"Erstklassisch mit Mischke"

Philippe Jaroussky: „Oper kann ein Alptraum sein“

Lesedauer: 12 Minuten
Philippe Jaroussky gründete 2002 das Ensemble Artaserse, mit dem er bis heute arbeitet.

Philippe Jaroussky gründete 2002 das Ensemble Artaserse, mit dem er bis heute arbeitet.

Foto: Parlophone Records Ltd

Der Countertenor im Podcast "Erstklassisch" über seine Stimme, über seine ersten Projekte als Dirigent und über ein "Wunder".

Paris.  Eine Wohnung, irgendwo in Paris, im Hintergrund des Computerfensters ist ein Klavier zu sehen. Philippe Jaroussky hat in diesen Tagen zu tun, aber anders als sonst. Die neue Platte des französischen Countertenors ist gerade erschienen, doch ob und wie die dazu geplante Tournee stattfinden kann, ist gerade, wie so vieles, unsicher. Ein Gespräch über seine Stimme, über die ersten Projekte als Dirigent und auch darüber, dass ihm die Musik von Johann Sebastian Bach Angst macht.

Hamburger Abendblatt: Was ist für Sie, in Ihrem Beruf, Glück?

Philippe Jaroussky: Wie so viele Künstler fühle ich mich privilegiert, diesen Beruf auszuüben. Ich bin sehr glücklich, weil so vieles für mich einfach war. Und es kann passieren, dass man nie das Gefühl hat, man würde tatsächlich arbeiten.

Für ein normaleres Leben sind Sie also verdorben, es ist zu spät, um sich noch umzuorientieren und zu arbeiten statt zu singen?

Jaroussky: Ich glaube, mein Gehirn ist dafür nicht mehr zu haben. Meine Mutter sagt mir das auch ständig: Ein Teil des Hirns arbeitet, der Rest ist eine Katastrophe.

Sie sind jetzt Anfang 40, wo sehen Sie sich als Sänger in zehn Jahren?

Jaroussky: Oh, das ist die große Herausforderung der nächsten Jahre. Ich sehe mich in zehn, 20 Jahren nicht mehr wie im jetzigen Rhythmus singen. Die Stimme eines Countertenors ist dafür wahrscheinlich nicht geeignet. Wir versuchen die Stimme frisch und leicht zu halten. Meine Stimme ist immer noch ein work in progress. In meinem Gesangsunterricht finden wir immer wieder neue Farben – aber ich weiß auch, dass ich etwas anderes machen möchte. Ich war ein Musiker, bevor ich Sänger wurde und ich hoffe, dass ich danach einer bleiben werde. Dieses neue Leben bereite ich gerade vor: 2021 ist das erste Projekt geplant, bei dem ich nur dirigieren und nicht singen werde, ein Oratorium von Scarlatti, und 2022 kommt mein erstes Operndirigat, in Paris, Händel, welche, ist noch ein kleines Geheimnis. Und ich stelle mir schon jetzt vor, dass ich im Graben durchdrehen werde.

Das vorherrschende Gefühl ist also nicht Freude, sondern Angst?

Jaroussky: Der Druck auf einen Dirigenten ist schon groß. Man ist für die gesamte Show verantwortlich. Das ist wahrscheinlich viel schlimmer, als nur die eigene Rolle zu singen. Ich werde versuchen, ein netter Dirigent zu bleiben. Denn manchmal, besonders in Opernproduktionen, leiden wir Sänger. Wir proben über einen Monat, fühlen uns sehr vorbereitet, aber manchmal haben wir nur wenige Proben mit dem Orchester. Und dann geht es direkt auf die Bühne, man kann kaum Kontakt mit den Musikern aufgebaut, andere Tempi als in den Proben… das ist eine schwierige Welt. Oper kann ein großes Vergnügen sein, aber auch ein Alptraum.

Sie haben gerade ein Album veröffentlicht, „La vanità del mondo“, „Die Eitelkeit der Welt“. Welche Bedeutung hat dieser Titel jetzt, in diesen verwirrenden Zeiten?

