Kunst-Podcast

Wenn der American Dream zum Albtraum geworden ist

Lars Haider spielt mit Kunsthallen-Direktor Klar "Ich sehe was, was du nicht siehst". Heute: ein Werk von Duane Hanson.

Hamburg. Einmal die Woche spielen Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und zwar mit einem Kunstwerk. Eine halbe Stunde schauen sich die beiden ein Gemälde, eine Fotografie oder eine Skulptur an und reden darüber: „Ein Gespräch ist die beste Möglichkeit, Kunst zu erschließen“, sagt Alexander Klar.

Der Mann, der da in der Galerie der Gegenwart auf einer Holzkiste sitzt, hat sicherlich schon viele Besucher stutzen lassen. Beinahe lebensecht wirkt der Kerl mit seinem großen Schnäuzer, der lockigen Frisur, dem blau-weiß karierten, hochgekrempelten Holzfällerhemd und der verwaschenen Jeans. In der Hand hält er ein Schild mit der Aufschrift „Will work for food“ (Ich arbeite für Essen).

Er ist zwar groß und kräftig, aber seine Körperhaltung ist etwas gebeugt, und sein Blick geht resigniert ins Leere. Sicherlich hat er schon bessere Zeiten gesehen. „Homeless Person“ (Obdachloser) heißt die Skulptur, die der amerikanische Künstler Duane Hanson (1925–1996) im Jahr 1991 geschaffen hat. In der Galerie sitzt der Mann als Dauerleihgabe von Hannes von Gösseln.

Graffito im Hintergrund gehört zum Kunstwerk dazu

Wie zufällig befindet sich dahinter ein abstraktes Graffito, das sich nicht zufällig aus den Farben Schwarz, Rot und Gelb (Gold) zusammensetzt. Wo auch immer diese Figur ausgestellt wird, soll hinter ihr so ein Graffito in den Nationalfarben zu sehen sein, hat Hanson verfügt.

Damit macht er gleichsam deutlich, dass das von ihm dargestellte Thema – Resignation, Erschöpfung, Verzweiflung – nicht nur ein amerikanisches, sondern ein universelles Phänomen ist. Es geht hier um mehr als um einen Menschen, für den der American Dream zum Albtraum geworden ist. „Gerechtigkeit“ hat die Kunsthalle als Motto zur Skulptur gestellt. Die ist auch fast 30 Jahre nach deren Entstehung noch in weiter Ferne – auf beiden Seiten des Atlantiks.


Menschliche Typen aus Besenstielen

Hanson begann schon als Teenager damit, Plastiken anzufertigen. Zunächst formte er menschliche Typen aus den Besenstielen seiner Mutter. Nach seinem Studium ging er in den 50er-Jahren nach Deutschland, um Kunst zu unterrichten. Hier begann er mit Polyesterharz und Glasfaser zu experimentieren. Als Thema wandte er sich nach der Rückkehr in die USA desillusionierten Menschen der Arbeiterklasse zu.

Das Werk können Sie auch hier in der Online-Sammlung der Kunsthalle sehen

Er schuf unter anderem im Supermarkt einkaufende Frauen, Männer auf Aufsitzrasenmähern und Cowboys. „Leute, Arbeiter, die Älteren, alle diese Menschen sehe ich mit Sympathie und Zuneigung. Das sind Leute, die die Kämpfe des Lebens ausgetragen haben und denen man hin und wieder die harte Arbeit und die Frustration ansieht. Es geht um menschliche Aktivität und Wahrheit. Wir werden alle dorthin kommen“, hat Hanson gesagt.

„Es muss nicht schön sein. Es muss bedeutungsvoll sein“

Für eine Skulptur brauchte er ungefähr ein halbes Jahr. Er machte dafür Ganzkörperabgüsse von lebenden Modellen und füllte sie mit glasfaserverstärktem Polyesterharz auf. Nach dem Aushärten bemalte er sie, besorgte Bekleidung aus Secondhand­läden und Perücken. Dabei ging er enorm detailfreudig vor, besetzte die Arme mit Haaren und bemalte die Haut mit Adern und Flecken.

Zuerst als Stereo­type abgetan, werden Hansons Skulpturen heute für ihren Hyperrealismus gefeiert, und er gilt mittlerweile als einer der bedeutendsten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Sein Credo lautete: „Es muss nicht schön sein. Es muss bedeutungsvoll sein.“