Erstklassisch mit Mischke

Nils Mönkemeyer: „Bratsche spielen macht nett“

Lesedauer: 14 Minuten
Joachim Mischke
Der Bratschist Nils Mönkemeyer.

Der Bratschist Nils Mönkemeyer.

Foto: Irene Zandel

Nils Mönkemeyer erzählt, warum die Bratsche das richtige Instrument für ihn ist und warum er der Geige deshalb die Treue gebrochen hat.

Hamburg. „Die Bratsche bestätigt einen nicht. Die gibt einem eher eine Frage als eine Antwort.“ Nils Mönkemeyer muss es ja wissen. Er hat als Geiger begonnen, ist aber schnell auf die tiefere Bratsche umgestiegen, die nicht direkt das Image eines umwerfenden Virtuosen-Instruments hat. Eine Freundschaft fürs Leben seitdem, eine beeindruckend vielseitige Karriere. Und Mönkemeyer verfügt über mehr als genügend Humor, um sich durch blöde Sprüche über seine Seelenverwandte nicht aus dem Takt bringen zu lassen.

Hamburger Abendblatt: Das Einstiegsthema liegt auf der Hand, weil manche Menschen, die Bratsche spielen, wegen ihrer vermeintlichen Betulichkeit einen speziellen Ruf im Orchester haben: Was ist Ihr liebster Bratscher-Witz?

Nils Mönkemeyer: Was ist der Unterschied zwischen einem Bratscher und einer Waschmaschine?

Keine Ahnung.

Mönkemeyer: Die Waschmaschine vibriert schneller, und was rauskommt, ist sauber.

Ich wollte eigentlich anfangen mit: Was ist der Unterschied zwischen einer Bratsche und einer Geige? – Die Bratsche brennt länger. Aber, ganz im Ernst: Es gibt die Theorie, dass Instrumente sich ihre Spieler suchen. Also: warum Sie und die Bratsche?

Mönkemeyer: Ich glaube das auch, da gibt es eine magnetische, unerklärliche Anziehung. Als kleiner Junge habe ich Geige gehört, Barock-Geige, die Brandenburgischen Konzerte von Bach mit Harnoncourt und dem Concentus Musicus, mit Alice Harnoncourt, und ich dachte, das ist das Schönste und ich werde wohl Geige spielen. Das blieb ziemlich lange so. Erst im Bundesjugendorchester nahm ich mal die Bratsche in die Hand, und da sind mir viele Dinge bewusst geworden: Ach so, deswegen mochte ich die tiefen Saiten auf der Geige so sehr und hab‘ nie die hohen Stellen geübt. Eine Zeitlang hatte ich mir Ohrenstöpsel ins linke Ohr getan, weil ich die so schrill fand. Alle Probleme, die ich hatte, waren schlagartig weg und ich wurde vom schlechten Geiger zum mittelmäßigen Bratscher. Ganz wunderbar.

Bei uns im Schulorchester, ich war Klarinettist, hieß die Bratsche nur „Dieselgeige“; sie hat die wärmeren, dunkleren, gemütlicheren Töne, ist ein bisschen die Hummel unter den Streichinstrumenten. Was macht so ein Instrument mit dem Charakter eines Virtuosen, denn dieses Schneller, Höher, Weiter, das ist auf der Bratsche alles eine Etage tiefer zu bekommen. Anders als bei einem Geiger, der sagen kann: Ich spiel euch den Paganini rückwärts eingesprungen.

Mönkemeyer: Es gibt diese schöne Geschichte über Bach, dass er am liebsten Bratsche spielte, weil er dann in der Harmonie genau in der Mitte war und es genossen hat, im Zentrum des Klangs zu sein. Als Geiger hat man das ja nicht. Das macht für mich den Reiz aus: Mein Klang ist immer eingebettet, das ist etwas ganz Wohltuendes und Schönes. Ein fast körperliches Erlebnis. Selbst wenn ich als Solist spiele, gibt es fast immer eine Stimme, die über mir ist. Geige kann wie ein Pfeil durch den Raum schießen, das kann die Bratsche nur mit sehr viel Arbeit. Es ist eine bestimmte Art von Freundlichkeit, die ich als sehr wohltuend empfinde.

