Digitale Sprechstunde

Drei kleine Eingriffe bei Fehlbildung im Gesicht

Lesedauer: 6 Minuten
Vanessa Seifert
Privatdozent Dr. Dr. Henning Hanken ist Chefarzt für Mund-, Kiefer,- und Gesichtschirurgie an der Asklepios Klinik Nord

Privatdozent Dr. Dr. Henning Hanken ist Chefarzt für Mund-, Kiefer,- und Gesichtschirurgie an der Asklepios Klinik Nord

Foto: Axel Leonhard / FUNKE Foto Services

Lippen-Kiefer-Gaumenspalten sind heute sehr gut behandelbar. „Man sieht es den Kindern nicht mehr an“, sagt Chefarzt Henning Hanken.

Hamburg. Sie ist eine der häufigsten angeborenen Fehlbildungen: die sogenannte Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. In Europa kommt unter 500 Neugeborenen im Schnitt ein Baby mit dieser Veränderung auf die Welt, die das äußere Erscheinungsbild, aber auch Atmung, Sprach- und Hörvermögen stark beeinträchtigen kann. Die Sorgen der Eltern sind groß: Ist mein Kind entstellt? Kann es trinken und schlucken? Wird es richtig sprechen lernen?

„Unser Herzensanliegen ist es, den betroffenen Familien genau diese Ängste zu nehmen“, sagt Privatdozent Dr. Dr. Henning Hanken, der seit Januar die Abteilung für Mund-, Kiefer-, und Gesichtschirurgie an der Asklepios Klinik Nord/Heidberg leitet. „Es handelt sich nicht um eine Erkrankung, sondern um eine Veränderung, die sehr gut behandelbar ist“, sagt der Chefarzt in der aktuellen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Gesundheitspodcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios. „Die Kinder werden ein ganz normales, tolles Leben führen und schon nach einem ersten Eingriff wird äußerlich, außer einer kleinen Narbe, nichts mehr auf die angeborene Spalte hindeuten.“

Fehlbildung wird oft im Ultraschall entdeckt

Oft werde die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte rund um den sechsten Schwangerschaftsmonat durch den Gynäkologen bei einer Ultraschallvorsorge entdeckt. „Dann ist es wichtig, dass die Eltern am besten gleich zu uns in die Erstberatung kommen“, sagt der habilitierte Experte mit dem doppelten Doktortitel, der eben Humanmedizin und Zahnmedizin in Lübeck und Hamburg studiert hat. „Denn natürlich sind viele Eltern mit der Nachricht erst einmal überfordert, das würde mir selbst auch so gehen“, sagt der Vater von vier Kindern (zwei, vier, sechs und acht Jahre alt).

Die Spalte entstehe in den ersten drei Monaten im Mutterleib, die siebte und die zwölfte Woche, das wisse man ziemlich sicher, seien diesbezüglich entscheidend. Doch was ist die Ursache dafür, dass die Lippe nicht richtig zusammenwächst, dass der Weichgaumen gespalten ist? „Gene spielen eine Rolle, aber es lässt sich kein Erbgang ableiten“, sagt der 40-Jährige. Selbst wenn beide Elternteile eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte gehabt hätten, liege das Risiko für das Kind nur bei etwa 36 Prozent. „Einen Automatismus bei der Vererbung gibt es auf keinen Fall.“

Eingriff bei Neugeborenen noch nicht möglich

Rauchen in der Schwangerschaft und auch der Konsum von Alkohol in dieser Zeit könnten jedoch das Auftreten dieser Fehlbildung begünstigen, ebenso wie schädliche Umwelteinflüsse. „Grundsätzlich ist die Ursache wohl, wie es in der Medizin oft so schön heißt, also multifaktoriell“, so der gebürtige Bremer. Eine einseitige Spalte sei verbreiteter als eine beidseitige, die linke Seite sei häufiger betroffen als die rechte und bei Jungen trete diese Veränderung häufiger auf als bei Mädchen. „Warum das so ist, hat man bisher noch nicht herausgefunden.“ Es beruhige viele Eltern, dass die Spalte dem betroffenen Kind nicht wehtue. „Das ist keine Wunde. Das Kind hat keine Schmerzen.“ Allerdings könne das Stillen schwierig sein. „Oft wird deshalb für die ersten drei Lebensmonate durch einen Abdruck, wie man ihn vom Zahnarzt kennt, für das Baby eine sogenannte Trinkplatte angefertigt, die gemeinsam mit einem speziellen Sauger das Trinken erleichtert.“

Denn ein Eingriff sei wegen des Narkoserisikos bei Neugeborenen noch nicht möglich. „Da gilt die Faustregel: mindestens fünf Kilogramm Gewicht und drei Monate alt – dann können wir operieren.“ In diesem ersten Schritt werde dann in einem etwa einstündigen Eingriff die Lippe verschlossen und die Nase rekonstruiert. „Erfahrene Anästhesisten sind unbedingt notwendig, aber ich muss sagen, dass ich in den vergangenen 20 Jahren keine Komplikation erlebt habe. Das ist mittlerweile ein standardisierter Routineeingriff.“

Manche lassen die Nase noch als 18-Jährige korrigieren

Zwischen dem neunten und zwölften Lebensmonat werde eine zweite Operation durchgeführt, in der es um den Gaumen gehe. „Das ist in dieser Zeit wichtig, weil bald die Sprachentwicklung einsetzt“, sagt der Mediziner, der sich mit Tennis und Radfahren fit hält. In einem dritten und letzten Schritt werde dann vor Vollendung des zweiten Lebensjahres, wenn die Milchzähne durchgebrochen seien, der Hartgaumen verschlossen. „Dann ist die Behandlung abgeschlossen, aber natürlich sehen wir die Kinder noch zu einer jährlichen Kontrolle.“ Äußerlich sei dem Kind schon nach dem ersten Eingriff nichts mehr anzusehen, auch das Sprechen entwickele sich in der Regel gut. „Aber natürlich gibt es auch immer mal wieder Kinder, die noch logopädische Unterstützung brauchen.“

Wie oft kommt es vor, dass noch einmal nachoperiert wird? „Selten“, sagt der Chefarzt. „Möglich ist, dass sich der ein oder andere Patient mit 17 oder 18 Jahren noch mal eine Nasenkorrektur wünscht, weil die Luft durch ein Loch nicht optimal fließt. Vielleicht sagt auch der ein oder andere, die Narbe aus der frühen Kindheit sei noch verbesserungswürdig, aber auch das ist keine große Sache.“

Digitale Sprechstunde

„Die digitale Sprechstunde“ “ ist die erfolgreiche Gesundheits-Gesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Seit mehr als einem Jahr erklärt jede Woche ein Experte im Gespräch mit Vanessa Seifert ein Krankheitsbild, informiert über Vorsorge und Therapie.

Die aktuelle Folge und alle bisherigen Episoden hören Sie kostenfrei auf www.abendblatt.de/digitale-sprechstunde/. In der nächsten Folge am kommenden Donnerstag geht es um Rheuma.