Sieben Tote nach Blutbad in Sittensen:

Betreiber-Ehepaar unter den Opfern

Ein bei der Schießerei im China-Restaurant des niedersächsischen Städtchens schwer verletzter Mann starb in der Nacht zum Dienstag.

Damit ist der vermutlich einzige Zeuge des Blutbads von Sittensen tot. Überlebt habe ein kleines Mädchen, bestätigten die Beamten. Nähere Angaben zu dem etwa zwei Jahre alten Kind wurden aber nicht gemacht.

Die Hintergründe der Tat sind nach wie vor unklar. Spekuliert wird über einen Überfall chinesischer Mafiabanden, den Triaden, sowie über Schutzgelderpressung. Es werde weiter akribisch nach Spuren gesucht, sagte ein Polizeisprecher. Die gemeinsame Arbeit mit Spezialisten des Bundeskriminalamtes könne noch Tage dauern.

Die sieben Toten sollen mindestens vier verschiedenen Nationalitäten angehören. Unter ihnen ist das Betreiber-Ehepaar des China-Restaurants. Der 36 Jahre alte Mann und seine 32 Jahre alte Frau sind nach Polizeiangaben identifiziert worden.

In der Nacht zum Montag waren in dem Restaurant vier Männer und drei Frauen teilweise gefesselt und anschließend erschossen worden. Neben dem Inhaber-Ehepaar sollen dem Vernehmen nach die asiatischen Angestellten des Restaurants zu den Opfern gehören. Dass es sich bei dem überlebenden Mädchen um die Tochter des Ehepaares handelt, wollte ein Polizeisprecher nicht bestätigen.

Der Berliner Kriminalitäts-Experte Klaus von Lampe erklärte, das Blutbad sei für das Vorgehen organisierter Krimineller untypisch. "Das sieht eher nach einem Raubüberfall aus, der außer Kontrolle geraten ist." Denkbar sei allerdings auch, dass die Täter ein Exempel statuierten, um Machtverhältnisse zu ändern, sagte der Experte für Organisierte Kriminalität von der Freien Universität Berlin. Frank Federau vom Landeskriminalamt Niedersachsen erklärte, chinesische Banden seien bislang kaum als Drahtzieher in der Organisierten Kriminalität bekannt. "Chinesen haben bei den erkannten Delikten eine ganz, ganz untergeordnete Rolle gespielt."

Bei der Sonderkommission meldeten sich bis Dienstagmittag rund 60 Zeugen, die am Sonntagabend in dem Restaurant zu Gast waren oder Beobachtungen gemacht haben. "Für eine Bewertung dieser Aussagen ist es viel zu früh", sagte ein Polizeisprecher. Derzeit lasse sich nicht einmal feststellen, wann der letzte Gast das Lokal verlassen habe.

Die 5600-Einwohner-Gemeinde Sittensen (Kreis Rotenburg/Wümme) stand am Tag nach der grausigen Tat unter Schock. Während die Spezialermittler weiter Millimeter für Millimeter den Tatort untersuchten, legten Einwohner des Ortes Blumen vor dem Restaurant nieder und entzündeten Kerzen zum Gedenken an die sieben Opfer. "Man kann das gar nicht glauben. Ich denke immer, gleich kommt er um die Ecke", sagte Blumenhändlerin Claudia Freese, die im gegenüber liegenden Supermarkt einen Laden betreibt. Der Restaurant-Besitzer sei fast täglich mit seinem Hund zum Einkaufen gekommen.

"Das so etwas überhaupt möglich ist", sagte ein Nachbar, dessen Haus kaum 20 Meter neben dem Tatort steht. Gehört habe er in der Mordnacht nichts. Er kenne das Ehepaar, seit es vor mehr als neun Jahren hierher gekommen sei. Es sei ausgesprochen sympathisch und immer zuvorkommend gewesen.

Auch für die Polizei ist der Fall außerhalb der Normalität. "Das ist ein Tatort, den man nicht alle Tage sieht", sagte Polizeisprecher Detlev Kaldinski. 60 Beamte seien derzeit im Einsatz. Das Geschäftshaus in einer Seitenstraße der Ortsdurchfahrt wurde weiter abgesperrt. Die Unternehmen im Erdgeschoss unter dem Restaurant, darunter eine Fahrschule und eine Vermögensberatung, blieben vorerst geschlossen.

Das Verbrechen war in der Nacht zu Montag von einem 47-Jährigen entdeckt worden, der gegen 0.30 Uhr seine Frau von der Arbeit in dem Restaurant abholen wollte. Der Mann fand die Erschossenen - unter den Opfern war auch seine Frau.

Unter den in Deutschland lebenden Chinesen machte sich nach dem Blutbad Angst breit. Im Unterschied zu früher fühlten sich seine Landsleute jetzt bedroht, sagte ein im Rhein-Main-Gebiet lebender Geschäftsmann. "Sie haben Angst." Eine Tat der Triaden hielt der Geschäftsmann für unwahrscheinlich: "Die wollen Geld haben, aber nicht töten."