Man muss auch gönnen können.

Mönkemeyer: Wenn man das nicht kann, ist man an der Bratsche wirklich falsch. Wenn mir die Geigerin Julia Fischer bei Kammermusik eine schöne Melodie vorspielt, kann ich ja danach nur besser spielen.

Für die Bratsche gibt es keine so großen Publikumslieblinge wie für die Geige, kein Beethoven-Konzert, keinen Tschaikowsky, es gibt unter anderem Bartók, Hindemith, etwas Brahms. Sind Sie regelrecht neidisch oder kommen Sie mit dem Vorhandenen klar?

Mönkemeyer: Das habe ich weniger mit Geigen-, sondern eher mit Klavierstücken. Beethoven? Muss ich gar nicht unbedingt haben, der ist mir viel zu eckig, ich glaube, ich bin zu freundlich für Beethoven. Wir haben nicht so viele Stücke, dadurch habe ich die Chance, dass sie mich sehr lang begleiten und dass ich sie immer besser spiele. Die zwei Brahms-Sonaten muss ich erstmal gut spielen, wenn ich 34 hätte, würde mich das stressen. Es ist auch etwas am Bratschenklang, der viele Komponisten dazu bewogen hat, ihr ihre Spätwerke zu widmen: das Bartók-Konzert, die letzte große Sonate, von Schostakowitsch auf dem Sterbebett, es gibt eine wunderschöne Elegie von Strawinsky. Diese Werke erfordern auch einen langen Weg.

Sie haben auch die Cello-Suiten von Bach gespielt, es gibt für Cellisten wenig Heiligeres. Nehmen die das übel?

Mönkemeyer: Möglich, aber da hab‘ ich dann nicht so genau hingehört. Und das sind im eigentlichen Sinne keine Bearbeitungen, sondern eine Übertragung, weil die Töne komplett gleich sind, die werden nur eine Oktave höher gespielt.

Für Ihr neues Album haben Sie unter anderem ein Fagott- und ein Cello-Konzert von Vivaldi genommen, und ein Bravourstück vom Teufelsgeiger Paganini, für eine fünfsaitige Spezial-Bratsche geschrieben. Alles Geschichten für Gourmets. Ist es inzwischen einfacher, Veranstalter und Plattenfirmen mit solchen Zusammenstellungen zu überzeugen?

Mönkemeyer: Eine Hindemith-Sonate könnte ich jetzt nicht aufnehmen, weil das drei Geiger, einen Bratscher, einen Akkordeonisten und einen Freak interessiert. Ich habe mit einem nicht typischen Solo-Instrument eher kommerzielles Repertoire gespielt und fange seit zwei Jahren an, das im CD-Bereich zu erweitern.

Links zu Nils Mönkemeyers Lieblingsaufnahmen von Beethovens Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 57 "Appassionata"

Noch einmal zurück in die Abteilung Küchenpsychologie: Was macht, völlig ernst gemeint, jahrelanges Bratsche spielen aus einem Menschen?

Mönkemeyer: Sehr platt gesagt und es gibt auch immer Ausnahmen: Bratsche spielen macht nett.

Sie wissen aber schon, von was Schwester „nett“ die kleine Schwester ist?

Mönkemeyer: Daran hab‘ ich jetzt nicht gedacht… (lacht). Alle meine Kollegen sind freundliche Menschen. Man braucht ein freundliches Gemüt für die Bratsche, ihr Klang harmonisiert. Wenn ich mich über etwas aufrege und ich fange an zu spielen, geht es mir zu 99 Prozent besser. Es gibt etwas, was mich im Bratschenklang in die Mitte bringt.

