Kunst-Podcast

Wenn Fotos eines Privatdetektivs zu großer Kunst werden

Lesedauer: 3 Minuten

Lars Haider spielt mit Kunsthallen-Direktor Alexander Klar „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Heute: ein Werk von Sophie Calle.

Hamburg. Einmal die Woche spielen Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und zwar mit einem Kunstwerk. Eine halbe Stunde schauen sich die beiden ein Gemälde, eine Fotografie oder eine Skulptur an und reden darüber: „Ein Gespräch ist die beste Möglichkeit, Kunst zu erschließen“, sagt Alexander Klar.

Nicht ohne meine Mutter, dachte sich die französische Künstlerin Sophie Calle und überredete ihre Maman 1981 einen Privatdetektiv zu beauftragen, dass er sie beschatten sollte. Und das tat dieser dann auch. Sie wusste zwar nicht, an welchem Tag er aktiv werden würde, aber sie wusste genau, was sie wollte: Ihr schwebte ein konzeptuelles Selbstporträt vor, das die Schnittstelle zwischen einem privaten Selbstbild und dem öffentlichen Auftreten zum Thema machen sollte. Der Detektiv wiederum hatte keine Ahnung, dass Calle selbst den Auftrag zu seiner Arbeit hatte geben lassen.

Sophie Calle: Fremdwahrnehmung trifft auf Selbstdarstellung

Das Ergebnis ist ein Diptychon, ein zweiteiliges Bild, das Calle „La Filature“ genannt hat, was in etwa „Die Beschattung“ bedeutet. Der obere Teil des Kunstwerks besteht aus den Schwarz-Weiß-Fotografien des Detektivs. Im unteren Teil findet man die Notizen Calles, die irgendwann den Beschatter entdeckt und in ihre Beobachtungen eingebaut hat. Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Porträt der Künstlerin, die sich des Beobachtetwerdens total bewusst ist. Fremdwahrnehmung trifft auf Selbstdarstellung, die Identität wird zu einem fließenden Konstrukt. Die Kunsthalle hat das Werk 1981 erworben.

Fotografie, Installationen und Konzeptkunst sind das Metier von Sophie Calle, die 1953 in Paris geboren wurde. Ihre Mutter war Chirurgin, ihr Vater Kunsthändler. Sie ist weit in der Welt herumgekommen, bevor sie sich der Kunst zuwandte: Libanon, Mexiko und die USA waren einige ihrer Aufenthaltsorte. Zunächst hat sie als Barfrau, Zimmermädchen und Tänzerin gearbeitet.

Überhaupt geht Calle bis heute unkonventionelle Wege. Zurück in Paris, verkleidete sie sich mit Regenmantel und Perücke und verfolgte mit einer Kleinbildkamera wildfremde Menschen durch die Seinemetropole.1979 lud sie insgesamt 45 Freunde und Unbekannte ein, in ihrem Bett zu schlafen und sich dabei von ihr fotografieren zu lassen. Das Ergebnis veröffentlichte sie in einem Buch unter dem Titel „Die Schläfer“.

Calle ist das Vorbild für Maria im Roman „Leviathan“

Als sie ein Adressbuch fand, suchte sie alle darin verzeichneten Personen auf und klöppelte aus deren Erzählungen eine Geschichte über den Eigentümer zusammen. Das Ergebnis löste einen veritablen Skandal aus, 2019 erschien das als „Adressbuch“ dann auch auf Deutsch. Sophie Calle ist das Vorbild für den Charakter Maria im Roman „Leviathan“ des US-Autors Paul Auster. Das Centre Pompidou in Paris widmete ihr in der Vergangenheit eine Werkschau.

Und immer ist ihre Kunst sehr persönlich: Als sich ihr Freund Grégoire Bouillier von ihr trennte, ließ sie seine Trennungs-E-Mail von 107 Frauen kommentieren, darunter eine Tänzerin, eine Richterin und eine Wahrsagerin. Als sie im Jahr 2002 den Spectrum-Preis der Stiftung Niedersachsen verliehen bekam, gab Calle dem Kunstkritiker Fabian Stech ein Interview, das unter dem Titel „Ich hasse Interviews“ veröffentlicht wurde.

Dieses und weitere Werke finden Sie in der Online-Sammlung der Hamburger Kunsthalle