Digitale Sprechstunde

Chefarzt: "Senioren-Triathlon als Sturz-Prophylaxe"

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Digitale Sprechstunde:  Professor Dr. med. Lars Gerhard Großterlinden, Chefarzt an der Asklepios Klinik Altona, spricht im Podcast über Hüft- und Beckenbrüche.

Digitale Sprechstunde: Professor Dr. med. Lars Gerhard Großterlinden, Chefarzt an der Asklepios Klinik Altona, spricht im Podcast über Hüft- und Beckenbrüche.

Foto: Thorsten Ahlf

Prof. Lars Gerhard schlägt im Podcast Kombi aus Nordic Walking, Tretbootfahren und Schwimmen vor, um Frakturen im Alter vorzubeugen.

Hamburg.  Ein Sturz vom Dach, ein schwerer Motorradunfall - da kann das Becken brechen. Aber auch, wenn man sich aus Versehen mal neben den Stuhl setzt? „Absolut. Gerade bei Senioren kann schon ein vermeintlich banaler Sturz zu einer Fraktur führen“, sagt Professor Dr. Lars Gerhard Großterlinden.

Und manchmal brauche es noch nicht einmal einen Unfall. „Da bricht der ältere Mensch quasi unter der Last des eigenen Körpers zusammen, weil die Knochen, meist durch Osteoporose, geschwächt und brüchig sind“, erklärt der Chefarzt, der an der Asklepios Klinik Altona das Zentrum für Orthopädie, Unfall- und Wirbelsäulenchirurgie leitet, in einer neuen Episode der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

Manche laufen monatelang mit gebrochenem Becken herum

Die Folge: Da das Becken quasi unbemerkt brechen könne – also ohne das, was Mediziner als „Trauma“ beschreiben - plagten sich manche Patienten wochenlang mit starken Kreuzschmerzen herum. „Sie werden von Pontius zu Pilatus geschickt und landen manchmal erst nach Monaten des Leidens an der richtigen Adresse“, sagt der habilitierte Unfallchirurg, der in Berlin studiert und unter anderem in New York geforscht hat. Sein Rat: „Egal, ob der Bruch operiert werden muss oder nicht: Es ist wichtig, die Fraktur nicht zu bagatellisieren und eine Diagnose zu erzwingen.“

Mehr als 100 ältere Patienten mit Beckenbrüchen behandelt Professor Lars Gerhard Großterlinden mit seinem Team in Altona jedes Jahr. „Unabhängig von der konkreten Therapie muss unbedingt das Grundübel angegangen werden. Es gilt, die Knochen zu stärken – zum Beispiel durch Vitamin D.“ Überhaupt werde zu wenig Vorbeugung betrieben: „Wir wissen, dass wir im Alter hinfälliger werden, also leichter stürzen. Da würde es schon helfen, zuhause im Flur den Perserteppich beiseite zu rollen und eine Anti-Rutsch-Matte in die Dusche zu legen.“

Chefarzt sieht Krankenkassen in der Pflicht

Nach Ansicht des Mediziners, der 2016 vom UKE zu Asklepios gewechselt ist, seien diesbezüglich auch die Krankenkassen in der Pflicht. „Ich finde, die Kassen sollten in Sturzprophylaxe, in Physiotherapie und Trainingsprogramme investieren. Diese Form der Risikominimierung ist mittelfristig sicherlich günstiger als teure Operationen mit anschließender Reha, die ja auch einige Wochen dauert“, so der Vater von drei Söhnen.

Der gebürtige Münsterländer ist selbst sportbegeistert, hat daher auch schon an einen Hamburger „Triathlon für Senioren“ gedacht. „Das wäre doch eine tolle Veranstaltung für die Stadt, vielleicht mit Nordic Walking, Tretbootfahren und Schwimmen. Und natürlich auf Abstand, denn Getümmel führt zu Stürzen.“

Das Becken ist wie ein Hula-Hoop-Reifen

Doch muss ein gebrochenes Becken eigentlich immer operiert werden? „Nein“, sagt der Experte, „das hängt vom Bruch ab.“ Der Chefarzt zieht in Vorträgen und Vorlesungen gern den Vergleich mit einem Hula- Hoop-Reifen. „Unser Becken ist ja auch ein Ring. Und wie bei diesem beliebten Spielgerät gilt: Ist dieser Ring an nur einer Stelle kaputt, dann funktioniert er noch. Sind zwei Stellen gebrochen, dann muss man ihn wegtun.“ Ins Medizinische übersetzt: Man muss operieren.

Der Eingriff sei risikoarm, dauere in der Regel nur 20 bis 30 Minuten. „Was länger dauert, ist die Nachbehandlung. Wichtig ist, dass der Patient so schnell wie möglich wieder mobil gemacht wird“, so der Mediziner, der für „Ärzte ohne Grenzen“ im westafrikanischen Liberia im Einsatz war und sich in seinem Chefarzt-Vertrag alle zwei bis drei Jahre eine unbezahlte sechswöchige Auszeit hat zusichern lassen, um in Krisengebieten zu helfen. „Ich habe diesen Job ergriffen, weil ich etwas Sinnvolles tun will und weil es ein Beruf ist, denn ich immer und überall auf der Welt ausüben kann“, so der Fußballfan („immer schon FC Bayern München, aber meine Jungs fiebern mit dem HSV“).

Virtual Reality-Brillen im Operationssaal

Bis zu welchem Alter ist eine Operation sinnvoll? „Diese Altersgrenzen-Diskussion führe ich ungern, denn es gibt 90-Jährige, die fitter sind als 60-Jährige und 70-Jährige, die in schlechterer Verfassung sind als 100-Jährige.“ Insofern sollten wir „ein Stück dankbar“ sein, so der Mediziner, dass wir in Deutschland lebten und nicht beispielsweise in Großbritannien, wo es klar definierte Altersgrenzen gebe.

Auch in der Chirurgie zieht die Technik immer mehr ein, so arbeitet Professor Großterlinden auch mit Virtual Reality-Brillen wie man sie von Computerspielen kennt. „Sie helfen dabei, räumlich zu sehen und die anatomische Struktur noch besser zu verstehen“, so der Experte, der gern angelt und bald einen Motorbootführerschein machen möchte. Auch seine Patienten lasse er vorab gern durch diese Brille schauen. „Da erklärt ein Blick dann manchmal mehr als viele Worte.“