So viele Bratschisten und -istinnen gibt es nicht. Ich nehme an, Sie kennen sich untereinander schon deswegen alle. Schließen Sie sich untereinander kurz, werden lohnende Notenfunde ausgetauscht, gibt es Netzwerke?

Mönkemeyer: Die gibt es generell unter Bratschern, es gibt den Deutschen Bratschentag und die Viola-Gesellschaft… jaja, Sie lachen… da kommen alle zusammen und nerden ein bisschen rum, das ist eigentlich ganz schön.

Etwas Praktisches: Anders als bei Geigen, die eher genormt sind, gibt es kleinere Bratschen, aber auch welche, die so groß sind wie ein LKW. Hängt das von Tonvorlieben ab - oder von der Armlänge?

Mönkemeyer: Die alten Bratschen aus Italien, zum Beispiel von Stradivari, die sind sehr klein. In Frankreich gab es Tenor- und Alt-Bratschen, zwei ganz verschiedene Größen. Das ist ein bisschen Ansichtssache. Bei den neueren, die gebaut werden, geht der Trend eher zu einem größeren Instrument, aber das hat auch physische Grenzen. Doch wenn ich jetzt eine Geige in die Hand nehme, denke ich immer: Mein Gott, das ist so einfach, man muss viel weniger Bewegungen machen.

Ihre Geigenkollegin Hilary Hahn hat sich – eine sehr tapfere Aktion – 100 Tage lang beim Üben mit dem Smartphone gefilmt und die Videos bei Instagram veröffentlicht. Wäre Ihnen das zu intim oder hatten Sie diese Idee nur noch nicht?

Mönkemeyer: Das war eine tolle Idee, weil es den Prozess beleuchtet, von „Ich kann überhaupt nichts“ bis „Ich stehe auf der Bühne und bin Hilary Hahn“. Andererseits war es auch ein bisschen unrealistisch, weil Hilary Hahn niemals im Leben die Zeit hat, 100 Tage lang das Sibelius-Konzert zu üben.

„Die Reger-Suiten finde ich total scheiße, die sind zu schwer, und: wofür?“ Ihr Zitat.

Mönkemeyer: Joah, stimmt. Es gibt eine Kollegin, von der ich diese Musik gern höre, und das ist Tabea Zimmermann. Sie spielt die mit so viel Freude und so, als wäre das ganz leicht.

„Zum Glück eignet sich die Bratsche sehr schlecht zum Pathos“, auch von Ihnen. Wofür eignet sie sich dann?

Mönkemeyer: Zum Weinen sehr gut, zum Trösten, fürs Geheimnis, für den Herbst.

Ein sehr erwachsenes Instrument also, etwas anderes als C-Dur in Rekordzeit.

Mönkemeyer: Genau, die Bratsche bestätigt einen nicht. Die gibt einem eher eine Frage als eine Antwort.

Würden Sie Ihre Bratsche zur Seite legen und sich die Geige, die Sie auch noch haben, vornehmen – wie gut wären Sie jetzt in etwa als Geiger?

Mönkemeyer: (lacht) Ich hab‘ eigentlich relativ schnelle Finger. Die Brillanz kommt durch eine Form der Perkussion der Finger auf dem Griffbrett, wenn ich die besonders schnell und mit einer bestimmten Form von Schwung bewege. Und da die Bratsche größer ist und mehr Widerstand bietet, bin ich recht gut trainiert. Das ist so, als würde man zehn Kilo stemmen können, nimmt aber nur fünf. Ich mag das Spielgefühl auf der Geige nicht, das geht mir alles zu einfach. Ich möchte gern eine Masse bewegen, nicht nur pusten und dann ist alles weg.

Das sagen Sie mal Anne-Sophie Mutter, das mit dem zu einfach.

Mönkemeyer: Ein Widerstand hat für mich auch etwas mit musikalischer Intensität zu tun, das ist im System so drin.

Die letzten Monate waren für Musiker und Musikerinnen, extrem freundlich ausgedrückt: nicht schön. Ist man, Vorsicht Küchenpsychologie, als Bratscher vielleicht widerstandsfähiger? Kommt ein Bratscher besser durch diese Zeit als ein Geiger?

