre Karte muss ersetzt werden“ oder „Sie müssen ansonsten privat bezahlen“ heißt es in Briefen großer Krankenkassen, die dem Abendblatt vorliegen. Allerdings stimmen diese Angaben nicht. Denn die bisherigen Karten bleiben vorläufig unbefristet gültig. Darauf weist auch die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVHH) hin.

Patienten seien verunsichert, heißt es bei der Ärztevertretung. Hamburger Mediziner berichten von Fällen, in denen Versicherte auch zu Hause angerufen worden seien, um den Fotoversand an die Krankenkassen zu beschleunigen. Ihnen sei gedroht worden, dass sie ihren Versicherungsschutz verlieren. Mit gültigen Karten können Patienten sich aber nach wie vor behandeln lassen. Da es noch keine Onlineanbindung der Praxen gibt, können Karten auch nicht gesperrt werden. Man hat weiterhin die Möglichkeit, selbst mit einer ungültigen Karte dem Arzt zehn Tage nach der Behandlung die Krankenversicherung nachzuweisen. Selbst eine Privatrechnung kann man sich von der Kasse erstatten lassen.

Die elektronische Gesundheitskarte, die außer den Angaben zur Person nur ein Foto als Ergänzung hat, soll Missbrauch verhindern. In Zukunft können mit der Karte auf Servern im Internet Gesundheitsdaten wie Allergien, Blutgruppen sowie Medikamente und Diagnosen gespeichert werden. Diese Angaben werden freiwillig sein. Seit zehn Jahren wird das Projekt betrieben, es hat bislang nach verschiedenen Angaben mehrere Hundert Millionen oder sogar mehrere Milliarden Euro verschlungen. Genauso lang gibt es Streit zwischen Befürwortern und Gegnern des Projektes wegen der Datenschutz-Anforderungen und der Sinnhaftigkeit der Karte.

Zuletzt hatte es Probleme gegeben, weil einige Versicherte statt ihrer Passbilder Fotos von Comicfiguren oder ihren Hunden und Katzen einschickten. Das Berliner Sozialgericht hat in einem Grundsatzurteil entschieden, dass jeder Versicherte ein Foto zur Verfügung stellen muss. Kein Foto benötigen Kinder bis zum 15. Lebensjahr und Versicherte, die „bei der Erstellung des Lichtbildes nicht mitwirken können“, also etwa Pflegebedürftige. Privatversicherte brauchen keine e-Card. Der Verband hatte sich dagegen entschieden.

Die Krankenkassen wollen die Einführung der e-Card beschleunigen, weil sie dazu gesetzlich verpflichtet sind. Ihnen drohten bislang Strafen, wenn sie eine bestimmte Quote unter ihren Versicherten bis zum Jahresanfang 2014 noch nicht erfüllt haben. In Kassenkreisen kursieren verschiedene Angaben, wie viele Versicherte bereits die neuen e-Cards haben. Von bis zu 95 Prozent ist die Rede. Allerdings ist diese Zahl offensichtlich zu hoch gegriffen. Dem Abendblatt liegt ein Dokument des Bundesverbandes der AOK vor. Darin schreibt die AOK europaweit ein Projekt aus, 3,4 Millionen Briefe zu verschicken und ebenso viele Fotos auf Versichertenkarten zu bringen. Diese Zahl könne noch erheblich über- oder unterschritten werden, so die AOK. Die Verbreitung der elektronischen Gesundheitskarte scheint doch nicht so hoch zu sein, wie von den Kassen öffentlich behauptet.

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