„Erstklassisch mit Mischke“

Daniel Hope: „Wir werden extrem relevant sein“

Der Geiger Daniel Hope hat gerade keine regulären Konzert-Termine, aber dennoch viel zu tun.

Der Geiger Daniel Hope hat gerade keine regulären Konzert-Termine, aber dennoch viel zu tun.

Foto: Inge Prader

Ein Gespräch mit dem Geiger Daniel Hope über die Konzertpause und wie es danach mit der klassischen Musik weitergehen könnte.

Hamburg. Am letzten Mittwoch hätte Daniel Hope in Hamburg sein sollen. Laeiszhalle, Großer Saal, eine Lesung mit Musik, mit dem Schauspieler Sebastian Koch, zum Thema „Paradies“, ausgerechnet. „Es wird keinen Ersatztermin geben“, steht auf der Website. Künstler-Schicksal, momentan.

Auch weil man das Schicksal immer wieder austricksen wollen soll, ignorierte der Geiger die Corona-Zwangspause für die ARTE-Online-Reihe „hope@home“ wochenlang mit kleinen Konzerten aus seinem Wohnzimmer. Seit einigen Tagen und rund drei Millionen Abrufe später, ist Hope im Rahmen des Erlaubten wieder unterwegs, für „hope@home - on tour!“.

Neulich war er stehgeigend mit einem Pianisten und der singenden Schauspielerin Sophie Rois im Himmel über Berlin, im Fernsehturm. Wie er die Zukunft der Klassik-Welt beurteilt, besprachen wir telefonisch.

Hamburger Abendblatt: Wie geht es dem Menschen Daniel Hope – und wie dem Musiker Daniel Hope?

Daniel Hope: Gesundheitlich ist alles wunderbar. Am Anfang wusste ich wie viele nicht, was man am besten machen sollte. Bei mir sind in kürzester Zeit 70 Konzerte abgesagt worden, nicht nur Einzelkonzerte hier und da, sondern teilweise sehr große Projekte, mit meinen Orchestern in San Francisco und Zürich, viel bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Die Droge Auftritt… Das jetzt nicht machen zu können, ist ein großer Schock gewesen.

Ihre kleinen Konzerte sind schön und gut, ersetzen aber natürlich keinen vollen Saal mit dem Tschaikowsky-Konzert im Programm und einem großem Orchester im Rücken.

Sicher nicht. Aber wenn ich mit Freunden und Kollegen spreche, auch mit Menschen, die um ihre Existenz kämpfen, bin ich der letzte, der sich beschweren kann. Es gibt inzwischen konkrete Pläne, in den nächsten Wochen tatsächlich live – viel reduzierter - vor Publikum zu spielen.

Die Berliner Philharmoniker haben kürzlich Mahlers riesige Vierte in einer Mini-Besetzung gespielt. Eigentlich toll, aber andererseits trist und traurig. Die Sinfonie ist ja nicht als Playmobil-Version gedacht worden.

Ich fand es eher ernüchternd. Das Zeichen, dass Orchester wieder aktiv werden, ist zwar fantastisch. Aber gerade Mahler, wenn man es anders gewohnt ist, diese Wucht der Musik… Deswegen wollten wir klein anfangen. Darin sehe ich für die Zukunft eine große Chance, für eine Renaissance der Kammermusik, die – wenn wir ehrlich sind – ein bisschen ihre Popularität verloren hat. Jetzt haben wir die Möglichkeit, sie weltweit anzubieten.

Die Debatte über die Klassik-Branche hat begonnen, viele überlegen, wie es weitergehen kann und soll, wo es bisher Dirigenten und Solisten gab, die wie wild gereist sind. Jetzt muss man das Musikleben vernünftiger gestalten.

Das ist eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance. Ein Reset für die ganze Welt, daran hätte niemand gedacht, nun sind wir gezwungen, anders zu denken. Was bedeutet „Entertainment“, wie erreicht man Menschen? Die größte Frage: Selbst wenn die Konzertsäle morgen wieder aufmachen – werden die Leute da hineinströmen? Da habe ich meine Zweifel. Also: Wie kann Musik in den nächsten ein, zwei Jahren stattfinden, wie kann man freischaffenden Künstlern unter die Arme greifen? Was jetzt angeboten wird, ist toll, aber nicht ausreichend.

