100 Fragen des Lebens

Wann müssen wir die Erde verlassen?

Jeden Sonnabend im Abendblatt – die 100 großen Fragen des Lebens. Teil 3: die wichtigsten Antworten zur Zukunft unseres Planeten.

Hamburg. Die Lust am Weltuntergang beschäftigt die Menschheit schon seit der Antike. Das Jüngste Gericht, eine Alien-Invasion, Seuchen, extreme Vulkanausbrüche – an düsteren Szenarien hat es nie gemangelt, etliche Hollywoodfilme handeln davon. Auch der Klimawandel hat schon Eingang in fantastische Erzählungen gefunden. Wie bedrohlich ist er wirklich? Forscher mahnen: Extreme Wetterereignisse werden zunehmen, viele lebensfreundliche Erdregionen könnten unwirtlich werden, es drohen Kriege. Das Abendblatt sprach mit dem Klima-Ökonomen Hermann Held und dem Astronomen Peter Hauschildt über die Folgen der Erderwärmung und eine Besiedelung fremder Planeten.

Wenn Sie beide einen Endzeitfilm drehen dürften – worum würde es darin gehen?

Peter Hauschildt: Das wahrscheinlichste Szenario auf kurze Zeit wäre der Einschlag eines kilometergroßen Asteroiden auf der Erde – eine Handlung wie im Film „Armageddon“. Statt einen solchen Brocken anzubohren und in die Luft zu sprengen, wie es Bruce Willis in dem Hollywoodblockbuster tut, könnte man den Himmelskörper verspiegeln oder weiß ansprühen. Durch die Reflexion des Sonnenlichts entstünde ein Strahlungsdruck, der die Bahn des Asteroiden ein klein wenig veränderte – dann flöge das Ding einfach an uns vorbei.

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Eine solche Maßnahme …

Hauschildt: … müsste man allerdings viele Jahrzehnte vor einem möglichen Einschlag durchführen, man müsste rechtzeitig Raumschiffe zu dem Asteroiden schicken. In meinem Film würde die Politik das aber verschieben, nach dem Motto: Das ist doch noch ewig hin. Irgendwann kommt der Asteroid dann aber gefährlich nahe, und Panik bricht aus. Es wäre ein Sinnbild dafür, dass wir auch jetzt schon oft nicht handeln, obwohl wir bestimmte Gefahren kennen.

Der Astrophysiker Stephen Hawking gibt der Menschheit noch 100 Jahre auf der Erde. Dann könnte eine Besiedelung fremder Planeten nötig sein, sagt er.

Hermann Held: Ich finde es verblüffend, wie oft sich Menschen – nicht nur in Hollywood – schon mit Plänen für eine Auswanderung ins All befasst haben, nur weil wir es auf der Erde nicht gebacken bekommen. Dabei wäre es erheblich einfacher, auf die Erderwärmung zu reagieren und hier für eine lebenswerte Zukunft zu sorgen, als hochkomplexe Maschinen zu entwickeln, wie sie für ein Leben auf anderen Himmelskörpern nötig wären. Wir könnten es uns leichter machen.

Hauschildt: Ich bin mir ja ohnehin nicht sicher, ob es auf der Erde wirklich intelligentes Leben gibt.

Was passiert, wenn die Erderwärmung zunimmt?

Held: Es ist seit 2015 weltweit im Schnitt bereits ein Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit. Künftig sind dem jüngsten Bericht des Weltklimarats zufolge verschiedene Szenarien denkbar. Schon bei einer Erwärmung um ein weiteres halbes Grad bis zum Ende des Jahrhunderts rechnen Klimaforscher damit, dass es ein hohes Risiko für extreme Wetterereignisse wie Starkregen und Hitzewellen geben könnte. Bei insgesamt 3,5 Grad Erwärmung wäre zudem das Risiko hoch, dass weltweit Landeis – etwa in Gestalt von Gletschern – schmelzen würde, was zum Meeresspiegelanstieg beitragen würde. Der Meeresspiegel würde weltweit bei einer Erwärmung von zwei bis drei Grad sehr langfristig um 30 bis 50 Meter steigen. Bei 3,5 Grad wäre außerdem das Risiko eines massiven Artensterbens sehr hoch.

Welche Rolle spielt das sogenannte Zwei-Grad-Ziel?

