„Erstklassisch“-Podcast

Französische Barockmusik, Soul und die Liebe zum Gärtnern

Keine Folge mehr verpassen - jetzt kostenlos abonnieren auf:
Der in den USA geborene Dirigent William Christie gilt als Spezialist für Komponisten des französischen Barock.

Der in den USA geborene Dirigent William Christie gilt als Spezialist für Komponisten des französischen Barock.

Foto: Andreas Laible

Ein Gespräch mit William Christie über die Freuden der Alten Musik, über Aretha Franklin und das Gärtnern.

Hamburg.  Ein Amerikaner in Paris? Was touristisch nach Klischee und musikalisch nach Gershwin klingt, wurde für William Christie zum Wendepunkt seines Lebens. Nachdem er 1970 als junger Mann von der US-Ostküste nach Frankreich emigrierte, um frei zu sein und dem Vietnam-Krieg zu entkommen, gründete er vor 40 Jahren das Barock-Ensemble „Les Arts Florissants“ und wurde zum Spezialisten vor allem für französisches Repertoire. Zwischen der Anspielprobe und dem „Les Arts“-Jubiläums-Konzert im Großen Saal der Elbphilharmonie war noch Zeit für einen Gedankenaustausch, bei dem Christie auch verriet, dass er gern als Aretha Franklin wiedergeboren werden möchte.

Was macht ausgerechnet die französische Barockmusik für Sie so speziell? Warum nicht italienische, deutsche, englische?

William Christie: Vor allem die Sprache. Die bestimmt, wie Musik komponiert wird. Und weil sie so komponiert wurde, wurde sie nicht nur so gesungen, sondern auch so gespielt, weil die Stimme als das führende Instrument galt. Ich mag die französische Kultur, die Musik, die Kunst, die Sprache.

Haben Sie es mit deutscher Barockmusik versucht, war die Ihnen zu effektiv, zu streng?

William Christie: Sie ist nicht streng. Bach ist einer der gefühlvollsten Komponisten, die ich kenne. Er hatte wunderbare intellektuelle Kontrapunkt-Ideen, doch das hielt ihn nicht davon ab, menschlich zu sein. Noch mal zur französischen Musik: Sie hat spezielle Harmonien. Gibt es eine Verwandtschaft von Rameau mit Ravel? Ja. Und man kann es in den Farben der Musik hören.

Sie kamen als US-Amerikaner nach Frankreich und erklärten den Franzosen ihre Musikgeschichte. Das brachte Ihnen bestimmt nicht nur Freunde ein.

William Christie: (amüsiert) Stellen Sie sich vor, ich wäre, meinetwegen als Engländer ins Leipzig des 19. Jahrhunderts gekommen und hätte gesagt, man sollte sich mal diesen Bach ansehen, der hätte was… Das ist ein kompliziertes Thema. Ich kam im Mai 1968 an. Damals fand eine Revolution statt, sozial und kulturell. Und die Franzosen erkannten, dass sie Teil der Welt waren. Und vielleicht war es wichtiger, dass wir, die wir in ihr Land kamen, um unseren Göttern zu huldigen, etwas sagten, dass wichtiger war als ihre eigenen Aussagen. Ich wurde deswegen gut aufgenommen. Außerdem: Die Franzosen haben SO VIEL Kultur. Wenn ihnen da jemand beim einen oder anderen Teil etwas behilflich ist, freut sie das. Aber von den französischen Konservatorien, wo man sehr eigene Vorstellungen hatte, wurde ich um 1970 kritisch angesehen. Wie ein Vegetarier, wie ein Veganer. Der spielt auf diesen komischen Instrumenten, weil er die richtigen nicht spielen kann.

Sie wollten damals nicht nur als junger US-Amerikaner nach Frankreich, sie wollten auch nicht nach Vietnam. Sie wurden im Staat New York geboren, haben in Harvard und Yale studiert – und Cembalo gespielt. Nicht das Instrument, dass mir beim Gedanken an die 1960er als Erstes einfallen würde. Als Sie 18 waren, hatte Chubby Checker mit „The Twist“ einen Riesenhit. Sie: spielten Cembalo. Sehr ungewöhnlich, oder?

William Christie: Nun ja, wer bestimmt, was ungewöhnlich ist? Sie, gerade.

Welcher Song von den Beatles war der erste ihre Songs, in den Sie sich verliebt haben?

William Christie: Wirklich verliebt war ich in: Soul!

Sie sagten einmal, dass Sie als Aretha Franklin wiedergeboren werden möchten.

William Christie: Es könnte auch Diana Ross sein. Oder Aretha. Oder Sarah Vaughan. Ich würde eine Hormonbehandlung machen lassen, wenn ich dann wie eine dieser Ladies singen könnte.

Sie haben einige Jahre lang auch Konzerte mit den Berliner Philharmonikern dirigiert. Für einen Barock-Spezialisten, der auf kleine Ensembles geeicht ist, ist es sicher eine enorme Umstellung, vor dieser Riesenmenge Menschen zu stehen. Wurden Sie da nicht von der schieren Lautstärke umgeblasen?

William Christie: (lacht) Ich war scared shitless…! Man hatte mich gewarnt, aber auf eine gute Art und Weise, dass ich nicht vor 100 stehen würde, sondern vor der crème de la crème… Und dass die alle molto simpatico wären. Solche Orchester haben nun wirklich jeden Tom, Dick oder Harry an sich vorbeiziehen sehen. Sie bilden sich sehr schnell eine Meinung. Aber: Man muss diesen Leuten etwas nur ein einziges Mal sagen. Die Technik ist fabelhaft.

