Entscheider treffen Haider

Güldane Altekrüger: "Aus Versehen Bestsellerautorin"

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Die Kochbuch-Autorin Güldane Altekrüger.

Die Kochbuch-Autorin Güldane Altekrüger.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Die Hamburgerin erzählt im Abendblatt-Podcast, dass sie eigentlich nur abnehmen wollte – und auf die Geschäftsidee ihres Lebens stieß.

Hamburg. Kann man mit Brot und Kuchen abnehmen? Ja, und nicht nur das: Man kann damit auch eine unglaubliche Karriere machen. Die Hamburgerin Güldane Altekrüger hat zwei Bücher über das Thema geschrieben und ist damit, ohne Verlag, zu einer Bestseller-Autorin geworden, deren Leben jetzt sogar verfilmt werden könnte.

Wie man es ohne jede Vorerfahrung schafft, 250.000 Bücher zu verkaufen, auf Platz eins der Amazon-Bestsellerliste zu laden und warum man dabei sogar total chaotisch sein kann, erzählt Altekrüger in der neuen Folge von „Entscheider treffen Haider“. Das sagt Güldane Altekrüger über …

… ihr Übergewicht, ohne dass sie niemals Bestseller-Autorin geworden wäre:

„Ich habe mit 40 zwei Kinder hinter­einander bekommen, und habe ordentlich zugelegt. Die Kilos wieder los zu werden, war eine Katastrophe, dabei habe ich alles versucht. Alles war damit verbunden, dass ich verzichten musste, vor allem auf Brot und Kuchen. Das ging nicht. Ich habe die Weight-Watchers-App runtergeladen, was eine wirklich sehr gute Einführung in das gesunde Essen war. Und dann habe ich geguckt, wie ich Brot und Kuchen so backen kann, dass ich damit abnehme.

Die Rezepte habe ich in der Weight-Watchers-Community gepostet, und bekam dafür so viel Zuspruch, dass ich einen Account auf Instagram unter dem Namen Wölkchenbäckerei eröffnet habe. Ich hatte in kurzer zigtausende Follower, die mir vorgeschlagen haben, aus meinen Rezepten ein Buch zu machen. Da ich gerade in Elternzeit war und sowieso einen neuen Job suchte, passte das gut. Ich habe meine bisherige Arbeitsstelle bei der Staatsoper gekündigt.“

… die Entstehung ihres ersten Buches:

„Ich habe keinen Verlag angesprochen, denn ich dachte: Wer will dich schon nehmen, eine übergewichtige Hausfrau, die nichts mit backen zu tun hat, und noch nie ein Buch gemacht hat? Ich bin in eine Buchhandlung gegangen, habe mir die vielen Backbücher angesehen und festgestellt, dass es so etwas, was ich machen wollte, noch nicht gab. Und ich habe viele Buchhändler gefragt, was ich unternehmen muss, damit ein Kunde mein Buch bei ihnen bestellt. Und schließlich habe ich das Buch in zwei Monaten hergestellt, ganz allein: Ich habe die Rezepte zusammengestellt, Fotos gemacht und mir aus dem Internet ein Gestaltungsprogramm heruntergeladen. Nach zwei Monaten und vielen durchgearbeiteten Nächten war ich fertig.“

…Platz eins bei Amazon:

„Mein Mann und ich haben aus der Haushaltskasse 5000 Euro abgezweigt, davon haben wir die ersten 1000 Exemplare von „Abnehmen mit Brot und Kuchen“ bezahlt. Die wurden am 9. November 2018 nach Hause geliefert, und wir dachten, dass die Bücher jetzt drei Jahre bis uns im Keller stehen würden. Das war am Freitagabend. Am Sonntag habe ich dann bei Amazon ein Verkäuferkonto eröffnet, außerdem hatte ich auch eine eigene Homepage entwickelt. Dort konnte man das Buch bestellen, ich war glücklich und habe mich früh ins Bett gelegt, weil ich endlich mal wieder lange schlafen wollte.

Am nächsten Tag habe ich dann gegen Mittag mal geguckt, ob sich bei Amazon was getan hat. Und was sehe ich: Mein Buch ist ein Bestseller. Von allen Büchern, die man bei Amazon bestellen kann, war ich am ersten Tag auf Platz 26, sogar Michelle Obama stand hinter mir. Das konnte ich nicht fassen. Ich hatte vorher errechnet, dass ich 256 Bücher verkaufen muss, um die Kosten wieder reinzukriegen. Am Abend hatten wir dann 400 Bücher verkauft, ich war total happy – und dann fragte mein Mann: Sag mal, wie wollen wir die verschicken? Darüber hatten wir uns keine Gedanken gemacht, und jetzt war es zu spät: Wir haben die Bücher fast vier Monate lang selbst verpackt, erst dann haben wir jemanden gefunden, der das für uns übernommen hat.“

… die erste Auflage:

