Interview

Organist Ton Koopman: „Für mich gilt: Kein Tag ohne Bach“

Bei bestimmten Bach-Akkorden könne man einen Herzinfarkt bekommen, findet der Organist. Er ist Gast des Abendblatt-Klassik-Podcasts.

Hamburg.. Obwohl Ton Koopman seit Jahrzehnten weltweit zu den Meistgenannten gehört, wenn es um fachkundigen Umgang mit den stilistischen Besonderheiten von Barockmusik geht – einen Künstlernamen hat er sich trotzdem zugelegt: Auf „Antoine Marchand“, die französische Übersetzung seines holländischen Namens, taufte Koopman 2003 sein eigenes Plattenlabel.

Er ist Organist, Cembalist, Dirigent, Musikwissenschaftler, Sammler und Raritäten-Ausgraber. Vor allem aber ist der 74-Jährige ein riesiger Bewunderer von Johann Sebastian Bach (seit langem weltbekannt) und dem fast ein halbes Jahrhundert früher geborenen Dieterich Buxtehude (immer noch zu unbekannt). Bruckner-Sinfonien sind Koopman zu lang, mit Wagner wird er nicht warm, und weil es nun mal nicht anders ging, verschuldete er sich jahrelang für ein Aufnahme-Projekt. In Hamburg und Umgebung war Koopman in diesem Sommer Gast beim Schleswig-Holstein Musik Festival, das noch bis zum 1. September einen Bach-Schwerpunkt im Programm hat.

Sie haben einmal gesagt, Bach sei der größte Komponist gewesen, der je gelebt hat. Ist das nicht unfair gegenüber Mozart, Beethoven, Brahms, Schubert, Wagner?

Ton Koopman Nein, für mich ist evident, dass es keinen Größeren gibt. Weil er unglaublich imstande war, mit seinem Können, seinem Herz und seinem Verstand zu funktionieren. Bei bestimmten Bach-Akkorden kann man einen Herzinfarkt bekommen. Für mich hat Beethoven das nicht gemacht, obwohl ich seine Musik allmählich liebe, das hat lange gedauert.

„Allmählich“ klingt interessant.

Ich habe lange gesagt: Für Beethoven war es gut, dass Mozart so früh gestorben ist. Allmählich muss ich mich dafür entschuldigen. Aber inzwischen habe ich die meisten Sinfonien gemacht und mich in die Musik verliebt: die Zweite, toller letzter Satz, da ist viel Feuer. Aber es ist eine andere Welt.

Wären Sie so orthodox zu behaupten, dass jemand, der Bach nicht schätzt, kein guter Musiker sein kann?

Es ist immer schwer, ein Polizist für anderer zu sein. Aber für mich gilt: Kein Tag ohne Bach.

Sie sind seit kurzem Präsident des Leipziger Bach-Archivs. Wie wird man das? Muss man vortanzen, kann man sich bewerben?

Man wird gefragt. Das ist ein tolles Institut. Und wenn man Bach aufführen möchte, muss man etwas über Bach wissen. Was meine Aufgabe ist? Viel plaudern, Kaffee trinken... Aber wenn man beispielsweise einen Bach-Autographen wie im letzten Jahr in Basel kaufen kann, muss Geld für so eine Partitur gefunden werden. Als Sammler, der ich bin, denkt man: Das hätte ich selbst auch gern. Doch das kann sich ein normaler Musiker nicht leisten.

Ist zu Bach nicht längst schon alles gesagt, geschrieben, gedacht?

Nein. Immer wieder kommen neue Elemente. Gerade habe ich eine Dissertation darüber gelesen, dass Anna Magdalena Bach keine so arme Witwe war, wie man immer dachte.

Wenn Sie Bach treffen könnten, was wäre Ihre erste Frage?

Ich würde ihm sagen: Ich bemühe mich um Ihre Musik und bemühe mich, sie so gut wie möglich zu verstehen und auf zuführen. Wie weit bin ich damit gekommen? Bin ich einigermaßen akzeptabel oder eine Null?

