Digitale Sprechstunde

Was die Medizin vom Geheimdienst gelernt hat

Professor Dr. Jürgen Pohl, Chefarzt für Gastroenterologie von der Asklepios Klinik Altona.

Professor Dr. Jürgen Pohl, Chefarzt für Gastroenterologie von der Asklepios Klinik Altona.

Foto: Axel Leonhard

Prof. Dr. Jürgen Pohl, jüngst zu einem der Top-Ärzte Deutschlands 2020 gewählt, im Podcast über innovative Verfahren bei Krebs.

Hamburg. Warum ihn der menschliche Dünndarm („unglaubliche Ästhetik“) an das berühmte Great Barrier Reef vor der Küste Australiens erinnert und was die Kapsel-Endoskopie mit dem Geheimdienst zu tun hat, das erklärt Professor Dr. Jürgen Pohl, jüngst vom Magazin „Focus Gesundheit“ zu einem der Top-Ärzte Deutschlands 2020 gewählt, in einer neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

In der aktuellen Episode geht es um Fortschritte bei endoskopischen Therapien. „Da hat sich unglaublich viel getan. Allein der Dünndarm, der noch bis vor zehn Jahren als extrem schwierig zu spiegeln galt, ist heute mit einem sogenannten Spiralendoskop hervorragend zu betrachten und zu therapieren“, sagt der Chefarzt für Gastroenterologie von der Asklepios Klinik Altona.

Wie das Spiralenendoskop bei Darmerkrankungen helfen kann

Das Krankenhaus sei bundesweit eines der ersten gewesen und gehöre bis heute zu den wenigen Kliniken in Deutschland, die diese Therapie anböten. „Das Endoskop, ein Stab, der mit Kamera und Lichtquelle ausgestattet ist, und dem man noch medizinische Instrumente vorschalten kann, schraubt sich dabei motorisiert durch unseren fünf Meter langen Dünndarm. Dabei werden Aufnahmen gemacht, Proben genommen und es kann auch gleich behandelt werden“, erklärt der habilitierte Mediziner.

Etwa eine Stunde dauere das Prozedere, der Patient verschlafe den Eingriff komplett und nehme die Narkose in der Regel als sehr angenehm wahr. „Häufig erlebe ich, dass Patienten nach der Prozedur aufwachen und mich fragen: Wann geht es denn jetzt mal los, Herr Professor?“

Zwei bis drei Mal pro Woche führen sein Team und er eine solche Spiralendoskopie durch, die Patienten kommen aus der ganzen Republik. Doch für wen kommt dieses Verfahren infrage? „In der Regel muss man im Dünndarm zum Glück selten nach Krankheiten suchen. Aber es gibt Patienten, bei denen es immer wieder zu Blutungen im Verdauungstrakt kommt“, sagt der gebürtige Rheinländer, der nach dem Zivildienst in einem Krankenhaus („da wurde ich angesteckt mit der Begeisterung für Medizin“) in seiner Heimatstadt Düsseldorf studiert hat, später in Heidelberg und Berlin in leitender Funktion tätig war.

Wie James Bond: Patient schluckt Kapsel mit Kamera

Diese Blutungen hätten ihre Quelle meistens in der Speiseröhre oder im Dickdarm, der ja auch bei Vorsorgeuntersuchungen gespiegelt werde. „Wenn man aber dort nicht fündig wird, muss man sich natürlich den Dünndarm anschauen.“

Neben der innovativen Spiralendoskopie gebe es auch andere effektive Methoden, zum Beispiel die Kapsel-Endoskopie: „Dabei schluckt der Patient eine Kapsel, also eine 15 Millimeter kleine Pille, in die eine Kamera integriert ist. Vier Fotos pro Sekunde übermittelt diese Kapsel dann auf einen Bildschirm, auf dem der Patient diese Aufnahmen sofort selbst sieht.“ Klingt nach James Bond – und das ist nicht ganz falsch: „Diese in Israel entwickelte Technik hat man vom Geheimdienst in die Medizin übernommen“, sagt der Gastroenterologe.

Auch das sogenannten Ballonverfahren, das auch in Altona drei bis vier Mal in der Woche durchgeführt wird, kommt noch zum Einsatz: „Dabei wird eine Extraröhre über das Endoskop gezogen, vorne sind Ballone dran. Und dann stülpt man den Dünndarm darüber wie eine Socke.“ Zum Gucken seien Kapsel und Ballon gut, therapieren könne man aber nur mit dem Spiralendoskop.

Arzt kann Tumor über das Endoskop komplett entfernen

Für die größte Errungenschaft in seinem Fachbereich hält Professor Pohl jedoch die endoskopische Tumortherapie. „Bei Krebs im Frühstadium lässt sich der Tumor über das Endoskop, das wie ein verlängerter Arm des Untersuchenden fungiert, komplett entfernen – ohne Schnitt von außen!“ Der Tumor werde also von innen herausgeschält. „Außerdem bleibt das jeweilige Organ erhalten“, sagt der Chefarzt, der seit seiner Kindheit Fan der Fortuna Düsseldorf ist, aber sich auch gern im Stadion (also vor Corona) Spiele von HSV und FC St. Pauli anschaut.

Weit über Hamburg hinaus sei die Asklepios Klinik Altona für diese Therapie renommiert. Viele Patienten fragten an, ob ihre Erkrankung in Speiseröhre, Magen oder Dickdarm endoskopisch heilbar sei. „Voraussetzung ist, dass der Krebs die Organwand noch nicht voll durchdrungen und noch nicht gestreut hat.“

Wann bei Darmkrebs doch eine Operation notwendig ist

Sollten sich doch schon Metastasen gebildet haben, müsse eine klassische OP mit den Chirurgen geprüft werden, mit denen man in der „Gastroclinic“ zusammenarbeite, sagt Professor Pohl, der jedes Jahr einer von drei wissenschaftlichen Leitern und Gastgeber des größten internationalen Endoskopie-Kongress (EndoClubNord) ist, der immer in Hamburg stattfindet.

Gerade ist das Ereignis zu Ende gegangen. „In diesem Jahr war alles digital, aber dennoch erfolgreich. Ist schon toll, wenn man einen Eingriff live streamt und Tausende Kollegen in aller Welt schauen zu“, sagt der Mediziner, der sich bis heute für die Endoskopie begeistert: „Es ist ein bisschen so, als halte man einen Joystick in der Hand. Das macht Freude – und vor allem hilft es den Patienten.“