Podcast "Vier Flaschen"

Zum Rosé von Dirk Würtz gibt’s einen Banksy gratis

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Im Abendblatt-Podcast „Vier Flaschen“ geht es diesmal um ein Weinetikett, das ein weltberühmtes Kunstwerk zeigt.

Hamburg. Wer kauft einen Wein, noch dazu einen Rosé, auf dessen Etikett nichts zu sehen ist als die Zeichnung eines Mädchens, das einem wegfliegenden Luftballon in Herzform nachsieht? Die Antwort: So viele Menschen, dass der Winzer, der diesen Wein vertreibt, mit den Lieferungen kaum hinterherkommt. Dirk Würtz, Chef des Weinguts St. Antony in Rheinhessen, ist zu Gast in unserer Reihe „Vier Flaschen“, die man sowohl hören (www.abendblatt.de/podcasts) als auch auf unserem YouTube-Kanal sehen und alle zwei Wochen an dieser Stelle lesen kann.

Das Prinzip: Michael Kutej, Weinkenner und Chef der Hanse Lounge, Lars Haider, Riesling-Liebhaber, und Bier-Trinker Axel Leonhard probieren vier Flaschen Wein und laden sich jemanden dazu ein. Ohne zu viel zu verraten: So leidenschaftlich und impulsiv wie Dirk Würtz dürfte bei den „Vier Flaschen“ bisher niemand aufgetreten sein – vor allem, als es um Korken ging. Aber dazu später mehr.

Den Blaufränkisch-Rotwein aus Rheinhessen wollte keiner

Erst mal zurück zu der Flasche mit dem einzigartigen Etikett, die einen Rosé mit dem Namen „Love & Hope“ enthält, der aus Blaufränkisch gemacht ist. St. Antony ist der größte Blaufränkisch-Winzer außerhalb Österreichs, wo diese Rebsorte sehr populär ist. Das Problem bisher: „Niemand wollte Blaufränkisch aus Rheinhessen, obwohl er gut ist“, sagt Würtz. Deshalb habe er versucht, aus der Not eine Tugend zu machen, und aus Blaufränkisch keinen Rotwein, sondern Rosé produziert: „Das hat sehr gut funktioniert. Allein im vergangenen Jahr haben wir davon 50.000 Flaschen verkauft.“

2020 werden es noch deutlich mehr werden, und das liegt – genau, an dem Etikett. Denn das Mädchen mit dem Ballon stammt von Banksy, dem zurzeit wahrscheinlich berühmtesten Street-Art-Künstler der Welt. „Manchmal gibt es die Zufälle, die man sich nicht erträumen kann. Und aufgrund eines solchen Zufalls wurde ich im Spätherbst des vergangenen Jahres gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für ein Projekt mit einem Künstler zur Verfügung zu stehen“, sagt Würtz. „Ich wusste auch nicht, was mich da erwartet. Und nun haben wir Banksy auf dem Etikett. Es ist nicht so, dass das nicht helfen würde.“

Ein weltbekanntes Bild auf der Flasche eines Winzers aus Rheinhessen: Das habe einen Aufmerksamkeits-Tsunami von „geradezu biblischem Ausmaß ausgelöst. Die Nachfrage nach diesem Wein ist unvorstellbar, und dafür ist zu 99,9 Prozent das Etikett verantwortlich. Und außerdem schmeckt der Wein auch nicht schlecht.“ Das bestätigt die „Vier Flaschen“-Runde, selbst der bekennende Rosé-Verachter Michael Kutej lobt das „Zucker-Säure-Spiel und das Preis-Leistungs-Verhältnis“, die Flasche kostet 9,90 Euro. Aber Fragen stellen sich natürlich andere: Hat Würtz den geheimnisvollen Banksy schon mal getroffen? Muss er von den Verkaufserlösen etwas an den Künstler abgeben, und wenn ja, wie viel? Trinkt Banksy den Wein denn auch? Und was hat er davon? „Da müsst ihr ihn mal selbst fragen, wenn ihr ihn seht“, sagt Würtz.

