Dem Tod auf der Spur

Der geheimnisvolle Tod von zwei nackten Männern im Park

Foto: HA

Woran sie gestorben sind und was wir daraus lernen können, erklären Rechtsmediziner Klaus Püschel und Bettina Mittelacher im Podcast.

Hamburg. Die Szenerie wirkt wie ein Stillleben, vom Tod in einer besonders zynischen Laune geschaffen. Zwei Körper sind wie gekonnt drapiert und zu einer eigenwilligen, verstörenden Skulptur geformt. Nahe beieinander liegen sie, der eine gestreckt in Bauchlage, mit leicht angewinkeltem Knie, der andere Mann in Seitenlage und in gebeugter Haltung. Und beide sind sie vollkommend nackt.

Das Sterben birgt viele Geheimnisse, und hier hat der Tod sich als besonders fantasievoller Regisseur hervorgetan. Was ist geschehen in den letzten Momenten des Lebens dieser beiden Männer, dass sie so kläglich endeten? So schutzlos und hüllenlos in einem kleinen Park?

Ein Geistlicher entdeckt die Toten im Park

Es ist das Jahr 1989, und die Stadt Essen hat sich aufgeputzt in dieser Zeit vor Weihnachten. Das Stadtzentrum ist festlich geschmückt. Weihnachtsmärkte sind aufgebaut; die Stadt wirkt friedlich und besinnlich. Bis ein Würdenträger vom Balkon des kirchlichen Refugiums aus etwas Irritierendes erblickt: In einer düsteren Ecke eines kleinen Parks gegenüber sieht er zwei aneinandergeschobene reglose Körper, von denen einer halb unter einer Bank liegt.

Der Würdenträger eilt zum Telefon und alarmiert die Rettungskräfte und die Polizei. Doch für die Männer kommt jede Hilfe zu spät. „Alles erscheint möglich angesichts der ungewöhnlichen Szenerie mit den beiden vollkommen entblößten toten Männern“, sagt Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher im Abendblatt-Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ mit Rechtsmediziner Klaus Püschel. „Es könnte ein Überfall sein oder ein Raubmord. Denkbar ist ebenfalls, angesichts der fehlenden Kleidung der Opfer, ein Sexualdelikt im homosexuellen Milieu.

Es gibt diverse Blutspuren, Alkoholflaschen liegen herum

Ein Unfall oder ein gemeinsamer Suizid erscheint den Ermittlern jedenfalls nicht naheliegend. Oder wer würde sich freiwillig bei Minusgraden seine Klamotten vom Leib reißen?“ Als Rechtsmediziner Püschel, der zu dieser Zeit Institutsdirektor in Essen gewesen ist, zum Tatort gerufen wird, registriert er an beiden Leichnamen Erdanhaftungen.

Es gibt diverse Blutspuren, und die Kleidung der Männer liegt verstreut herum. In der Nähe liegen mehrere Alkoholflaschen. Außerdem weisen beide Körper Folgen von Gewalteinwirkungen auf, unter anderem am Kopf.

Die Leichenstarre in den Kiefergelenken ist mittelkräftig, in den Knie- und Ellbogengelenken gering. „Das würde dafür sprechen, dass die Männer erst etwa zwei bis drei Stunden zuvor verstorben sind“, erklärt Püschel. „Doch dazu passt nicht die Körpertemperatur, die bei beiden Toten unter 25 Grad liegt. Von daher registriere ich, dass die Körper sehr ausgekühlt gewesen sein müssen, als der Tod eintrat. Alles deutet also auf ein Erfrieren hin, auf eine Hypothermie“, sagt Püschel über den Fall, den das Autorenduo auch in seinem Buch „Der Tod gibt keine Ruhe“ beschrieben hat.

Das geschieht bei Hypothermie

Bei Körpertemperaturen unter 30 Grad verlangsamen sich Atmung, Blutdruck und Pulsfrequenz. Es können auch Herz-Rhythmus-Störungen auftreten, die in Einzelfällen tödlich ausgehen. Vermehrter Alkoholgenuss erhöht die Gefahr des Erfrierens noch. Denn dann weiten sich die Blutgefäße und sorgen so für ein trügerisches Gefühl von Wärme.

Tatsächlich spielt das Gehirn dem Betroffenen dabei einen Streich, denn im Gegenteil wird der Temperaturverlust durch die stark geweiteten Blutgefäße noch beschleunigt. „Zudem kann der Organismus bei der Unterkühlung und schließlich beim Erfrieren Aktivitäten entfalten, die zunächst völlig unverständlich erscheinen. Man spricht in diesem Zusammenhang von der sogenannten Kälteidiotie, wenn der Körper ein mitunter unerträgliches Hitzegefühl signalisiert, obwohl er immer weiter auskühlt“, sagt Püschel.

Die Polizei stand vor der Frage: War es Doppelmord oder Kältetod?

Das Ergebnis sei, dass die Menschen sich tatsächlich beginnen zu entkleiden bis dahin, dass sie sich völlig nackt ausziehen. Bei unter 26 bis 28 Grad schließlich sind neben einem Zurückfahren der Stoffwechselvorgänge auch Organversagen, Atemlähmung sowie eine Herzschwäche die Folge. Jetzt stockt das Blut in den Adern, die Zellfunktionen erlöschen, und der Tod tritt ein.

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„Ich habe der Polizei noch vor Ort im Park prophezeit, dass man hier keinen Dritten beziehungsweise andere als Mörder suchen muss. Und ich habe auch vorausgesagt, dass beide Männer sicher stärkergradig alkoholisiert waren und den Kältetod gestorben sind. Das hat die Polizei schon mal etwas entspannt, schließlich stand andernfalls im Raum, dass man hier eine größere Mordkommission einzurichten hätte, um nach einem Doppelmörder zu suchen.“

Püschels Einschätzung bestätigt sich bei der Obduktion

Bei der Obduktion bestätigen sich Püschels vorläufige Einschätzungen vom Tatort: Die Blutalkoholkonzentration liegt bei einem der toten Männer bei 2,4 Promille, bei dem anderen bei 1,8 Promille. Die Verletzungen stammen hochwahrscheinlich davon, dass die beiden Männer sich gegenseitig mit Fäusten traktiert haben.

Und weitere Befunde sind insgesamt die typischen Folgen einer Unterkühlung. Man sieht unter anderem bestimmte, charakteristische Veränderungen der Magenschleimhaut. Auch die übrigen Ergebnisse der inneren Leichenschau bei den beiden Obdachlosen entsprechen fast lehrbuchmäßig einem Kältetod.

Weihnachtsmarkt statt Mordkommission

Letztlich ist die rechtsmedizinische Diagnose zur Todesursache eindeutig: Erfrieren im stärkergradig alkoholisierten Zustand. Klaus Püschel: „Die Polizei war über die Ergebnisse unserer Sektion sehr froh. Schließlich bedeuteten die Befunde, dass kein Dritter die Männer brutal ins Jenseits befördert hat. Die Ermittler freuten sich, den Abend entspannt auf dem Weihnachtsmarkt verbringen zu können, ohne auf Mördersuche zu gehen.“