Jetzt haben wir uns beide gerade viele Fragen gestellt, aber keiner von uns hat Antworten. Und wir haben ja auch noch gerade Beethoven-Jahr, auch das verpufft ins Nichts. Fürchterlich, fürchterlich, fürchterlich.

Ich bin trotzdem vorsichtig zuversichtlich, dass man einen Weg in eine lebhafte Kulturwelt zurückfindet. In Amerika basiert alles auf privater Finanzierung. Die Zukunft des Sponsoring von Musik wird auch gerade auf den Kopf gestellt. Ich bin sehr gespannt, wie Festivals in Zukunft ihre Gelder zusammenbekommen. Ich denke, dass Streaming und Sender, die hochwertige Formate online und im TV anbieten können, eine immer stärkere Position einnehmen werden.

Ist es okay, wenn viele das machen, ohne dass dafür zu bezahlen ist? Ist das Lebenszeichen wichtiger als die Lebensfinanzierung?

Es müsste eine Mischung geben. Viele Ideen, um Streams zu Geld zu machen, gibt es, das finde ich super. Aber eigentlich könnten Fernsehsender jetzt noch mehr tun. Wir wissen beide: Klassik ist da bisher auf Sparflamme produziert worden. Gerade für die Öffentlich-Rechtlichen wäre das jetzt der Moment, um junge freischaffende Künstler zu unterstützen und sie dafür auch zu bezahlen. Die ersten Streams waren teilweise sehr spontan, mit dem Handy, das hatte zunächst absoluten Charme und war ganz toll. Aber nach einer Weile war mein Anspruch anders: Geht es nicht darum, so gut wie möglich zu klingen? Es geht um unsere Ohren, ums richtige Hören. Ist es nicht möglich, einen Stream zu produzieren, der tatsächlich klingt, als wäre er in einem Aufnahmestudio oder einem Konzertsaal entstanden? Solange diese Restriktionen andauern, werden die Menschen mehr und mehr Ansprüche an Tonqualität stellen. Früher haben Sender reihenweise Produktionen gemacht. Das jetzt wiederzubeleben, vielleicht sogar mit Bild, finde ich eine wunderbare Möglichkeit, um Musik zu teilen.

Dann hätten wir die schöne Elbphilharmonie ganz umsonst gebaut, also eher: vergebens? Man bräuchte dann ja nur ein tolles Studio, aber keinen Saal.

Das sehe ich nicht so. Was sie für Hamburg geleistet hat, ist schon gewaltig. Pauschal nur Streams zu machen, dafür bin ich keineswegs. Aber Menschen in Ländern, die noch im Lockdown sind, sehen das gerade als Lebenszeichen. Ich rede jetzt von einer vorübergehenden Zeit. Es ist auch eine Chance – und wir haben keine andere Wahl. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Hauptsache, man lässt das nicht sterben. Keiner von uns will das.

Da bin ich mir nicht so ganz sicher. Erklären Sie jetzt mal einem Gastwirt oder einem Reisebüro-Inhaber, warum es so notwendig ist, dass ein Konzert passiert, dass ein kleines Orchester überlebt.

Zu erklären, warum Kultur und Musik lebensnotwendig sind, das tue ich gern. Ob ich ihn überzeuge, ist eine andere Sache. Vermutlich nicht. Es gibt viele Menschen da draußen, die Hilfe brauchen. Ich habe in meinen Sendungen immer gesagt: Nehmen Sie eine Charity Ihrer Wahl, spenden Sie einfach. Es gibt eine Gefahr, dass Musiker sagen: Wir sind das Zentrum der Welt. Das sind wir nicht. Aber ich bin der Meinung, dass klassische Musik gerade für Kinder so wichtig ist – das dürfen wir niemals aufgeben.

Haben Sie das Gefühl, dass Kultur von der Politik ausreichend wahrgenommen wird? Was es für die Kulturnation bedeuten würde, wenn vieles davon einfach weg wäre?