Sie besitzen weit mehr als 10.000 Bücher und Tausende historische Stiche. Das Sammeln hat mit 13 begonnen, das erste Honorar fürs Orgelspielen war nichts Bares, sondern ein Buch. Wo lagern Sie all das?

Wir haben 1985 ein kleines Altersheim gekauft, wo rund 40 Senioren und Pfleger gewohnt hatten, im Garten sind auch noch zwei Häuser. Also gab es genügend Platz. Es ist ziemlich voll. Meine Bibliothekarin sagt hin und wieder: Ton, wir brauchen etwas Raum… Und meine Frau (die Cembalistin Tini Mathot, d. Red.) ist eine sehr nette Bremse, die hin und wieder sagt: Stopp.

Als Sie in den 70er-Jahren mit der historischen Aufführungspraxis begannen, war das noch ein harter Kampf.

Das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester hatte damals gesagt: Die Leute mit alten Instrumenten spinnen. Die sind vielleicht musikalisch, aber sie haben keine Technik. Dann haben sie mit Nikolaus Harnoncourt gearbeitet und der hat ihnen gesagt: Legen Sie die Bögen mal hin, ich will Ihnen zeigen, wie man die benutzen muss…

So etwas mögen Profis bestimmt sehr.

… Sie sind dann aber Freunde geworden.

Viele Alte-Musik-Spezialisten – auch Sie – haben Sich nach und nach aus dem Barock-Repertoire vorgearbeitet, in die Klassik und die Romantik. Wie sehen Ihre Programm-Vorlieben aus?

Mendelssohn liebe ich sehr, Schubert habe ich immer sehr gern gespielt.

Aber beim Angebot einer Bruckner- oder Mahler-Sinfonie würden Sie sagen: Schöne Idee, aber ohne mich?

Ja. Ich bin kein großer Liebhaber dieser Musik. Sie dauert viel zu lang, es hört nicht auf. Von Bruckner mag ich einige a-cappella-Chorwerke, die finde ich schön. Aber diese enorm langen Stücke? Das ist nichts für mich.

„Schubert ist für mich Avantgarde“, haben Sie gesagt. Wenn jemand wie Sie in einer Wagner-Oper sitzt – ist das für Sie ein Paralleluniversum?

Ich glaube, ich war noch nie in einer Wagner-Oper und ich werde es nicht tun. In meinem Musikwissenschafts-Studium hatten wir einen Professor, der uns beibringen wollte, dass Wagner ein großer, wichtiger Komponist war. Und niemand hat das geliebt, nach seinen Vorlesungen noch weniger. Wir hatten Asterix-Hefte dabei und bekamen Straf-Prüfungen, wir mussten alle Leitmotive erkennen. Das hat nicht geholfen, Wagner mehr zu lieben.

Dann werde ich jetzt mal ketzerisch: Wenn Felix Mendelssohn Bartholdy nicht 1829 die Matthäuspassion aufgeführt und damit die große Bach-Renaissance eingeleitet hätte, wäre Bach nach wie vor ein regionaler Kirchenmusiker geblieben und sein Sohn Carl Philipp Emanuel der eigentliche Star?

Da bin ich nicht einverstanden. Dass Mendelssohn das getan hat, war ein unglaublich wichtiger Moment. Dieser Mut war außergewöhnlich und hat sehr geholfen. Aber Bach war zu seinen Lebzeiten nicht nur ein Geheimtipp. Ohne Mendelssohn, da bin ich mir sicher, wäre es langsamer gegangen.

Themenwechsel. Ihr Vater war Jazz-Schlagzeuger und Sie sollen auch einmal mit Jazz-Musiker gejammt haben?