Winzer Würtz würde niemals Korken auf Weinflaschen tun

Also zurück zum Inhalt: „Love Hope“ ist nicht nur ein Banksy-, sondern auch ein Demeter-Wein, St. Antony ist seit 14 Jahren ökozertifiziert, seit 2018 bei Demeter: „Wir richten uns bei allem, was wir tun, nach dem biodynamischen Kalender von Maria Thun. Das klingt verrückt, ich habe damit aber nur gute Erfahrungen gemacht“, sagt Würtz. Inzwischen sei auf Basis dieses Kalenders eine App entwickelt worden, die vorhersagt, an welchen Tagen und zu welcher Zeit Wein besonders gut schmeckt: „Wer eine Woche täglich zu bestimmten Zeiten einen bestimmten Wein trinkt und aufschreibt, wann er gut, sehr gut und nicht so gut geschmeckt hat, und das dann mit den Angaben in der App vergleicht, wird sein blaues Wunder erleben. Das ist zu 100 Prozent deckungsgleich.“

Auch die zweite Flasche von St. Antony ist etwas Besonderes: Der Riesling Rotschiefer 2019 (mit einem im Verhältnis eher nüchternen Etikett), ein Gutswein, hat von Haus aus so gut wie keine Säure: „Mir kommt das sehr entgegen, ich kriege von Säure Sodbrennen“, sagt Würtz. „Und die Leute mögen das auch.“ Die Flasche kostet 9,80 Euro: „Ich habe den Wein dieses Jahr einen Euro günstiger gemacht, weil unser Preisgefüge sonst nicht gestimmt hätte.“

Flasche Nummer drei ist ein Sau­vignon Blanc 2019 vom Weingut Salomon & Andrew aus Marlborough. „Ich probiere wahnsinnig viele Sauvignon Blancs aus Neuseeland, und dies ist einer der besten“, sagt Michael Kutej. Was auch daran liege, dass er zwar den typischen Geruch habe, aber erstaunlich cremig sei. Die Flasche kostet 15 Euro.

Die vierte Flasche ist rein optisch eine Zumutung

Während die erste Flasche mit dem Banksy-Etikett glänzte, ist die vierte Flasche rein optisch eine Zumutung: Der Full Circle 2016 von Saronsberg aus Südafrika ist ein Rotwein, der aus vier verschiedenen Rebsorten besteht, unter anderem aus Shiraz und Grenach – und er hat offenbar jede Menge Preise gewonnen: Zehn davon kleben in Form von kleineren und größeren Medaillen direkt auf der Flasche, dabei käme es eigentlich nur auf eine Auszeichnung an. Die Experten von John Platter haben den Full Circle 2019 zum Wein des Jahres gekürt. „Saronsberg ist eines der Weingüter, denen es gelingt, jedes Produkt sehr gut zu machen“, sagt Michael Kutej. Er schmeckt eingekochte Beeren – und etwas Tabak.

Der Wein, die Flasche kostet rund 35 Euro, hat aus Sicht von Dirk Würtz nur einen Fehler: Er war mit einem Korken verschlossen. Denn davon hält der Winzer gar nichts: „Korken kann man als Schuhsohlen oder zur Wanddämmung benutzen, aber man sollte sie nicht auf Weine tun“, sagt er. Und legt dann richtig los: „Es gibt immer ein Restrisiko, dass das Zeug nicht einwandfrei ist. Stell dir vor, du kaufst ein Auto, und der Verkäufer sagt dir, dass die Bremse in 98 Prozent der Fälle funktioniert. So ein Auto würdest du nicht nehmen. Aber als Winzer muss man akzeptieren, dass die Korkenhersteller sagen, dass zwei, drei Prozent Ausfall normal sind. Wo gibt es denn so was, das ist unmöglich!“ Deshalb verwende er seit Jahren nur Schraubverschlüsse, mit denen er „die allerbesten Erfahrungen“ gemacht habe: „Und die Akzeptanz für Schraubverschlüsse im Markt ist sowieso lange da.“