Kunst-Podcast

Der Sonderling, der eine Hamburgerin blau malte

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Podcast Kunsthalle

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Lars Haider spielt mit Kunsthallen-Direktor Alexander Klar „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Heute ein Werk von Walter Gramattè.

Hamburg. Einmal die Woche spielen Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und zwar mit einem Kunstwerk. Eine halbe Stunde schauen sich die beiden ein Gemälde, eine Fotografie oder eine Skulptur an und reden darüber: „Ein Gespräch ist die beste Möglichkeit, Kunst zu erschließen“, sagt Alexander Klar.

Der Maler, Zeichner und Grafiker Walter Gramatté (1897-1929) ist lange ein recht unbekannter Künstler gewesen; er galt zudem als Sonderling. Nur etwas mehr als zehn Jahre blieben ihm für seine Bilder, denn er war durch Kriegsverletzungen und Krankheit gehandicapt. Heute sortiert man seine Arbeiten zwischen Expressionismus, Surrealismus, Magischem Realismus und der Neuen Sachlichkeit ein.

Kunsthalle zeigt Ausstellung „Walter Gramatté und Hamburg“

Die Kunsthalle zeigt (sofern sie wieder geöffnet ist) bis zum 24. Mai die Ausstellung „Walter Gramatté und Hamburg“, denn der gebürtige Berliner hatte ein enges Verhältnis zur Hansestadt. Vor zwei Jahren bekam das Museum 47 Grafiken und Zeichnungen des Künstlers sowie ein Gemälde von einer Stiftung aus Winnipeg geschenkt.

Zu sehen sein würde dann auch das „Bildnis Rosa Schapire“ aus dem Jahr 1920. Es zeigt eine Frau, die den Betrachter direkt und intensiv anschaut. Hinter ihrem bläulich beschatteten Gesicht fällt das Licht durch ein Fenster strahlenförmig ein. Sie trägt auf dem Bild ein Kleid, das der Maler Karl Schmidt-Rottluff entworfen hatte. Auch der Schmuck – ein blau umrandeter roter Stein – stammt von ihm.

Schapire war eine Kunsthistorikerin, die auf der Uhlenhorst lebte. In ihrer Wohnung an der Osterbekstraße sammelte sie Werke von Künstlern, die ihr nahestanden, darunter auch die von Gramatté. Sie selbst galt als schillernde Persönlichkeit, die der Kunsthistoriker Aby Warburg (1866-1929) als „eigenartig grün“ bezeichnete.

Man zählt Gramatté zur „verschollenen Generation“

1920 besuchte Gramatté die mit ihm befreundete Hamburger Malerin Ida Wrage in Malente-Gremsmühlen. Es ging ihm nach der Scheidung von seiner ersten Frau Hetta Lindhorst nicht gut, er wollte sich erholen. Und der „Geist von Malente“ tat auch hier seine Wirkung. Überraschend kam Schapire zu Besuch, die er schon seit zwei Jahren kannte. Er malte sie an diesen Tagen in zwei Versionen. Neben dem hier präsentierten Ölbild existiert auch noch ein Aquarell, das sie als nachdenkliche Frau auf einem Stuhl sitzend zeigt. Sie sieht darauf älter aus, als sie zu dem Zeitpunkt tatsächlich war (Mitte 40). Schapire ließ sich gern und oft porträtieren. Bekannt sind Bilder von 14 verschiedenen Künstlern.

Die Beziehung zwischen Gramatté und Schapire wurde durch einen intensiven Briefwechsel immer enger. Er schrieb: „Ich möchte, daß Sie meine aufrichtige Freundin sind und möchte, daß ich Ihr aufrichtiger Freund sein darf, Sie sollen Kritik üben an meinen Menschen und meiner Kunst, aber vom Zeichen der unerschütterlichen Basis der Unzertrennlichkeit.“ Ihre Verbindung hielt bis an sein Lebensende.

Man zählt Gramatté zur „verschollenen Generation“. So bezeichnet man Künstler der Jahrgänge zwischen 1890 und 1914, die in der Weimarer Zeit erste Erfolge verbuchen konnten. 1929 ist er in Hamburg gestorben. 1989 gab es in München eine große Retrospektive. Andreas Stolzenburg, Leiter des Kupferstich-Kabinetts der Kunsthalle, schreibt: „Dort gelang es, Walter Gramatté als Künstlerpersönlichkeit näher zu beleuchten und ihn neben bekannteren Malerkollegen der ,Brücke‘ wie Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Heckel, mit denen Gramatté eng befreundet war, als feste Größe zu etablieren.“

Dieses und weitere Werke finden Sie in der Online-Sammlung der Hamburger Kunsthalle