Jaroussky: Zunächst wollten wir uns Musik aus barocken Oratorien widmen. Seit dem Beginn meiner Karriere war ich davon fasziniert, wir haben aber nie ein Album aufgenommen. Dann habe ich, wie sonst auch, nach Notenmaterial gesucht. Es gibt so viel, dieses Repertoire ist grenzenlos. Ein Album zu „bauen“, ist eine meiner Leidenschaften. Ich vergleiche das gern mit dem Komponieren eines Parfums. Eigentlich hätten wir die Platte im April aufnehmen sollen, das wurde natürlich abgesagt. Es war jedenfalls ein kleines Wunder: Wir haben im Juni aufgenommen, mit Sicherheitsabständen. Der Titel bezieht sich auf ein Oratorium von Pietro Torri, einem ziemlich unbekannten Komponisten, und ich fand, der klingt sehr gut. Zunächst dachten wir ja, dass diese Krise nur einige Monate dauern und sich nichts verändern würde. Jetzt wissen wir, dass sie wohl mehr ein Jahr lang sein wird.

Wie bleibt man in solch einer Lage am Ball? Wie geht man mit Motivation um, oder auch mit dem Mangel an Motivation? Und der Angst, als Künstler vielleicht doch nicht so wichtig zu sein, wie man gedacht hatte?

Jaroussky: So eine Aufnahme zu machen, ist mit sehr viel Organisation verbunden. Im Juni war es für einige meiner Musiker unmöglich, nach Paris zu kommen. Einige leben in Spanien und Italien, der Konzertmeister in Santiago de Chile. Ich musste also Ersatz finden, das war ein langer Prozess. Es war aber auch eine so große Freude, alle waren so froh, wieder miteinander zu spielen, nach den Monaten voller Frustration und Angst.

Also war das keine Aufnahmesitzung, sondern eher eine Gruppentherapie.

Jaroussky: Irgendwie schon, ja. Wir hatten zwei Probetage, um uns in diese Musik einzulesen. Das meiste ist ja komplett unbekannt und fast nichts steht konkret in den Noten. Man muss alles Mögliche ausprobieren, und hin und wieder haben wir uns noch während der Aufnahme umentschieden.

Was ist so befriedigend daran, sich mit Musik zu beschäftigen, die mehr als 300 Jahre alt ist?

Jaroussky: Die Frage ist nicht, wie alt sie ist. Manchmal glaube ich, dass Monteverdi moderner denkt als sogar Mozart. Die Musik eines Komponisten aufzuführen bedeutet, dass man sein Gehirn betritt, seine Art zu denken, seinen Schöpfungsprozess. Nehmen wir die Arie „Dormi, o fulmine di guerra“ von Alessandro Scarlatti, die klingt sehr modern, wie Musik von Philip Glass. Wenn ich Barock-Manuskripte lese, ist es für mich sehr einfach, diese Musik dabei zu hören. Danach weiß ich auch, ob sie interessant genug ist oder nicht. Und manchmal gibt es dabei auch Überraschungen, wenn sie von Instrumenten gespielt wird. Der gesamte Geschmack kommt zurück. Und eine weitere Freude – das ist wohl auch ein Grund dafür, Dirigent werden zu wollen – ist, dass ich alle Details festlegen kann. Wie kommt man von einer Phrase zur nächsten? Wo sind neue Farben?

Das sind die Lieblingsstücke von Philippe Jaroussky

  • Schubert „Der Zwerg“ D 771. Christian Gerhaher (Bariton)
  • Händel „As With Rosy Steps The Morn” aus dem Oratorium „Theodora”. Lorraine Hunt (Mezzosopran)
  • Beethoven „Große Fuge“ op. 133. Quatuor Ébène
  • Nina Simone „Little Girl Blue”
  • Strawinsky „Höllentanz des Königs Kastschei“ aus der „Feuervogel”-Suite (1919) Leonard Bernstein, New York Philharmonic
  • Ravel Klavierkonzert G-Dur, 2. Satz: Adagio assai. Samson Pascal François (Klavier)
  • Jacob Collier „The Christmas Song (Chestnuts Roasting On An Open Fire)“

Wenn Sie kein Sänger vor allem von Barock-Repertoire wären, könnte ich Ihnen mit der Frage „Rolling Stones oder Beatles?“ kommen. Für Sie also: „Bach oder Händel?“

Jaroussky: Bei der ersten Frage würde ich die Beatles nehmen. Bei der zweiten: Händel. Bei ihm fühle ich mich mehr zuhause. Bach jagt mir immer sehr viel Angst ein. Es gibt meiner Meinung nach zwei Sorten Musiker: Den einen liegt er von Anfang an, Bach liegt ihnen im Blut. Andere fürchten ihn. So ist das wohl mit mir. Als ich einmal bei einer Matthäuspassion beim „Erbarme Dich“ ankam… Das ist eine dieser Arien, wenn man da die erste Phrase hinter sich hat, fühlt man sich so elend und möchte am liebsten wieder von vorn beginnen. Weil die Musik so perfekt ist; so perfekt kann man nicht sein. Die eigene Unvollkommenheit kann sehr nützlich für die Vollkommenheit seiner Musik sein.