Deutschland hat es sehr gut, verglichen mit anderen Ländern. Trotzdem: Darf ein Orchester, egal wie groß, pleite gehen? Ich finde, nein. Deutschland ist weltweit ein absoluter Leuchtturm, weltweit, was die Wertschätzung der Kultur angeht. Es gibt sehr viele Politiker, die Musik lieben. Wenn man die Summen liest, die jetzt genannt werden, ist das schon enorm. Die Frage ist: Kommt das an? Bedauernswerterweise ist das nur bei einem Teil der Künstler so. Wenn wir Lobbyarbeit machen, dann gemeinsam, um daran zu erinnern, wie wichtig Musik ist.

Damit wären wir bei Ihrem letzten Album, „Belle Epoque“, mit Musik aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, völlig ungeplant eine Verbindung zu unserer Gegenwart. Denn kaum war der Weltkrieg vorbei, kam die Spanische Grippe. Schon interessant, wie Musik auf Krisen reagiert, wenn sie passiert sind – aber auch, wie sie vielleicht Krisen vorahnt und mit dem Gefühl einer Gesellschaft umgeht.

Ich bin besessen von dieser Belle-Epoque-Zeit, fast jeden Tag lese ich Texte aus dieser Epoche. Das hat für mich jetzt eine erstaunliche Aktualität gewonnen, Texte, die genau 100 Jahre alt sind. Ich spüre jetzt tatsächlich eine Mischung aus Endzeitstimmung und Tanz auf dem Vulkan.

Können Sie sich vorstellen, wie die Klassik-Landschaft in drei Jahren aussieht? Wir haben dann nur noch fünf große Rundfunkorchester, drei Festivals und der Rest erinnert sich daran, dass es mal mehr war?

Da fragen Sie mich was… Ich kann nur beten, dass wir nicht nur eine kleine Zahl von Orchestern brauchen. Ich glaube, sehr viele Menschen werden aufgeben. Das ist eine absolut entsetzliche Vorstellung, aber wohl nicht aufzuhalten. Die, die bleiben und überleben, werden kämpfen wie noch nie. Sie werden sich auch mit Künstlern verbünden, mit denen sie sich sonst nie im Leben zusammengetan hätten. Ich bin Optimist, ich glaube, dass wir überleben. Wir werden extrem relevant sein. Wir sind es jetzt schon, doch das wird sich steigern. Die junge Generation nach mir, die wird jetzt als Vorreiter gefragt sein. Und ich bin zuversichtlich, dass wir innerhalb der nächsten zwei Monate einige Live-Konzerte erleben werden. Ein Sommer ohne Live-Musik ist für mich ein absolutes Grauen.

Der große Helge Schneider hat vor einigen Tagen gesagt: Ich trete nicht auf vor Autos, wenn das nicht vor Publikum geht, dann war es das eben.

Das habe ich gelesen. Das ist eine Entscheidung. Im Moment will ich nichts ausschließen. Wenn Sie mich fragen, wo wollen Sie morgen am liebsten spielen, sage ich, klar, Carnegie Hall. Aber wir müssen realistisch sein und das nehmen, was uns vorgeschrieben ist.

Was wäre das erste, dass Sie sich als erstes Nach-Corona-Stück wünschen würden, the full monty, große Bühne, dickes Orchester, voller Saal?

Schostakowitsch, 1. Violinkonzert, oder das Berg-Violinkonzert.

Nicht die schlechteste Wahl. Glauben Sie, Sie kommen da ohne Tränen durch?

Nein, sicher nicht. Schon der erste Takt, mit der Harfe, beim Berg… Spätestens nach Takt 23 bin ich ein Wrack. Beide Stücke sind ohnehin so emotional geladen, und in der jetzigen Situation wäre das überwältigend.

Welche Bestandteile der Vor-Corona-Klassik-Branche würden Ihnen in der Zeit danach so gar nicht fehlen?

Der Wunsch, ständig durch die ganze Welt zu reisen, ist bei mir tatsächlich ziemlich eingedämmt. Ich habe jetzt gelernt, wie es ist, an einem Ort zu sein.

CD: „Belle Epoque“ (DG, ca. 19 Euro). Die „Hope@home“-Konzerte sind online auf www.arte.tv abrufbar.