„Die ersten 1000 Exemplare waren nach zweieinhalb Tagen weg. Ich habe dann 5000 Stück nachbestellt, weil ich dachte, dass würde wenigstens bis Jahresende reichen. Und dann rief plötzlich die „Bild“-Zeitung an, die offensichtlich mit der Amazon-Bestsellerliste zusammenarbeitet, und meine Geschichte erschien auf einer Dreiviertelseite in der Bundesausgabe.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die dritte Auflage bestellt, 10.000 Exemplare. Aber kaum war der Text erschienen, gingen die Bestellungen im Internet nach oben wie noch nie – und zum ersten Mal war ich bei Amazon auf Platz eins, insgesamt elf Wochen lang. Mein Mann und ich haben pro Nacht 400 Bücher verpackt, und waren wirklich am Limit. Wir haben in dieser Zeit nur vier Stunden geschlafen.“

… einen Zusammenbruch auf dem Höhepunkt:

„Am Tag nach dem Bericht in der „Bild“-Zeitung gingen 3000 Bestellungen bei Amazon ein. Und ich konnte nicht mehr. Ich bin blass geworden, habe angefangen zu zittern. Es war dieser riesige Berg, und ich wusste nicht, wie ich das alles liefern beziehungsweise packen soll. Ich fuhr sicherheitshalber ins Krankenhaus, wurde durchgecheckt und bekam den dringenden Rat, endlich mal zu schlafen. Das habe ich getan, und am nächsten Tag rief der erste Verlag an, der mir anbot, mein Buch zu übernehmen und sich um alles zu kümmern. Ich müsste nur ganz schnell einen Vertrag unterschreiben. Ich war so dankbar in dem Moment, weil ich so fertig war.

Aber mein Mann Markus hat damals gesagt: Das machen wir nicht. Wir haben es allein bis hierher geschafft und jetzt gründen wir einen eigenen Verlag. Das hat mir richtig einen Energieschub gegeben, am Ende hat auch Markus seinen Job gekündigt. Der ist jetzt bei mir angestellt, und wir arbeiten weiter von zu Hause aus. Beide Bücher sind in meiner acht Quadratmeter großen Küche entstanden.“

… Angebote von Verlagen:

„Ich glaube, es gibt keinen Verlag, der sich nicht bei mir gemeldet hat. Ich habe allen gesagt, dass wir uns treffen können, aber dass ich bei meiner Entscheidung bleibe, meine Bücher selbst heraus zu bringen. Ich möchte frei sein, dafür habe ich immer gekämpft. Und ich werde jetzt selbst andere Bücher verlegen, als erstes einen Bildband.“

… die Zahl der verkauften Bücher:

„Von dem ersten Buch haben wir 180.000 Bücher verkauft, für mich sind diese Zahlen unwirklich. Das zweite Buch ist am 14. Oktober erschienen, und war gleich wieder auf Platz eins bei Amazon. Im ersten Monat haben wir 70.000 Stück verkauft.“

… die Frage, ob sie nicht ein Buch über ihre Geschichte schreiben sollte, Titel: „Mit Abnehmen zur Millionärin“ oder „Aus Versehen Bestsellerautorin“:

„Darüber denke ich tatsächlich nach, weil mir so viele sagen, dass sie meine Geschichte hören wollen. Ach, ich gebe es zu: Ich sitze bereits dran. Es gibt sogar die Anfrage einer Drehbuchautorin, die einen Kinofilm über mich machen will. Wie gesagt: Es ist verrückt.

 

Güldane Altekrügers Fragebogen:

Was wollten Sie als  Kind werden und warum?

Mathematiklehrerin. Mir machte Rechnen Spaß und ich konnte damit immer auftrumpfen.

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

„Aufstehen, weitermachen!“ Sie haben das Jammern nicht geduldet. Sie kommen aus sehr ärmlichen Verhältnissen und waren sehr froh, dass wir Kinder es im Vergleich gut hatten. Sie hatten ihre Möglichkeit auszubrechen genutzt und machten uns Kindern immer wieder klar, welche Möglichkeiten uns dieses Land bietet. Dafür bin ich ihnen unheimlich dankbar.

Wer war beziehungsweise ist Ihr Vorbild?

Mein Vater, meine Mutter, die erste Generation der Gastarbeiter. Ich bewundere sie für ihren Mut, ihren Ehrgeiz.

Was haben Ihre  Lehrer/Professoren über Sie gesagt?

 „Güldane, mit ein wenig Arbeit könntest Du noch bessere Noten bekommen.“ Hausaufgaben waren nix für mich.

Wann und warum haben Sie sich  für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?

