Podcast Millerntalk

St.-Pauli-Fanvertreter: „Vielen fehlt die soziale Heimat“

Lesedauer: 5 Minuten
Ein ausverkauftes Millerntor-Stadion gab es zuletzt am 1. März 2020 im Heimspiel des FC St. Pauli gegen den VfL Osnabrück.

Ein ausverkauftes Millerntor-Stadion gab es zuletzt am 1. März 2020 im Heimspiel des FC St. Pauli gegen den VfL Osnabrück.

Foto: Valeria Witters / WITTERS

Im Podcast Millerntalk berichtet Tilman M. Brauns von St. Paulis Fanclubsprecherrat über die Einsamkeit ohne Fußball.

Hamburg. Vor einer Woche gab es im Hause Brauns in Frechen bei Köln eine zuvor lange nicht mehr erlebte emotionale Eruption. „Ich hatte das erste Mal wieder dieses Zittern. Als dann dieses Tor fiel, bin ich endlich mal wieder aufgesprungen und habe auf den Tisch geklopft und ,ja, Mann’ geschrien. Es hat mich echt mal wieder geflasht“, erzählt Tilman M. Brauns in der neuesten Ausgabe des Abendblatt-Podcasts „Millerntalk“ rund um den FC St. Pauli.

Der 48-Jährige, der seit vielen Jahren ehrenamtlich Mitglied im Fanclubsprecherrat des FC St. Pauli ist und im Wechsel mit anderen Reportern für das AFM-Radio die Spiele des Kiezclubs kommentiert, meint mit „das Tor“ natürlich St. Paulis 3:2-Siegtreffer am vergangenen Sonnabend bei Hannover 96 durch den 17 Jahre jungen Igor Matanovic in der Nachspielzeit.

Bei einem, der seit mehr als zwei Jahrzehnten aktiver Fan ist, wirkt es im ersten Moment vielleicht irritierend, dass er seinen Freudenausbruch selbst als etwas Ungewöhnliches empfindet. Doch die seit Mitte März vergangenen Jahres andauernde, überwiegend komplette Abwesenheit von Fans in den Stadien gepaart mit der langen sportlichen Tristesse des Millerntorteams hat eben Spuren hinterlassen.

St.-Pauli-Fanclubsprecher Brauns boykottiert Sky

„Ich habe Abstand gewonnen in der ganzen Zeit. Das Liveerlebnis im und um das Stadion herum ist einfach alles im Fußball. Ich habe mich zuletzt öfter dabei ertappt, dass St. Pauli schon ein paar Minuten spielt und ich das AFM-Radio noch gar nicht eingeschaltet oder den Liveticker bedient habe.“

Die TV-Übertragungen bei Sky boykottiert er ohnehin. „Ich hatte noch nie ein Abo bei Premiere oder Sky und habe mir auch schon früher keine Montagsspiele im DSF oder Sport1 angeschaut, wenn ich nicht selbst im Stadion war“, berichtet Brauns.

Umso mehr bedauert er es, dass gerade dieser so dramatisch zustande gekommene und in der Situation so wichtige Sieg in einem leeren Stadion zustande kam. „Unser Block in Hannover wäre echt am Beben gewesen. Dass das nicht so sein konnte, hat weh getan, aber der Sieg hat unserem Team natürlich gut getan“, sagt er.

Brauns fehlt ohne Fußball „einfach alles“

Tilman M. Brauns ist weit davon entfernt, angesichts der aktuellen Corona-Lage die schnelle Rückkehr von Fans in die Stadien zu fordern. Vielmehr hält er es insbesondere auch aus Gründen der Chancengleichheit für richtig, die laufende Saison unter denselben äußeren Bedingungen wie jetzt zu Ende zu spielen, auch wenn gerade aktive Fans wie er, die auch viele Auswärtsspiele besuchen, ganz besonders leiden.

„Es fehlt einfach alles. Für uns ist Fußball viel mehr als nur die 90 Minuten im Stadion. Es beginnt ja schon mit einer gemeinsamen Anreise und dem ganz speziellen Gefühl, morgens um vier zum Beispiel nach Dresden zu eiern“, sagt er.

Der Wegfall eines liebgewonnenen Vergnügens ist dabei für den in St. Paulis Fanszene bestens vernetzten Brauns aber nur ein kleinerer Aspekt. „Ich muss vor allem an die Leute denken, die noch viel mehr als zum Beispiel ich auf das soziale Umfeld des Fußballs angewiesen sind. Es gibt viele, denen der Fußball eine soziale Heimat bietet, und für die jetzt ein großer Lebensinhalt einfach kaltgestellt ist“, sagt Brauns.

Verzicht auf künstliche Atmosphäre richtig

Vor allem müsse man unbedingt auch Menschen auffangen, die etwa depressiv erkrankt sind und das Fußballerlebnis bisher als festen Anker in ihrem Leben hatten.

„Für die Fanszenen befürchte ich auch vereinsübergreifend, dass das Ehrenamt leiden wird. Engagierte Leute, die aber auch ein familiäres Umfeld besitzen, haben im vergangenen halben Jahr für sich entdeckt, was es sonst noch so gibt. Sonntags um 13 Uhr mit dem Hund durch den Schnee spazieren zu gehen, ist auch nicht so doof“, sagt er. „Ich fürchte, dass viele gute Leute sich nicht mehr so intensiv und regelmäßig engagieren werden wie vor der Pandemie.“ Fangruppieren werden sich neu sortieren müssen.

Erfreut zeigt sich Brauns unterdessen darüber, dass der FC St. Pauli praktisch komplett darauf verzichtet, bei seinen Heimspielen ohne Zuschauer eine künstliche Fanatmosphäre zu schaffen, wie etwa Gesänge vom Band oder Poster von Fans auf den Tribünenplätzen. „Diese Absprache zwischen den Fans und dem Präsidium gab es ja schon im ersten Lockdown, und daran hat sich das Präsidium mit Oke Göttlich ja auch gehalten“, sagt er.

Kritik an TV-Geld-Verteilung

Dagegen ist Brauns enttäuscht darüber, dass aus den ersten Bekenntnissen der Deutschen Fußball Liga (DFL) zu einer Abkehr vom Gigantismus zugunsten einer größeren Solidarität nichts geblieben ist. Vor allem der jüngste Beschluss zur Verteilung der TV-Gelder beweise das genaue Gegenteil.

Im Podcast spricht Tilman M. Brauns auch darüber, wie er aus Fansicht die vorzeitige Trennung des auch im sozialen Umfeld des Vereins engagierten Torwarts Robin Himmelmann nach achteinhalb Jahren betrachtet. Hören Sie doch mal rein!