Held: Es ergibt sich aus einem Vorsorge-Gedanken. Es geht darum, was wir verkraften, wie weit wir uns anpassen können. Die Menschheit ist im Verlauf ihrer Entwicklung schon mit einer Erwärmung von 1,5 Grad zurechtgekommen. Insofern war die Vereinbarung, die künftige Erwärmung auf höchstens zwei Grad zu begrenzen, ein nahe liegendes Ziel. Noch ist unser Klima erheblich stabiler als in früheren Zeiten. Vor dem Holozän, also den vergangenen 10.000 Jahren, hatte sich das Klima oft innerhalb von zehn Jahren dramatisch verändert. Wir leben in einem klimatisch luxuriösen Zustand – und spielen nun daran herum.

Was kostet es, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen?

Held: Es ist weniger kostspielig, als man vermuten könnte. Erneuerbare Energien, die nicht zum Treibhauseffekt beitragen, sind vorerst zwar teurer als Energie aus Kohle. Der Verbraucher zahlt deshalb vorerst mehr für Energie. Die Folge könnte ein Konsumverlust von ein bis zwei Prozent in den kommenden Jahrzehnten sein. Man kann diese Zahlen auch anders ausdrücken: Wir erwarten ein globales wirtschaftliches Wachstum um ein bis zwei Prozent pro Jahr – diese Wachstumsrate würde lediglich um 0,06 Prozentpunkte abgesenkt bei einer Klimapolitik, die sich am Zwei-Grad-Ziel orientiert. Das geht also fast im Rauschen unter gegenüber anderen Effekten, die die Wirtschaft beeinflussen.

Inwieweit betrifft Deutschland der Klimawandel?

Held: Man kann grob sagen: Bei einem moderaten Erwärmungsszenario bekommen wir hierzulande bis zum Ende des Jahrhunderts ein Klima, wie es jetzt in Madrid herrscht. Es wird in Deutschland im Schnitt häufiger zu Starkregen kommen, und es wird wärmer werden, wobei Hitzewellen im Norden nicht so häufig sein werden wie in Süddeutschland.

Wie bedrohlich ist der Anstieg des Meeresspiegels?

Held: Stiege der Meeresspiegel weltweit um 50 Meter, dürfte es für Hamburg schwer werden, sich anzupassen. Wir sprechen hier aber von einer Entwicklung, die sich in Jahrtausenden oder gar darüber hinaus vollziehen könnte. Welcher Anteil davon uns bereits in diesem Jahrhundert trifft und wie dies vom Grad der Erwärmung abhängt, wird ständig verbessert erforscht. Der Weltklimarat nennt für das aggressivste Erwärmungsszenario einen Meeresspiegelanstieg um 45 bis 82 Zentimeter für dieses Jahrhundert beziehungsweise einen Anstieg um 26 bis 55 Zentimeter für eine am Zwei-Grad-Ziel orientierte Klimapolitik. Grundsätzlich werden Entwicklungsländer in den Subtropen und Tropen erheblich stärker unter Überschwemmungen und Dürren leiden als Industrieländer – und das, obwohl die Menschen in den ärmsten Entwicklungsländern pro Kopf kaum zum Klimawandel beigetragen haben.

Was kann der Einzelne hierzulande gegen den Klimawandel tun?

Held: Man kann insbesondere Druck auf die Politik ausüben, also seine Abgeordneten auffordern, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Es ist sinnvoll, Wärmeenergie effizienter zu nutzen: Wer Gebäude dämmt oder eine effizientere Gastherme einbaut, schont damit die Umwelt und die Volkswirtschaft. Es bringt auch viel, aufs Autofahren zu verzichten und stattdessen öffentliche Verkehrsmittel oder ein Fahrrad zu nutzen. Ich persönlich fahre gar kein Auto mehr, reduziere private Flugreisen auf ein Minimum und versuche, mich regional und saisonal zu ernähren.

Wie halten Sie es damit, Herr Hauschildt?

Hauschildt: Ich habe ganz bewusst ein Energiesparhaus gekauft. Und ich versuche, das Autofahren zu minimieren. In die Hamburger City fahre ich nur noch mit Bus und Bahn.

Welche Klimafolgen können wir überhaupt noch beeinflussen?

Held: Die Erwärmung in den nächsten 20 bis 30 Jahren ist weitestgehend festgelegt durch das, was die Vorgängergenerationen an Treibhausgas-Ausstoß verursacht haben. Was ab 2050 kommt, wird stärker durch das geprägt, was wir heute tun.

Die Folgen der aktuellen Klimapolitik betreffen erst die Enkel-Generation.