Themenwechsel: Sie haben 2002 das Ensemble Artaserse gegründet. Sind sie dort für alles zuständig und verantwortlich, mussten Sie sich in den letzten Monaten um Unterstützung – vielleicht ja auch vom französischen Staat – kümmern, waren Sie ganz auf sich gestellt?

Jaroussky: Das war ich, seit es begann. Bislang bekamen wir es hin, das die Musiker bezahlt werden konnten, weil ich sang. Es war halbwegs einfach, ein Budget zu erstellen, für Proben, für große Konzerttourneen. Zukünftig wird das anders sein, wenn ich dirigiere. Gegründet habe ich das Ensemble aus einem Grund: Am Anfang hatte es nur eine kleine Besetzung und wuchs dann. Ich bin kein besonders hoher Countertenor, dafür die richtigen Opern-Stücke zu finden, war am Anfang nicht einfach. Also dachte ich: Gründe ich doch mein eigenes Orchester, dann kann ich die Musik auswählen, die für mich gut ist und ich muss nicht warten, bis sie mir angeboten wird. Nach einem Konzert stand in einer Kritik, mein Ensemble sei zehnmal besser gewesen als ich. Darüber war ich ziemlich froh! Nach allem, was wir in den Proben erarbeitet hatten, ist das doch fein, wenn sie besser als ich klingen.

Bei manchen Tenören lässt im Laufe der Jahre die Höhe nach, passiert so etwas Countertenören auch?

Jaroussky: Bislang habe ich nicht das Gefühl, dass sich der Tonumfang sehr geändert hat. In der Höhe habe ich vielleicht einen Ton verloren. Die Höhe bekomme ich aber inzwischen anders als vor 20 Jahren, meine Technik ist stabiler. Als ich jünger war, dachte ich darüber gar nicht nach. Das aktuelle Album wird womöglich eines meiner letzten sehr barocken Projekte sein, mit viel Virtuosität. In den letzten Jahren haben sich Countertenöre mehr und mehr darauf konzentriert. Wir vergessen etwas, von welchem Repertoire wir eigentlich kommen. Warum nicht mehr Bach, Purcell, Dowland, Byrd, mehr intimere Musik?

Ihre natürliche Gesangsstimme ist Bariton. Könnten Sie so auch professionell singen oder ist die Technik komplett anders und Sie sind auf Höhe trainiert.

Jaroussky: Ich glaube nicht. Meine Bariton-Stimme hat nichts Spektakuläres zu bieten, sie hat ungefähr eine gute Oktave. In meinem Gesangsunterricht trainieren wir sie nach wie vor, die ersten Übungen sind damit und danach geht es hoch in die Kopfstimme.

Stellen Sie sich mal die Überraschung beim Publikum vor, Sie so zu hören.

Jaroussky: Das habe ich einmal gemacht, als Spaß bei einer Zugabe nach einem Recital mit französischen Liedern.

Und alle waren schockiert?

Jaroussky: Es war lustig. Das war in der Carnegie Hall und danach schrieb ein Kritiker, der Effekt sei so gewesen, als ob ich meine Hosen heruntergelassen hätte. Es hat ihm offenbar gar nicht gefallen. Ich habe aber auch von Anfang an gedacht, dass ich ein Countertenor bin. Meinen ersten Gesangsunterricht hatte ich mit 18, damals war ich noch Geiger, und meine Lehrerin meinte, meine Stimme sei eher klein, sie wüsste nicht, ob ich ein Countertenor werden würde. Und ich antwortete: Sie müssen mir glauben, ich werde einer sein.

Es gibt ein schönes Zitat von Ihnen: „Ich bin faul.“ Wie schlimm steht es um Sie?

Jaroussky: Wir leben in einer Gesellschaft, wo alle immer total positiv sein müssen, immer gute Laune. Das wird mit der Zeit langweilig und es ist wichtig, auch mal faul zu sein. Das geht mir mit vielen Dingen so: Ich hasse Saubermachen und ich bin sehr gut darin, Aufgaben vor mir herzuschieben. Manchmal trifft man schlechte Entscheidungen, wenn man zu schnell reagiert.

Aktuelle CD: „La vanità del mondo“ mit dem Ensemble Artaserse. Musik aus Oratorien von Scarlatti, Händel u.a. (Erato, ca. 17 Euro)