Helgoland: Katamaran-Unglück

Fähre legte bei zu hohen Wellen ab

So viel steht fest: Die verunglückte "Polarstern" hat die Insel am Montagnachmittag bei einem zu hohen Wellengang verlassen. Warum der Kapitän trotzdem auslief ist aber weiterhin unklar.

Emden/Hamburg/Elsfleth. Nach dem Katamaran-Unfall auf der Nordsee sind auch heute Fragen zur Ursache noch offen geblieben. Fest steht, dass die verunglückte Fähre "Polarstern" die Insel Helgoland am Montagnachmittag bei einem zu hohen Wellengang verlassen hat und die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) erst am Dienstagmorgen über den Unfall informiert wurde. Etwa eineinhalb Stunden nach dem Auslaufen hatte schwere See einen Teil der Frontreling auf dem Hochgeschwindigkeits-Katamaran losgeschlagen und in ein Fenster katapultiert. 24 Menschen wurden verletzt, drei von ihnen schwer.

Bis zum Mittag lag der Staatsanwaltschaft Aurich die Anzeige eines Fahrgastes wegen Körperverletzung vor. Gegen den 27 Jahre alten Kapitän wird wegen fahrlässiger Körperverletzung und Gefährdung des Schiffsverkehrs ermittelt. An Bord der Fähre waren 357 Passagiere. Bis zur Klärung der Unglücksursache darf der Hochgeschwindigkeits-Katamaran nicht auslaufen.

Wie das Hamburger Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) mitteilte, waren die höheren Wellen zum Zeitpunkt des Auslaufens der "Polarstern" im Schnitt 2,69 Meter hoch. Die "Polarstern"-Reederei AG Ems hat sich eigenen Angaben zufolge für das Auslaufen eine absolute Höchstgrenze von 2,50 Metern gesetzt. "Wir müssen noch klären, ob der Kapitän diese Werte kannte", hieß es bei der Reederei.

"Die Polizei hat uns erst Dienstagmorgen informiert", sagte der stellvertretende Leiter der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU), Jürgen Albers, in Hamburg und bestätigte damit Medienberichte. Anders als angenommen verlieren die Ermittler dadurch aber keine Informationen. "Wir hatten zunächst befürchtet, dass der Schiffsdatenschreiber nach zwölf Stunden bereits gelöscht ist", sagte Albers.

Vor dem Ablegen erkundigt sich die Crew nach Angaben des BSH- Experten Ralf Berger normalerweise beim Helgoländer Hafenmeister nach den jüngsten Werten der Messbojen. Das gelte besonders, wenn die Wetterlage kritisch sei. Die Hafenmeisterei auf Helgoland wollte sich nicht dazu äußern, ob die Crew nach aktuellen Wellenhöhen gefragt hatte. "Wir bitten um Verständnis, dass wir in dieser Sache nichts sagen", hieß es. Ein Sprecher der Reederei AG Ems hatte am Dienstag mitgeteilt, dass 2,50 Meter hohe Wellen - also die Höchstgrenze - vorhergesagt waren und der Kapitän in einer "Ermessensentscheidung" gehandelt und die Fähre 40 Minuten früher als im Fahrplan angekündigt, abgelegt habe.

Nach Bergers Angaben befindet sich die Messboje fünf bis zehn Kilometer südlich von Helgoland - in diese Richtung legte die "Polarstern" ab. Die schwimmende Messstation ermittelt die sogenannte signifikante Wellenhöhe. Dafür wird der Mittelwert aus dem oberen Drittel aller Wellenhöhen errechnet. Von 15.41 Uhr an habe die Boje Wogen um 2,60 Meter gemeldet - erst von 21.00 Uhr an sanken die Werte wieder unter 2,50 Meter. Eine Minute vor dem Ablegen der Fähre um 16.35 Uhr sendete die Station den Wert 2,69 Meter. Von Mittag an waren die Werte aufsteigend, der Spitzenwert lag um 19.14 Uhr bei 3,51 Metern.

Kapitän Jens Wilbertz vom Fachbereich Seefahrt der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven in Elsfleth warnt vor einer Vorverurteilung des Kapitäns. "Ein Nautiker ist sich seiner Verantwortung für die Fahrgäste und das Schiff immer so bewusst, dass sich bei einem Seeunfall die Frage nach grober Fahrlässigkeit gar nicht stellt", sagte er. Auch das Alter des Kapitäns, der erst 27 Jahre alt ist, spiele keine Rolle. "Es gibt viele, die aufgrund ihres Sachverstandes und ihrer Qualifikation schon in jungen Jahren Kapitän geworden sind", sagte Wilbertz.

Bereits im Studium lernten Nautiker an Simulatoren das Steuern bei schwierigen Wetterlagen. Es sei zudem gesetzlich genau vorgeschrieben, wie viel Erfahrung ein Offizier sammeln müsse, bis er Kapitän werden könne. Die Reedereien wählten die Schiffsführer sehr sorgfältig aus, erklärte Wilbertz. "Die Leute sind handverlesen."