Abendblatt-Serie

100 Fragen des Lebens: Macht der Ton wirklich die Musik?

In dieser Folge geht es unter anderem um E-Mails, die mit „Hallihallöchen Professor“ beginnen. Ja, die gibt es wirklich . . .

Hamburg. Mindestens ebenso wichtig, wie das, was man sagt, ist, wie man es sagt. Oder ist letzteres sogar noch wichtiger? Ein Gespräch mit Musikwissenschaftler Clemens Wöllner und der Wirtschaftswissenschaftlerin Jetta Frost.

Für einen Musikwissenschaftler ist unsere Frage eine rhetorische Frage, oder? Ohne Töne keine Musik …

Wöllner: Ja, denn Töne sind gewissermaßen das Grundmaterial. Als Ton bezeichnen wir im engeren Sinne eine Teilschwingung, einen Sinuston mit einer genauen Frequenz und Tonhöhe. Das klingt so ähnlich wie bei einer Stimmgabel. Jeder Klang und jedes Geräusch, das wir hören, besteht aus einzelnen solcher Teilschwingungen, die wir mit akustisch-mathematischen Verfahren analysieren können. Aber Musik ist mehr als die Summe ihrer Töne. Wir erleben Musik ganzheitlich, eine Tonleiter hören wir beispielsweise als auf- oder absteigende Linien. Wir verknüpfen Musik mit Hörerfahrungen und Emotionen.

Haben Sie eine Ahnung, wie die Metapher „Der Ton macht die Musik“ entstanden sein könnte?

Frost: Sie kommt aus dem Französischen. Damit war gemeint, dass Informationen einen Empfänger nicht erreichen, wenn sie in einem falschen Ton übermittelt werden.

Wöllner: Diese Bedeutung ist wohl schon für das Hochmittelalter beim höfischen Minnesang nachweisbar, wenn der richtige Ton getroffen werden sollte. Walther von der Vogelweide wollte sich schließlich nicht im Ton vergreifen.

Wie verstehen Sie persönlich den Satz?

Wöllner: Es geht darum, wie man miteinander spricht, um Umgangsformen und Fragen der Höflichkeit. Trotzdem gibt es natürlich manchmal auch Misstöne.

Also darf man sich in der Kommunikation, zum Beispiel in Unternehmen, auch mal im Ton vergreifen?

Frost: Töne dürfen nicht zur äußeren Form verkommen. Die Höflichkeit im Ton kann ja auch dazu führen, dass der Empfänger nicht versteht, was die Absenderin eigentlich sagen möchte. Es gibt dieses Beispiel von Deborah Tannen über ein Ehepaar. Sie sagt: „Toliver, lass uns doch heute Abend zu den Nachbarn gehen.“ Er fragt: „Warum?“ Sie antwortet: „Na gut, dann eben nicht.“ Die Tonalität war freundlich, aber die beiden haben sich trotzdem nicht verstanden.

Ich versuche, in der Redaktion immer sehr freundlich und höflich zu sein und erwarte von meinen Kollegen, dass sie das auch sind. Wenn ich Ihnen zuhöre, frage ich mich, ob das falsch ist.

Frost: Es geht ja nicht darum, cholerisch zu sein. Die Zeiten der Alpha-Führungstypen sind zumindest in Unternehmen vorbei. Das würde heute niemand mehr akzeptieren. Moderne Unternehmensführung funktioniert eher wie eine Jazzformation. Spezialisten improvisieren und treffen Entscheidungen in einem turbulenten Umfeld, manchmal auch mit gewollten Misstönen oder Zwischentönen.

Und gerade dort, wo es um den guten Ton geht, nämlich bei Orchestern, traten Dirigenten lange gern auf wie Generäle. Oder?

Wöllner: Zumindest hatten wir ja in Hamburg lange Zeit mit Simone Young eine Generalin. Da findet seit einigen Jahren ein Paradigmenwechsel statt, ähnlich wie in Unternehmen. Die Generalmusikdirektoren alter Schule sind wohl ein Auslaufmodell. Allein der Begriff „Generalmusikdirektor“ stammt ja aus einer Zeit, als unsere Gesellschaft noch viel stärker vom Militär geprägt war. Heute geht es eher um einen kooperativen Führungsstil im Sinne von primus inter pares, und Musiker wie Daniel Hope leiten Orchester sehr erfolgreich von der ersten Geige aus. Trotzdem muss es gerade bei großen Orchesterwerken einen geben, der oder die ziemlich genau weiß, wie es klingen soll und die anderen überzeugt.