Das hat sich ergeben, besser gesagt mich überrollt. Als ich mein Buch „Abnehmen mit Brot und Kuchen“ geschrieben habe, dachte ich weder an Profit noch an einen Berufswechsel. Das war ein Herzblutprojekt für mich, für mein Ego und Bücherregal. Dass das Buch zum Bestseller wurde, damit konnte ich wirklich nicht rechnen. Die Nachfrage ließ nicht nach und es kamen immer mehr Anfragen von Verlagen. An dem Punkt kam dann die Entscheidung: Wir machen es selbst und gründen unseren eigenen Verlag!

Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?

An erster Stelle mein Mann, der mich schon zum Schreiben des Buches motivierte und mir den Rücken stärkte. An zweiter Stelle meine Follower (Insta­gram, Facebook), die mich überhaupt auf die Idee brachten ein Buch zu verfassen. Ohne die Unterstützung meines Mannes hätte ich den Verlag und die Wölkchenbäckerei nicht so weit bringen können. Er kündigte nach 20 Jahren seinen geliebten Job, um mich zu unterstützen. Er ist ein Ass im Operativen und ich scheue mich nicht vor Entscheidungen.

Auf wen hören Sie?

Ganz klar auf mein Bauchgefühl.

Was sind Eigenschaften, die Sie  an Ihren Chefs bewundert haben?

Der kühle Kopf, Verhandlungsgeschick und der Spagat zwischen dem wirtschaftlichen und sozialen Denken.

Was sollte man als Chef auf keinen Fall tun?

Sich in sich selbst verlieben.

Was sind die Prinzipien Ihres Führungsstils?

Klare Kommunikation der Aufgaben. Einbindung der Mitarbeiter in die Pläne und Strategien.

Wie wichtig war/ist Ihnen Geld?

Ich bin schon so oft mit wenig Geld ausgekommen. Ich habe immer einen kreativen Weg gefunden, das zu bekommen, was ich möchte. Ob selber hergestellt, auf dem Flohmarkt erworben oder noch mehr gearbeitet. Geld ist mir nicht wichtig.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Ich erwarte, dass Sie sich mit der Unternehmensphilosophie auseinandersetzen, Ideen reinbringen, aber auch meine Entscheidungen hinterfragen.

Worauf achten Sie bei Bewerbungen?

Auf die Körpersprache. Auf die Aufrichtigkeit.

Duzen oder siezen Sie?

Ich bin in St. Pauli groß geworden. Ich duze.

Was sind Ihre größten Stärken?

Zielstrebigkeit, Kommunikation, Kreativität.

Was sind Ihre größten Schwächen?

Meine Arbeitsweise und Strukturen, durch die kein anderer durchsteigt.

Welchen anderen Entscheider  würden Sie gern näher kennenlernen?

Helmut Schmidt.

Was würden Sie ihn fragen?

Ich würde ihm meine Hochachtung aussprechen und ihm sagen, dass ich ihn für sein Selbstbewusstsein und Bodenständigkeit bewundere. Ich wohne seit kurzem übrigens in der Straße, in der er gewohnt hat.

Was denken Sie über Betriebsräte?

Tolle Sache, wenn sich die Betriebsräte tatsächlich um die Belange der Arbeitnehmer kümmern würden. Leider sitzen da viele, um eine sichere, ruhige Kugel zu schieben.

Wann haben Sie zuletzt  einen Fehler gemacht?

Peinlich, aber da fällt mit gerade nix ein. Toi, Toi, Toi, es läuft zur Zeit alles ganz gut. Ich bereue keine Entscheidung, die ich getroffen habe.

Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?

Auf meinen Bauch zu hören und das Projekt allein ohne einen Verlag oder anderen Partner anzugehen. Keine Angst zu haben zu scheitern.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Etwa 60 Stunden.

Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?

Letzten Winter etwa 4 Stunden. Jetzt sind es schon 6 – 8 Stunden.

Wie gehen Sie mit Stress um?

Ich habe zwei kleine Kinder. Habe wenig Zeit, mir Gedanken um den Stress zu machen. Die Kinder machen vieles wieder wett.

Wie kommunizieren Sie?

Sehr oft persönlich, aber im Team auch mit Teamchat und –video. Mit den Partnern per Mail und Telefon.

Wieviel Zeit verbringen Sie an ihrem Schreibtisch?

Ich arbeite zu Hause. Entweder backe ich in der Küche oder sitze auf dem Sessel mit meinen Laptop/Handy. Wir arbeiten tagsüber, wenn die Kinder in der Kita sind, und mein Mann und ich noch weiter am Abend, wenn die Kinder dann schlafen.

Wenn Sie anderen Menschen nur einen Rat für ihren beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?

Mache das, was dich glücklich macht. Ich bin der Meinung, dass Karriere ohne Leidenschaft am Beruf nur begrenzt möglich ist.

Was unterscheidet den Menschen von der Managerin Altekrüger?

Ich bin dann Mama.

Und zum Schluss: Was wollten Sie immer schon mal sagen?

Jetzt habe ich endlich die Gelegenheit: Ich liebe Bela B. Schon seit Jahrzehnten. Sorry, Markus!