Digitale Sprechstunde

Warum Abnehmen auch ganz schlecht sein kann

Keine Folge mehr verpassen - jetzt kostenlos abonnieren auf:
Dr. Ulrich-Frank Pape ist Chefarzt für Innere Medizin und Gastroenterologie an der Asklepios Klinik St. Georg. Vor seinem Wechseln nach Hamburg war er an der Berliner Charité.

Dr. Ulrich-Frank Pape ist Chefarzt für Innere Medizin und Gastroenterologie an der Asklepios Klinik St. Georg. Vor seinem Wechseln nach Hamburg war er an der Berliner Charité.

Foto: Thorsten Ahlf / THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Ungewollter Gewichtsverlust kann auf Krebs oder Herzschwäche hinweisen. Chefarzt klärt über krankheitsbedingte Mangelernährung auf.

Hamburg.  Die Kilos purzeln, endlich. Und das ganz ohne Diät. Doch spätestens bei diesem Nachsatz sollte man aufhorchen, sagt Dr. Ulrich-Frank Pape. Kann Abnehmen denn etwas Schlechtes sein? „Absolut“, antwortet der Chefarzt für Innere Medizin und Gastroenterologie von der Asklepios Klinik St. Georg in einer neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

Stoffwechsel schaltet in „Raubmodus“ um

„Ungewollter Gewichtsverlust ist immer ein Warnsignal und kann ein Hinweis sein auf eine schwere Erkrankung wie Krebs, eine chronische Herzschwäche oder eine Lungenerkrankung“, so der Mediziner. Durch eine „konsumierende Erkrankung“, wie es in der Fachsprache heißt, würden dem Körper Reserven entzogen, die er vorher in mehr oder minder großem Umfang angelegt habe. „Man kann sagen: Unser Stoffwechsel schaltet auf Raubmodus um.“ So hole sich der Körper, wenn wegen plötzlicher Appetitlosigkeit weniger Nahrung aufgenommen werde, die fehlenden Bausteine aus den eigenen Vorräten, bediene sich zum Beispiel an Muskeleiweiß. „Das ist ein bisschen der Steinbruch für unseren Stoffwechsel“, erklärt der Chefarzt. Die Folge: Der Betroffene wird müder, antriebslos, die Leistungsfähigkeit nimmt stetig ab. „Schon ist man mittendrin in einer Abwärtsspirale.“

Diese krankheitsbedingte Mangelernährung, wie es offiziell heißt, zählt zu den am meisten unterschätzten Erkrankungen – hat aber ganz drastische Folgen. In der Geriatrie sind Studien zufolge zwei Drittel der älteren Menschen betroffen. Und jedes Jahr sterben allein in Deutschland 50.000 Krebspatienten – das entspricht einem Viertel – nicht primär an ihrer eigentlichen Erkrankung, sondern an den daraus resultierenden Folgen körperlicher Auszehrung. „Es ist in der Tat auf den ersten Blick etwas paradox: Da wird onkologisch in der Therapie alles getan, um den Krebs aufzuhalten, doch gleichsam gerät die Nahrungsaufnahme aus dem Fokus“, sagt der Experte. „Krankheitsbedingte Mangelernährung wird als typische Begleiterscheinung leider immer noch nicht häufig genug erkannt und konsequent behandelt.“

Ungewollte Gewichtsabnahme kann Alarmsignal sein

Doch woran liegt das? „Mangelernährung verbindet jeder zunächst mit Entwicklungsländern, aber nicht mit einem Land wie unserem, in dem es Krankenhäuser der Maximalversorgung gibt“, sagt der gebürtige Bamberger, der bis zum Jahr 2018 als Leitender Oberarzt an der Berliner Charité gearbeitet hat. „In unserem Gesundheitssystem geht es oft um Patienten mit Übergewicht. Jene, die plötzlich durch ihre Krankheit viel zu wenig Gewicht auf die Waage bringen, gehen dagegen leider immer noch etwas unter.“

Wenn beispielsweise jemand binnen drei Monaten ungewollt mehr als fünf Prozent seines ursprünglichen Gewichts verliere, dann müsse das ein deutliches Alarmsignal sein – auch für die Angehörigen. „Dann sollte man denjenigen dringend dazu ermuntern, mal den Hausarzt aufzusuchen.“ Denn die krankheitsbedingte Mangelernährung lasse sich in der Regel „einfach und strukturiert“ behandeln, so der verheiratete Vater von zwei Kindern.

Sei die Ursache erst einmal gefunden, stehe eine Ernährungsberatung an. „Der Kalorienbedarf wird errechnet und gegebenenfalls eben auch nach oben korrigiert“, sagt Dr. Ulrich-Frank Pape. Um Verbote gehe es dabei nicht, sagt der Internist und Gastroenterologe. Beispiel: Wenn die Frau eines Krebspatienten erzähle, ihr Mann habe plötzlich jeden Tag Matjes essen wollen, das sei doch nicht ausgewogen, würde er immer ganz pragmatisch antworten: „Hauptsache, er isst.“ Es sei ein bisschen wie in der Schwangerschaft, da zähle auch der Appetit.

Das Thema sei unterschätzt, Aufklärung wichtig

Dass der Patient ausreichend trinke (anderthalb bis zwei Liter pro Tag) und eben ausreichend Nahrung zu sich nehme, sei wichtig, um die Prognose entscheidend zu verbessern. „Es geht gar nicht in erster Linie darum, das Leben zu verlängern. Es geht darum, eine Verkürzung zu verhindern.“

Nun könne es auch vorkommen, dass bestimmte Nahrungsmittel zu kurz kämen, beziehungsweise bestimmte Stoffe nicht mehr gut vom Körper aufgenommen werden könnten. „Das gilt zum Beispiel für Vitamin B 12 nach einer Magenoperation. In einem solchen Fall muss der behandelnde Arzt dann mit einer monatlichen Spritze nachhelfen“, so der Chefarzt, der sein Auto ganz abgeschafft hat und viel mit dem Fahrrad unterwegs ist. Grundsätzlich gehe es aber darum, die Nahrungsaufnahme auf dem „natürlichsten Weg“, also über den Mund, zu fördern.

In seiner Zeit an der Charité habe er sich verstärkt mit dem Thema krankheitsbedingter Mangelernährung beschäftigt, erzählt der gebürtige Franke, der sich mit seiner Familie mittlerweile in Hamburg zuhause fühlt und gern auf der Alster rudert oder die Elbphilharmonie besucht. „Es ist ein leider unterschätztes Phänomen, das sich im Grunde aber gut behandeln lässt. Wichtig ist, es früh zu erkennen.“

„Die digitale Sprechstunde“ ist die erfolgreiche Gesundheits-Gesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Jede Woche erklärt ein Experte im Gespräch mit Vanessa Seifert ein bestimmtes Krankheitsbild und gibt Auskunft über Vorsorge und Möglichkeiten der Therapie. Diese Folge und alle bisherigen Episoden hören Sie auf www.abendblatt.de/digitale-sprechstunde/

Sie haben Fragen, Wünsche, Anregungen? Schreiben Sie uns eine Mail an sprechstunde@abendblatt.de