Podcast „Schmeckt’s“

Macht Milch müde Menschen wirklich munter?

Zu Gast beim Podcast „Schmeckt’s“: Milchbauer Jan-Hendrik Langeloh aus Hamburg-Reitbrook.

Zu Gast beim Podcast „Schmeckt’s“: Milchbauer Jan-Hendrik Langeloh aus Hamburg-Reitbrook.

Foto: Axel Leonhard / FUNKE FOTO SERVICES / Axel Leonhard / FUNKE Foto Services

Im Podcast „Schmeckt’s?“ dreht sich alles um unser Essen. Zu Gast diesmal: Milchbauer Jan-Hendrik Langeloh aus Reitbrook.

Hamburg. Die Corona-Pandemie ließ die Milchpreise fallen. „Es ist viel Unsicherheit am Markt entstanden, und die führt immer zu niedrigeren Preisen“, sagt Jan-Hendrik Langeloh vom Milchhof Reitbrook. „Eigentlich hatten wir gehofft, in diesem Jahr eine positive Entwicklung zu bekommen.“ Der Milchhof sei zwar weniger betroffen, weil er nicht an Großmolkereien liefere, sagt Langeloh, Gast beim Abendblatt-Podcast „Schmeckt’s“.

„Aber auch wir haben das sehr stark gemerkt, weil wir viele Cafés in Hamburg beliefern. Sie mussten zeitweise schließen, da ist viel Umsatz weggebrochen. Auf der anderen Seite haben wir neue Privatkunden bekommen. Aber unterm Strich bleibt ein Minus.“

Milchbauer Langeloh: "Privatkunden sind mir genauso lieb wie Großkunden"

Der Milchhof Reitbrook entstand 1998 als Zusammenschluss der benachbarten Betriebe von Jan-Hendrik Langeloh und Rainer Kohrs in den Vier- und Marschlanden. Die Milchbauern bauten einen neuen Laufstall, investierten in moderne Molkereigeräte und beschlossen, ihre Produkte (Milch und Joghurt in mehreren Qualitäten) selbst zu vermarkten. Heute hat der Betrieb 42 Mitarbeiter, davon viele Teilzeitkräfte. Sie kümmern sich um 175 Kühe und die Molkerei, fahren die Produkte zur Kundschaft in Hamburg und Umgebung.

„Corona hat uns noch einmal bewusst gemacht, wie wichtig es ist, mehrere Standbeine zu haben“, sagt Langeloh. „Über die Cafés verkaufe ich generell große Mengen. Aber Privatkunden, die nur zwei Liter Milch und ein Joghurt pro Woche abnehmen, sind mir genauso lieb – und auch teuer, weil sie treue Kunden sind.“ Der Milchhof ist auch in Supermärkten von Rewe und Edeka vertreten. Der Lebensmitteleinzelhandel sei „ein bisschen schwierig“, weil er immer über Preise diskutieren wolle, sagt der Landwirt.

Reitbrooker Milch auch in Schulen und Kindergärten

„Ich beliefere gern Einzelhändler, wenn sie zu mir kommen, aber ich laufe ihnen nicht hinterher.“ Auch Schulen und Kindergärten erhalten Reitbrooker Milch. Langeloh: „Im Kindesalter ist vor allem der Calciumgehalt der Milch wertvoll, weil der Körper sehr stark wächst. Da kann die Milch ein wichtiger Bestandteil der Ernährung sein.“

Ob Milch auch Erwachsenen gut tut, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Das müsse jeder für sich ausprobieren, rät Langeloh. „Ein Bekannter hat nach einer langwierigen Krankheit plötzlich Milch nicht mehr vertragen. Das gibt es. Aber die Entwicklung dahin, dass ein erwachsener Europäer Milch verdauen kann, ist bereits 7000 Jahre alt. Damals hat sich dieser Typ Mensch mal durchgesetzt, das wird einen Grund haben.“

Milchhof Reitbrook: Ein ganz besonderer Betrieb

Der Milchhof Reitbrook gehört zu den wenigen Betrieben, die Rohmilch verkaufen dürfen – deutschlandweit seien es weniger als 30 Anbieter, so Langeloh: „Die Vorzugsmilch wird gar nicht verarbeitet. Morgens gemolken, durchläuft sie einmal die Kühlung und einen Filter. Etwa zehn Prozent unserer Kunden kaufen Rohmilch. Andere scheuen sich vor dem Restrisiko, dass dort krankmachende Keime enthalten sein könnten. Wir tun ganz viel dafür, dass dies nicht so ist. Bekannt ist der EHEC-Keim. Auf ihn wird unsere Vorzugsmilch untersucht.

In den fast 20 Jahren, in denen wir Rohmilch verkaufen, hatten wir noch nie eine Probe, in der EHEC vorkam.“Der Großteil der Milch geht pasteurisiert an die Kundschaft. Sie wurde kurze Zeit – etwa 24 Sekunden – auf 73,5 erhitzt, aber nicht homogenisiert. Das heißt, ihre Fettstruktur ist vollständig erhalten, zu erkennen am Fettrand an der Oberfläche. Diese Milch sei sechs Tage haltbar, sagt Langeloh. Der wichtigste Faktor für die Haltbarkeit sei Kühlung, Kühlung, Kühlung. Er rät den Verbrauchern, nicht die Milchverpackung auf dem Frühstückstisch stehen zu haben, sondern nur ein Kännchen abzufüllen und den Rest sofort wieder kühl zu stellen.