Wie geht das?

Frost: Jeder hat in einer Organisation eine Rolle. Deshalb gibt es vielfältige Stimmen, aber damit auch unterschiedliche Vorstellungen, wie Dinge zu interpretieren sind. Wir nennen das polyphone Organisationen. Sie könnten als Chefredakteur vermutlich eher mal rum brüllen, ein Praktikant dagegen wohl eher nicht.

Der Dirigent darf brüllen, weil er der Dirigent ist?

Wöllner: Wenn es die Probenzeit verkürzt und am Ende alle etwas davon haben, warum nicht? Sowohl Menschen in einem Orchester als auch in einem Unternehmen erwarten doch, dass es von Zeit zu Zeit auch einmal eine klare Ansage gibt, dass Ziele benannt und Grenzen abgesteckt werden.

Aber heißt klare Ansage auch, dass man den Ton anhebt und am besten gleich auf den Tisch haut?

Frost: Das ist eine Sozialisationsfrage. Ich habe lange in der Schweiz gelebt. Die härteste Kritik, die dort in einer Besprechung fallen kann, lautet: „Damit habe ich jetzt aber wirklich Mühe.“ Als Deutscher denkt man: „Das ist dein Pro­blem.“ Gemeint hat der Schweizer aber: „Das ist die blödeste Idee, die ich je in meinem Leben gehört habe.“ Oder denken Sie an die Hamburger Superlative bei einem Restaurantbesuch, so etwas wie „kann man essen“. Das muss man verstehen können. Die Tonalitätsfrage muss immer in einem Kontext betrachtet werden. Der Ton allein kann tatsächlich nicht die Musik machen.

Wöllner: Das funktioniert ähnlich wie der Hörkontext bei der Musik. Die elek­tronischen Klänge oder der Sprechgesang bei Kraftwerk würden einzeln für sich genommen erst mal nicht wie die Musik klingen, die viele so fasziniert. In der Musikpsychologie gibt es Experimente, die zeigen, dass ein gesprochener Satz nach mehreren Wiederholungen für uns wie gesungen klingt. Wir nehmen dann stärker die Sprachmelodie wahr und erleben den Satz völlig anders. Erst der Zusammenhang macht also die Musik.

Wir haben eben über das Anbrüllen von anderen gesprochen, nicht schön. Was mich aber wahnsinnig machen kann, sind Menschen, die ganz leise reden.

Wöllner: Man ist dann in solchen Situationen gezwungen, genau zuzuhören.

Frost: Das ist auch Macht. Der Ton konstituiert die soziale Realität, sagen wir Wirtschaftswissenschaftler.

Welche Rolle spielt für den guten Ton in Unternehmen die Frage, ob man sich duzt oder siezt?

Frost: Auch das ist eine Kulturfrage. In der Schweiz duzen zum Beispiel die Militärangehörigen ihre Vorgesetzten, bei uns nicht.

Ändert sich denn der Ton in Unternehmen, wenn man sich duzt?

Frost: Ein allgemeines Du einzuführen ist ja immer der Versuch, die Unternehmenskultur lockerer zu gestalten. Das ist aber sehr schwierig. Denn die Unternehmenskultur ist die Summe der gemeinsamen Wertvorstellungen der Mitarbeiter, die sich über die Jahre herausgeprägt haben. So etwas lässt sich nicht mit einem Du für alle verbessern. Den Kollegen nutzt es zum Beispiel nichts, wenn sie die Chefin zwar duzen dürfen, aber weiterhin bis tief in die Nacht unbezahlte Überstunden leisten müssen oder mit ihren Vorschlägen nicht durchdringen. Das ist sehr schnell durchschaubar.

Wöllner: Wenn man in einer Organisation das Duzen einführt, ist das ein Versuch, den Umgangston zu verbessern. Aber so etwas nutzt sich auch schnell wieder ab. Das ist als Hawthorne-Effekt bekannt: unspezifische und erst einmal positive Veränderungen können am Arbeitsplatz kurzfristig zu mehr Motivation und Leistung führen, bis sich alle daran gewöhnt haben.

Kann man lernen, höflich und freundlich zu sein, also den richtigen Ton zu treffen?