Einmal. Auf dem Cembalo. Das schwedische Fernsehen wollte im Bach-Jahr 1985 etwas Spezielles über Improvisation veranstalten. Eine Jazz-Combo war da, auch Popmusiker, und ich am Cembalo. Wir haben uns für ein Stück aus Purcells „Dido und Aeneas“ als Grundlage geeinigt und hatten zwei Tage. Am Anfang hatten wir aber alle Angst voreinander, dann sind wir essen und trinken gegangen. Danach fanden wir einander nett und am nächsten Morgen war alles fertig und mein Vater meinte: Oh, Du machst doch gute Musik. Übrigens: Meine jüngste Tochter singt sehr gut Jazz.

Große Etappen in Ihrem Lebenslauf sind die Marathon-Projekte mit Gesamtaufnahmen: alle Bach-Kantaten und alle Orgelwerke, alle Mozart-Sinfonien, alles von Buxtehude. Für den Bach-Marathon, der 1994 begonnen hatte, haben Sie sogar eine Hypothek auf Ihr Haus aufgenommen, als die ursprüngliche Plattenfirma mittendrin ausstieg. Sie machen es sich gern extra schwer?

Ich bin ein Sammler, ich möchte die Dinge gern komplett haben. Bei Bach wollte ich wissen: Wie hat er angefangen, wie ist es weitergegangen? Ich habe unter anderem entdeckt, wie die Blockflöte zur Querflöte wird und enorme Soli bekommt. So etwas kann man aber nur sehen, wenn man alles hintereinander aufführt und aufnimmt.

Nochmal zur Hypothek: Das finde ich schon außergewöhnlich, wenn jemand für seine Kunst so weit geht. Nie Angst gehabt, dass Sie sich in etwas reinreiten, aus dem Sie nicht mehr herauskommen?

Nein. Obwohl: Bei der Unterschrift dafür haben meine Frau und ich schon gedacht, dass das nicht ohne ist. Die einzige Möglichkeit war, zu einer Bank zu gehen. Damals haben Banker so etwas auch noch gemacht. Wir hatten das große Haus, die Bank hat ja gesagt und wir hatten Zeit zum Zurückzahlen. Die letzte Rate haben wir gerade erst bezahlt. Das haben wir mit einem schönen Essen und schönem Wein gefeiert.

Wenn Sie so gern sammeln – haben Sie womöglich auch noch sieben bis zwölf Cembali zuhause?

Ich habe keine historischen Cembali, wir haben nur einen historischen Hammerflügel, den spielt meine Frau. Ich habe nur Kopien. Neun Cembali. Wir haben zwei Häuser, da stehen einige. Und wenn wir mal Konzerte für vier Cembali machen, brauchen wir entsprechende Instrumente.

Wenn Not am Instrument ist, die sind ja empfindlich, können Sie ein Cembalo eigenhändig spielbereit reparieren?

Ein Cembalo ja. Ich habe die meine lange selber bekielt und selber gestimmt. Allmählich werde ich fauler. Bei einer Orgel kann ich kleine Dinge tun, aber ich bin nicht richtig technisch. Zuhause stimme und bekiele ich immer noch selber, aber nicht für eine Aufnahme.

Dirigieren ist auch eine Technik. Die haben Sie sich beigebracht. Wie lief dieser Lernprozess ab? Kam schnell Selbstsicherheit?

Begonnen habe ich vom Cembalo aus, da war wenig zu tun. Nur den Auftakt geben. Und ein guter Auftakt ist schon wichtig. Wenn ein Stück groß besetzt war, musste einer dafür stehen. Kein anderer wollte das, dann habe ich es eben gemacht. Am Anfang wollte ich überhaupt nicht Dirigent sein. Ich wollte spielen, Continuo spielen.

Um mal nicht über Bach zu reden: Sie haben bei Ihrem Repertoire eher mit kleineren Orchestern zu tun, es geht um Transparenz, Details, einzelne Stimmen…. Haben Sie niemals Sehnsucht nach einem richtig groß besetzten Orchester, dick besetzt, und wenn Sie den Einsatz geben, donnern alle zusammen eine Riesen-Klangwelle los?