Für ein Stück Barockmusik gibt es sofort mindestens drei Meinungen, wie man das zu spielen hat – und wie garantiert nicht. Wieso gibt es beim Thema historische Aufführungspraxis immer so schnell und so viel Streit?

William Christie: Ich weiß nicht, in welchen Kreisen Sie sich bewegen... Was ich jetzt so höre: Das sind tote Themen. Früher, in den 50ern und 60ern, da musste man sozusagen bibelfest sein und für jede Stelle den passenden Beleg aus der Fachliteratur parat haben. Sonst konnte man sich nicht verteidigen. Jetzt sagt man als junger Musiker eher Dinge wie: Man kann ein und das selbe Stück von zehn Menschen spielen lassen, und es wird jedesmal anders sein. Der Komponist gibt einem also viel mehr Freiheiten, als es jemand wie Boulez getan hätte.

Können Sie es genießen, vier Stunden lang einer Wagner-Oper zuzuhören? Oder verträgt sich solche Musik einfach nicht mit Ihrem System?

William Christie: Wie kann man ein fühlender Musiker und nicht vom „Ring“ überwältigt sein? Länge ist für mich nicht das Problem, Barock-Opern sind ja oft sehr lang... In meinem nächsten Leben – falls ich nicht als Aretha Franklin wiedergeboren werde – würde ich zwar gern als Schubert- und Schumann-Dirigent zurückkommen. Aber Aretha ist schon sehr verführerisch.

Bei welcher Musik fällt Ihnen vor Langeweile der Kopf auf den Tisch?

William Christie: Es gibt Momente in der Musikgeschichte, die ich einfach nicht ausstehen kann. Im 20. Jahrhundert, so etwas wie Milhaud oder Honegger, das treibt mich in den Wahnsinn. Es macht mich krank, das zu hören. Im 18. Jahrhundert: Gluck. Da muss man endlose Seiten warten, bis endlich in der Musik etwas auftaucht, was einen wie ein Pfeil ins Herz trifft.

Italienischer Belcanto?

William Christie: Man kann Dutzende Seiten Bellini spielen und immer nur um-pah, um-pah hören. Wenn ich Cellist wäre, würde ich Selbstmord begehen. Aber dann gibt es wieder etwas Fabelhaftes für die Sopranistin und man denkt, okay, das ist es wert. Mag ich Orffs „Carmina Burana“? Ich hasse das!

Was würden Sie empfehlen, damit ich mich, wenn ich Neuling wäre, in Barock-Musik verliebe?

William Christie: Dafür müssten Sie mir etwas über sich erzählen… Sind Sie freigiebig? Treffen Sie gern Menschen? Haben Sie ein Gespür für Einsamkeit? Eines für Übertreibung? Oder sind Sie eher für eine komplizierte Unterhaltung zu haben? Dann vielleicht etwas Frescobaldi oder Bachs „Kunst der Fuge“...

Dann nehmen wir mal an, ich wäre sozialverträglich, mag leuchtende Farben und langweile mich schnell.

William Christie: Dann würde ich meinen, wir müssten Sie sehr schnell zur Barock-Oper bringen. Und warum nicht mit etwas loslegen, was so sehr drüber ist wie Monteverdis „L‘incoronazione di Poppea“? Und wie wäre es danach mit einer Opera seria aus dem frühen 18. Jahrhundert? Tolle Bühnenbilder, üppige Kostüme und wahnwitzige Gesangspartien

Sie komponieren also Ihre Konzerte wie ein Chefkoch seine Speisekarten?

William Christie: (lacht) Nun ja... Heute begannen wir groß, aber mit Überraschungen. Und danach – puff – haute cuisine! Man muss den Leuten immer gerade so viel geben, dass sie mehr wollen. Und dann das ein kleines Sorbet, dass die Leute durchdrehen lässt. Am Ende: die Eisbombe. Hier die Vulkanszene aus Rameaus „Les Indes Galantes“. Also, ja: Es geht vor allem um Vergnügen und um Abwechslung.

Eine andere reizende Angelegenheit in Ihrer Vita ist die Gartenanlage, die sie seit 1985 in Thiré im Westen Frankreichs unterhalten und in dem im Sommer auch Konzerte stattfinden. Hatten Sie mit Musik noch nicht genug zu tun? Oder ist das für Sie vergleichbar mit dem Musikmachen?

William Christie: Wenn man tun kann, was man liebt, ist man schon viel besser dran als die allermeisten Menschen. Ich habe zwei großartige Dinge in meinem Leben: Musik, denn damit ist man niemals allein und man kann sie auch noch mit anderen teilen. Und ich lernte schon früh die Liebe zum Gärtnern.

Und Gärtnern bringt einem bei, geduldig zu sein…

William Christie: … was ich nicht bin...

… und wie groß ist der Garten? So eine Art Mini-Versailles?

William Christie: Wenn man über Gärten nachdenkt, denkt man groß. Es gibt den Begrüßungsteil, einen großen Obstgarten und den richtigen Garten, unfassbar viel Arbeit… Dann kommt noch der wilde Teil, am Ende Bäume. Insgesamt rund 15 Hektar.

Sie haben also keinen Garten, sondern eher ein ganzes Département.

William Christie: Na ja, vor allem habe ich Alpträume deswegen (lacht). Nein, ich liebe das. Und jetzt ist er ja auch für Musik da. Also: Wenn es etwas gibt, über das ich mehr als über alles andere nachdenke, dann Musik und Gärtnern.