Frost: Natürlich kann man das lernen. Kinder werden heute schon in der Schule zu Streitschlichtern ausgebildet, lernen, Konflikte vernünftig auszutragen und Ich-Botschaften auszusenden. Also: „Mir wäre es wichtig, dass du …“ statt „Warum hast du schon wieder …“

Wie schafft man es zu kritisieren, ohne sich im Ton zu vergreifen? Und, noch schwerer: Wie sagt man elegant Nein?

Wöllner: Die Briten haben da eine interessante Möglichkeit gefunden. Wenn sie eine Sache überhaupt nicht interessiert, sagen sie einfach: „Oh, how interesting.“ Das heißt dann aber ganz genau das Gegenteil. Diese Art, zu etwas Nein zu sagen, führt sicher auch dazu, dass die Leute länger in Kontakt miteinander bleiben, weil man sich auf eine Umgangsform geeinigt hat, die niemanden vor den Kopf stößt.

Wenn wir über den guten Ton sprechen, meinen wir damit auch, dass man bestimmte Worte und Formulierungen nicht verwendet, sich möglichst immer politisch korrekt verhält.

Frost: Was das angeht, hat sich der Zeitgeist ja geändert. Wer hätte vor wenigen Jahren gedacht, dass man mit der Art und Weise, wie Donald Trump kommuniziert, US-Präsident werden kann? Durch Typen wie ihn werden bestimmte, lange verpönte Ausdrucksformen salonfähig. Und Eltern bekommen Probleme, ihren Kindern zu erklären, warum man dieses und jenes nicht sagen soll, wenn man es damit heute doch sogar bis ins Weiße Haus schaffen kann. Insofern ist die Frage des guten Tones auch immer im Zusammenhang mit dem Zeitgeist zu sehen.

Das ist ein guter Punkt: Wenn man sich Trump oder andere Politiker anhört, ist die Frage, ob der Ton die Musik macht, eindeutig zu beantworten: nein.

Frost: Der kalkulierte Tabubruch durch eine für uns unhöfliche Tonalität führt dazu, dass Menschen wie Trump als starke Führungspersönlichkeiten wahrgenommen werden. Das ist absolut das Gegenteil von dem, wie sich das Management und Unternehmensführung in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben.

Wöllner: Wir können nur hoffen, dass sich nicht alle Politiker zum alten Alpha-Typus zurückentwickeln und die Menschen wieder stärker auf besonnene Töne hören. Ich könnte mir aber vorstellen, dass diese kalkulierten Misstöne in der Politik vor allem in Zeiten von erlebten Umbrüchen eine Ventilfunktion haben.

Vielen Leuten gefällt das ja, Motto: endlich sagt das mal einer.

Frost: Es hat auch etwas damit zu tun, wie schnell wir heute kommunizieren. Wir merken als Hochschullehrer ja auch, wie sich der Ton der Studierenden verändert hat, seit es E-Mails, SMS oder Whats-App gibt. Man erhält dann E-Mails, die beginnen mit „Hallihallöchen Professor, ich bräuchte mal ganz schnell …“

Hallihallöchen Professor?

Frost: Gibt es heute alles. Manchmal denke ich, es wäre besser, ich würde einigen meiner Studierenden neben Managementtheorien noch beibringen, wie der Ton die Musik macht.

Man sieht, wie schnell man sich im Ton vergreifen kann und was allein die Anrede ausmacht: Es ist eben ein Unterschied, ob man „Sehr geehrte Frau Professor“ oder „Hallihallöchen“ schreibt, ganz gleich, was danach kommt.

Frost: Nach einer solchen Einleitung kann noch so ein kluger Gedanke kommen, was in Erinnerung bleibt, ist das Hallihallöchen. Insofern macht der Ton schon die Musik.

Wöllner: Wenn der Absender sehr geschickt ist, können ungewöhnliche Formulierungen auch eine gut kalkulierte Wirkung entfalten, zum Beispiel bei einer Bewerbung. Wer sich etwas Besonderes einfallen lässt, einen erfrischend anderen Ton, der erhöht die Chance, dass dieser tatsächlich gehört wird.

Ich versuche, so oft es geht, an meinem Arbeitsplatz lustig zu sein. Und eigentlich auch sonst.

Frost: Das ist ein schwieriger Tanz auf einem schmalen Grat. Sie können ihn mit großer Grazie tanzen, und Sie können richtig auf die Schnauze fallen.

Leider weiß man es vorher nicht. Danke fürs Gespräch.