Ich habe ziemlich oft Beethovens Neunte dirigiert, in Wien hatte ich einen Chor von 160 und ein Orchester mit 120 Menschen. Meine Arbeit ist dann, es auch leise zu bekommen. Dynamik ist relativ. Wenn ein kleines Orchester leise spielt, ist es natürlich leise; wenn ein kleines Orchester laut spielt…

… ist es immer noch nicht laut…

… aber schon ein Unterschied. Und bei großen Orchestern gibt es schon die Gefahr, dass es immer nur laut ist.

Mit Barock-Oper haben Sie es nicht so?

Barock-Oper war in Holland kein großes Thema. Aber ein Monteverdi-“Orfeo“, das würde mich freuen. Mozart habe ich öfter gemacht und das auch richtig genossen. Und es stört mich, dass Barock-Oper mit einer modernen Inszenierung sein muss.

Karajan hat irgendwann gesagt: Das bisschen Regie, das mache ich auch noch. Das hat Sie nie gereizt?

Nein. Man muss wissen, worin man gut ist und worin nicht.

Vor mehr als einem Jahrzehnt sorgten Sie für Schlagzeilen: Bei den Göttinger Händel-Festspielen wollte ein Kirchenmusiker in Duderstadt Sie nicht als Organist, weil Sie angeblich die Instrumente so hart bearbeiten würden, dass man um die Unversehrtheit fürchten müsste. Was war da los?

Es war böser Wille. Ich war zufälligerweise der Pechvogel. Ich habe dann eine andere Orgel gespielt. Wenn ich spiele, sieht das schon aktiv aus, auch aktiver als bei anderen. Aber ich mache kein Karate.

Sie haben also noch nie eine Orgel kaputt gespielt?

Nein! Und wenn mal ein Kiel im Cembalo bricht, ist es 20 Sekunden Arbeit, das zu reparieren.

Eine grundsätzliche Frage: Viele sind auch deswegen von Barockmusik so fasziniert, weil sie so schön historisch ist. Wie würden Sie mir erklären, warum ich Barock und Bach mögen sollte?

Der Rhythmus ist attraktiv. Rock und Barock haben miteinander zu tun. Es gibt Gefühle im Barock, das eine menschliche Dimension haben: Man ist verliebt, man ist traurig, das ist so direkt. Damals hat in Opernaufführungen plötzlich das ganze Publikum geweint. Man bemerkt, wenn Bach über den Tod redet: Das ist traurig. Es ist schade, dass Bach nie Opern komponiert hat, nur weltliche Kantaten, denn ich glaube, er hätte auf dem Niveau von Händel geschrieben.

Sie haben schon so viel gespielt, so viele große Projekte. Was treibt Sie noch an, was fehlt nach wie vor?

Ich liebe meine Musikmacherei, Cembalo, Orgel, Dirigieren, Unterrichten… Ein Ziel: Ich möchte alle Haydn-Sinfonien im Konzert machen, mehr als die Hälfte, knapp 60, habe ich bereits.

Es gibt über 100, schon wieder dreistellig also…

Die sind große Klasse, und es gibt so viel Vollendetes. Diese Musik liebe ich sehr.

Und das ist kein Verrat an Bach?

Es ist bei mir ja immer Bach plus gewesen: Bach plus Buxtehude, Bach plus Frescobaldi…

Wie reagieren Sie, wenn man Ihnen eine Crossover-Bearbeitung von Bach vorspielt, mit Latin-Rhythmen oder auf vier E-Mandolinen?

Die großen Komponisten brauchen kein Crossover, die sind so toll,die können sich selbst verteidigen.

Bach ist und bleibt A und O, Maß aller Dinge, Gottesbeweis?

Ja.

Das komplette Gespräch mit Ton Koopman hören Sie auf www.abendblatt.de/podcast. Nächster Gast im Abendblatt-Podcast „Erstklassisch mit Mischke“ ist der Bariton Bo Skovhus, bisherige Gäste waren der Geiger Christian Tetzlaff und der Oboist Albrecht Mayer.