Held: Ja. Die Frage ist, was wir daraus schließen. Sagen wir: nach uns die Sintflut? Oder sorgen wir dafür, dass auch nachfolgende Generationen in einem relativ stabilen Zustand leben können? Es geht dabei ja nicht nur um die Folgen des Klimawandels in Deutschland. Menschen in Entwicklungsländern werden nicht kampflos verhungern. Es gibt Länder, die massiv betroffen wären durch eine Verschiebung der Niederschlagsgürtel – dort könnte die Nahrungsmittelversorgung bedroht sein. Darunter sind Länder, die über die Atombombe verfügen wie Indien und Pakistan. Schon 2008 unter der Bush-Regierung ging das Pentagon davon aus, dass der Klimawandel ein größeres Sicherheitsrisiko darstellt als der bislang bekannte Terrorismus.

Welche Auswanderungsmöglichkeiten hätte die Menschheit überhaupt, wenn die Erde unbewohnbar würde?

Hauschildt: Unser Sonnensystem ist überwiegend unwirtlich. Merkur, der innerste Planet, wird an seiner Oberfläche von der Sonne regelrecht gegrillt, und er hat keine Atmosphäre. Die Atmosphäre der Venus hingegen, des zweitinnersten Planeten, besteht zum größten Teil aus Kohlendioxid (CO2). Auf ihrer Oberfläche ist es noch heißer als auf dem Merkur, dort entfaltet der Treibhauseffekt von CO2 seine volle Wirkung. Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun sind Gasriesen, sie haben keine Oberfläche. Es bleiben also im wesentlichen Mond und Mars.

Der Mars ist viel weiter weg als der Mond. Was spricht für den Roten Planeten als Auswanderungsziel?

Hauschildt: Es gibt auf dem Mars wahrscheinlich mehr Rohstoffe wie Wasser und Metalle, die wir gebrauchen können. Zudem ist der Mars weiter weg von der Sonne. Letzteres könnte bei einer Auswanderung allerdings erst in einer sehr fernen Zukunft wichtig werden, wenn sich die Sonne so weit ausgedehnt hat, dass sie der Erde und dem Mond sehr nahe kommt. Wenn die Sonne zweimal mehr Energie erzeugte als derzeit, wäre es auf dem Mars angenehm warm. Aber bald darauf würde die Temperatur auch dort immer weiter steigen.

Grundsätzlich müssten wir erst einmal hinkommen zum Mars. Die Nasa will bis 2035 bemannte Missionen zum Roten Planeten schicken. Ist das realistisch?

Hauschildt: Das ist eine reine Geldfrage. Rein technisch ist das sicherlich machbar. Allerdings müsste man mit menschlichen Verlusten rechnen. Der Mond ist 384.000 Kilometer entfernt. Zum Mars müsste ein Raumschiff im besten Fall etwa 50 Millionen Kilometer zurücklegen, der Hinflug würde etwa sieben Monate dauern. Auf der Reise dorthin kann vieles schiefgehen.

Wie könnten wir auf dem Mond oder dem Mars existieren?

Hauschildt: Sobald wir die nähere Umgebung der Erde verlassen, ist die Strahlung im Raum so hoch, dass wir dies ohne Schutz nicht überleben. Wenn wir also auf dem Mond oder dem Mars leben wollten, müssten wir dort Stationen tief unter der Oberfläche bauen. Mit viel Blei könnte man zwar auch geschützte Gebäude an der Oberfläche errichten. Auch mit einem künstlichen Magnetfeld ließe sich Strahlung abschotten. Dafür bräuchte man aber massenhaft Energie. Letzteres wäre technisch derzeit wohl nicht machbar, in einigen Jahrhunderten vielleicht schon.

Strahlenschutz wäre eine Herausforderung. Eine weitere wäre, Luft und Nahrung zu produzieren.

Hauschildt: Wir müssten Pflanzen gedeihen lassen, um damit Kohlendioxid in Sauerstoff umzuwandeln und Nahrungsmittel zu produzieren. Auch das wäre zwar grundsätzlich machbar, aber es kostete viel Geld, Zeit und Ressourcen und würde trotzdem nicht als Lebensgrundlage für viele Menschen reichen. Man kann keine acht Milliarden Menschen auf den Mars bringen.

Held: Mit Blick auf diese Aussichten sollten wir klären, wie wir uns organisieren müssen, um unsere sehr guten Lebensbedingungen auf der Erde langfristig zu erhalten. Aus Sicht der Wissenschaft brauchen wir ein besseres Verständnis dafür, wie Gruppen von Menschen kooperieren; wir brauchen eine bessere Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaft und Sozialwissenschaften. Eine Auswanderung ins All bleibt dann weiterhin etwas für Hollywoodfilme.

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