Mönkemeyer: Das ist wie die Frage: Was halten Sie als Außenstehender von Intelligenz? Die ersten zwei Monate, als die Situation über uns hereingebrochen ist, die fand ich wirklich schwer, weil niemand wusste, was ist das überhaupt, wann hört das wieder auf. Die Situation, dass plötzlich der Kalender leer ist, kannte ich seit langer Zeit nicht mehr. Jetzt habe ich mit der Situation abgefunden, ich habe auch total wieder Lust zu üben. Das ging mir etwas abhanden, ich musste erstmal einen inneren Grund dafür finden. Jeden Morgen spiele ich Bach, eigentlich liebe ich es im Moment. Wenn das Konto nicht wäre, die Gesundheit, die Bedrohung, wenn diese ganze gesellschaftliche Entwicklung nicht wäre… ich persönlich genieße, dass die Zeit nicht so schnell vergeht. Da liegt jetzt so dieser freie Tag vor mir und ich denke, was mach‘ ich jetzt damit?

Haben Sie für sich überlegt, wie Sie Karriere-Weichen anders stellen wollen, wenn es wieder losgehen darf mit Konzerten?

Mönkemeyer: Das habe ich mich oft gefragt. Ich merke, dass ich keine selbstverständliche Erwartung mehr habe, dass es Konzerte geben wird. Dass ich selbstverständlich auf die Bühne komme. Das ist weg. Jedes Konzert, das passiert, ist etwas ganz Besonderes. Ich hatte im Sommer einen Auftritt bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, in einer schönen Kirche in Schwerin. In der Mitte des Konzerts hatte ich ein schieres Glücksgefühl, dass ich überhaupt auf der Bühne bin. Und es gibt die generelle Sorge, wie der Klassikmarkt finanziell überleben kann. Es gibt so viele offene Fragen, auf die ich überhaupt keine Antworten habe.

Auf was hoffen Sie sich freuend hin?

Mönkemeyer: Die Residenz bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern in diesem Sommer, das ist etwas ganz Besonderes für mich, wo ich viele Facetten zeigen und viele tolle Leute treffen kann. Wenn das nicht klappt, dann raste ich aus. Darauf freue ich mich seit Jahren, das wird auch passieren.

Auf welche Branchen-Gepflogenheiten aus der Zeit vor Corona könnten Sie danach gut und gern verzichten?

Mönkemeyer: Die Auswahl der Konzerte wird anders, was ich tue und was ich nicht tue, überlege ich mir genau. Wir brauchen eine sehr gute Programmatik. Zum tausendsten Mal Beethovens Fünfte Sinfonie – das, finde ich, ist dann vielleicht nicht mehr so relevant. Ich bin ja relativ etabliert und werde wieder Konzerte bekommen. Wer mir sehr leid tut, sind die, die gerade anfangen und durchstarten wollen, und diese Konzerte werden aber abgesagt. Ich bin froh, dass ich nicht jetzt meine Karriere beginne.

Wüsste ich nicht schon, wie eine Bratsche klingt, und Sie müssten es mir erklären – wie würden Sie mich ködern für mein erstes Bratschenkonzert?

Mönkemeyer: Ich würde sagen: Die Bratsche ist die Alt-Sängerin unter den Streichinstrumenten, sie hat etwas von einem schönen, ohne Eile gereiften Whisky. Oder von dem Klang, den das Laub macht, wenn man durch eine Allee geht und mit den Füßen im Herbstlaub raschelt. Da würde der Bratschen-Klang genau der richtige Soundtrack sein.

Album: „Vivaldi / Paganini / Tartini“ Nils Mönkemeyer, l’arte del mondo, Werner Ehrhardt (Sony Classical, ca. 18 Euro, erscheint am 5. März) / Konzerte als Preisträger in Residence bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern ab dem 12. Juni. Informationen unter www.festspiele-mv.de