Digitale Sprechstunde

Chefärztin: „Manche Senioren nehmen 20 Pillen am Tag“

Dr. Ann-Kathrin Meyer ist Chefärztin für Geriatrie am Asklepios Westklinikum in Rissen.

Dr. Ann-Kathrin Meyer ist Chefärztin für Geriatrie am Asklepios Westklinikum in Rissen.

Foto: Andreas Laible

Dr. Ann-Kathrin Meyer spricht über Medikamente im Alter. Und: Coronabedingte Besuchs-Beschränkungen setzen vielen Patienten zu.

Hamburg. Auf Besuch verzichten zu müssen, die Kinder und Enkel nicht sehen zu dürfen – die coronabedingten Beschränkungen „machen viel mit unseren Patienten, der fehlende Kontakt setzt vielen zu“, sagt Dr. Ann-Kathrin Meyer, Chefärztin für Geriatrie und Palliativmedizin am Asklepios Westklinikum Rissen. „Wir beobachten, dass Patienten manche Erkrankung schneller bekommen. Und wir erleben leider auch verzweifelte Senioren, die sagen: So will ich nicht mehr!“, berichtet die Altersmedizinerin in einer neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

Gemeinsam mit den Patienten und den Kollegen hoffe sie, dass die derzeit geltenden Besuchsbeschränkungen möglichst bald wieder aufgehoben werden können. „Aber man muss realistisch sein. Angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens werden wir diese Regeln noch eine Zeit lang aufrechterhalten müssen – auch wenn es uns sehr schwerfällt.“

Ältere leiden oft an mehreren Erkrankungen gleichzeitig

Die Chefärztin behandelt mit ihrem Team Patienten, die in der Regel älter als 65 Jahre sind und an mehreren Erkrankungen gleichzeitig leiden. „Meist ist eines der medizinischen Probleme gerade so akut, dass ein Klinikaufenthalt erforderlich ist“, sagt die Fachärztin für Innere Medizin. Beispiel: Eine ältere Dame stürzt, zieht sich dabei einen Knochenbruch zu. „Deshalb wird sie in die Klinik eingeliefert, wir kümmern uns natürlich um den Bruch. Aber Osteoporose, Diabetes und chronische Bronchitis sind ja auch noch da.“ Manchmal verstärkten die Erkrankungen einander, beeinflussten die Dauer des Genesungsprozesses.

„Häufig haben wir natürlich auch mit Demenz zu tun. Nicht immer in voller Ausprägung, aber es kommt doch oft vor, dass die Hirnleistung im Alter eingeschränkt ist“, sagt die 58-jährige Medizinerin, die seit mehr als 20 Jahren im Bereich der Geriatrie tätig ist.

Da jede der Erkrankungen selbstverständlich vom jeweiligen Facharzt „leitliniengerecht“ behandelt werde, sammelten sich mitunter extrem viele Medikamente an. „Da kommen Patienten zu uns, die jeden Tag bis zu 20 Pillen nehmen müssen“, sagt die Expertin. Das sei jetzt ein extremer Fall, „aber sechs bis zehn Tabletten sind in dem Alter schon der Durchschnitt“.

Viele Patienten nehmen sechs bis zehn Tabletten am Tag

Zu viele, sagt die Chefärztin. „Das ist für einen älteren Menschen mit Einschränkungen gar nicht zu handhaben.“ Man kenne das ja von sich selbst: Der Arzt verschreibt ein Antibiotikum und wenn es nach dem dritten Tag besser gehe, vergesse man schon mal die Mittagsdosis. „Wie soll da ein älterer Patient durchblicken, der eine Tablette morgens nüchtern, die nächste halbiert mit Saft, die dritte nach dem Essen und so weiter einnehmen soll.“

Eine zentrale Aufgabe des geriatrischen Teams sei es daher oft, die Zahl der Medikamente zu reduzieren. „Jede einzelne Tablette hat ihre volle Berechtigung. Nur muss man bedenken, dass auch gefährliche Neben- und Wechselwirkungen auftreten können – das reicht von Blutdruckreaktionen über heftige allergische Reaktionen bis zu einem Zustand der Verwirrtheit, dem Delir.“ Wichtig sei herauszufiltern, welches Medikament führend notwendig sei, welches womöglich in den Hintergrund rücken könne.

Das Credo laute: Weniger ist mehr. „Dieses Aussortieren klingt einfach, ist aber in der Praxis sehr komplex. Und es ist daher leider auch nicht so, dass wir die Patienten entlassen und sie nehmen dann nur noch eine Tablette am Tag.“ Die meisten Patienten seien jedoch sehr dankbar, dass jemand ein bisschen Ordnung in den täglichen Medikamenten-Dschungel bringe. „Ich habe Patienten erlebt, die morgens verzweifelt sagten: Wenn ich diese Pillendose hier schon sehe, bin ich satt.“

Diabetes erfordere ein „hohes Maß an Selbstmanagement“

Auch die Handhabung mancher Medikation überfordere die älteren Patienten. „Das sehen wir oft bei Diabetes, denn die Zuckerkrankheit erfordert ein hohes Maß an Selbstmanagement. Das ist für jüngere Patienten schon schwierig. Hinzu kommt, dass eine Unterzuckerung hochgefährlich sein kann. Da wird einem nicht nur ein bisschen komisch, da steigt das Risiko für Stürze, Herzinfarkte und Schlaganfälle rasant.“ Zum Glück gebe es spezielle Pflegefachkräfte, die den Patienten dann auch nach der Entlassung zuhause unterstützten.

Überhaupt sei es das Hauptanliegen in der Altersmedizin, den Patienten wieder in ein selbstbestimmtes Leben zu entlassen. „Ein schmerzfreier, selbstständig gelebter Alltag – das ist das Ziel“, sagt die Medizinerin, die sich früher immer mit einer eigenen Praxis niederlassen wollte, dann aber spürte, dass ihr die Teamarbeit im Krankenhaus fehlen würde.

Spannend an dem recht jungen Fachbereich der Altersmedizin sei die „enorme Bandbreite“ der Erkrankungen und der Patienten. „Denn jeder kommt mit einer ganz anderen Zielsetzung: Der eine wünscht sich, endlich wieder ohne Rollator laufen zu können. Für den Anderen ist es schon ein Erfolg, wenn er wieder aufrecht sitzen kann.“