Milch schmeckt nicht immer gleich – nur die aus dem Supermarkt

Seine Milch habe mit den stark verarbeiteten Produkten der Großmolkereien wenig gemein. „Es gibt in einer Großmolkerei sehr viel mehr Maschinen als bei uns. Die Milch aus einem Supermarkt hat immer einen eingestellten Fettgehalt von rund 3,7 Prozent. Einstellen kann ich das nur, indem ich erst einmal das gesamte Fett herausnehme und dann den gewünschten Anteil wieder zugebe. Eine Milch aus dem Supermarkt wird immer gleich schmecken. Tatsächlich unterscheidet sich Milch, die im Frühjahr gemolken wird, von Milch aus dem Herbst – das Futter ist anders, auch die Weiden.

Die Molkereien zerlegen die Milch und setzen sie zum immer gleichen Produkt wieder zusammen.“Generell stagniere der Milchkosum, sagt Langeloh. Gleichzeitig steige die Nachfrage nach Haferdrinks. „Ich sage dazu bewusst nicht ,Milch‘. Ich empfehle, bei solchen Milchersatzprodukten auf die Verpackungen zu schauen. Da stehen viele E-Nummern für Zusatzstoffe. Um einen Hafer in eine flüssige weiße Form zu bringen, muss man schon einiges tun. Bei mir ist 100 Prozent Kuhmilch drin, nichts anderes.“

Milchhof Reitbrook: Viehhaltung möglichst nah an den Bedürfnissen der Tiere

Pflanzliche Milchdrinks könnten Menschen helfen, die die in der Milch enthaltene Laktose (Milchzucker) nicht vertragen oder eine Eiweißallergie haben. „Für Menschen mit einer Eiweißallergie lässt sich bei der Kuhmilch kaum etwas machen“, sagt Langeloh. „Bei der verbreiteten Laktoseintoleranz ist das einfacher: Man kann sich in der Apotheke oder im Reformhaus Laktase kaufen und der Milch zusetzen. Dann zersetzt sich die Laktose von selbst. Das könnten wir als Betrieb auch tun und laktosefreie Milch anbieten. Aber wir scheuen uns ein bisschen, weil wir ein möglichst natürliches Produkt verkaufen wollen.“

Für viele Verbraucher gehört eine tiergerechte Haltung der Kühe zur Milchqualität. Der Hof versuche die Tiere so zu halten, dass es ihren natürlichen Bedürfnissen möglichst nahekommt, sagt der Landwirt „Wir bieten ihnen Liegeflächen an, die warm und weich sind, so dass sich die Kühe darauf gern ausruhen. Wir gestalten den Stall so, dass die Tiere ihre Wege kennen, dass es möglichst keine Verletzungsgefahr gibt. Und wir reichen gutes Futter.“

Trennung von Kuh und Kalb? Wie Langeloh es handhabt

Der Hof setzt auch auf Weidehaltung, damit die Kühe zumindest einige Stunden am Tag Auslauf und frische Luft haben. Als es im August/September tagsüber zu heiß war, wurden die Rindviecher nachts ins Grüne gelassen. Kühe geben erst Milch, wenn sie gekalbt haben – die Trennung von Kuh und Kalb ist das sensibelste Thema der Milchviehhaltung.

Darauf werde er oft angesprochen, sagt der Rinderhalter. „Wir trennen die Mutter gleich nach der Geburt von ihrem Kalb, nach zwei bis drei Stunden. Wir glauben, dass dies sowohl für die Kuh als auch für das Kalb die bessere Variante ist. Wir haben Ställe mit eingestreuten Boxen, da ist immer viel Kot. Frisch geborene Kälber haben kein eigenes Immunsystem. Das wird innerhalb von elf bis zwölf Tagen über die Muttermilch aufgebaut. Deshalb ist es notwendig, für die Kälber eine saubere Umgebung zu schaffen.“

Was mit männlichen Kälbern auf dem Milchhof passiert

Die männlichen Kälber werden recht bald zum Kalbsschnitzel; Langeloh vergleicht die Situation mit den männlichen Küken bei Legehennen-Rassen. „Wenn ich auf Milch ausgerichtet bin, dann kann ich mit den männlichen Tieren wenig anfangen. Sie setzen schlecht Fleisch an. Das Fleisch hat wenig intramuskuläres Fett, was die Qualität ausmacht. Mit sieben Monaten ist das Leben eines solchen Bullenkalbes zu Ende. Wir geben sie nach zwei Wochen über den Handel ab, zu speziellen Mästern, die sie aufziehen.“

Eine Kuh vom Milchhof Reitbrook gibt durchschnittlich 10.500 Liter Milch im Jahr, einige sogar 13.000 Liter. Im Alter von rund sechseinhalb Jahren kommen sie zum Schlachter. „Das ist im Vergleich zu anderen Betrieben etwas später, aber noch nicht das, wo wir gerne hinwollen“, sagt Langeloh.

Die Milch

  • 31,7 Milliarden Liter Kuhmilch wurden 2019 in deutschen Molkereien verarbeitet. Daraus wurden unter anderem 4,5 Milliarden Liter Konsummilch hergestellt, 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Einfuhren (+ 20,3 %) und die Ausfuhren (+ 9,6 %) von Konsummilch sind gegenüber dem Vorjahr angestiegen.

  • Insgesamt wurden 472,4 Millionen Liter Milch mehr exportiert als importiert. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Milch lag 2019 bei 48,5 Litern (- 3,6 % gegenüber 2018).

  • Die Herstellung von Butter und verwandten Fetten aus Butter oder Rahm wuchs 2019 auf um 2,6 Prozent auf 497.000 Tonnen. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 5,8 Kilogramm nahm der private Butterkonsum jedoch weiter ab (- 1,3 %).

  • Die Käseproduktion wächst und erreichte 2019 insgesamt 2,6 Millionen Tonnen, 55.300 Tonnen mehr als im Vorjahr. Der Verbrauch von 25,1 Kilogramm pro Kopf ist 2019 ebenfalls gestiegen, um 3,2 Prozent.