Der Totenkopf: Andere Kulturen andere Bedeutungen

Hamburg. Ein Totenschädel in der Hand deutscher Soldaten in Afghanistan - bei vielen Muslimen dürfte das die Gefühle tiefer verletzen, als mancher glaubt. Gerade die Totenruhe gilt im Islam als heilig, Schändung eines Leichnams als schwere Sünde. In der westlichen Welt hingegen hat das Berühren von Schädeln längst nicht diese Bedeutung. Was wäre Shakespeares "Hamlet" ohne den Totenschädel? Mit welchem Symbol sollte Karl Lagerfeld noch überraschen? Das Symbol hat im Westen eine bewegte Geschichte und höchst unterschiedliche Bedeutungen.

In der abendländischen Kultur gilt der Totenschädel seit dem 11. Jahrhundert als Symbol für die Sterblichkeit des Menschen und die Ähnlichkeit aller Menschen nach dem Tod. Im Islam hingegen bedeutet der Tod nicht das Ende des Lebens, sondern eine Übergangsphase. Toten gebührt demnach ebenso Respekt wie Lebenden. Einäscherung ist für viele Muslime undenkbar, Obduktionen haben strikte Auflagen. Der Glaube an die Auferstehung der Toten ist ein Grundelement des Islam. Die Zeit im Grab darf jedoch nicht gestört werden. Dass Gräber in Deutschland oft nach 20 Jahren eingeebnet werden ist nicht selten der Grund, warum Muslime zur Beerdigung in ihre Heimat übergeführt werden.

Im christlich geprägten Abendland gehört das Bild des Totenschädels zum Krieg und zum Kampf. Er beweist die Unerschrockenheit, bedingungslose Härte, soll Drohungen zu töten, glaubhaft machen. Piraten verbreiteten durch das Hissen der Totenkopfflagge schon vor dem Entern bei ihren Opfern Angst und Schrecken. Bewaffnete SS-Truppen trugen generell das Totenkopf-Symbol auf der Mütze. Ein weiterer Totenkopf auf dem rechten Kragenspiegel der dunklen, erdbraunen Uniform war das Nazi-Zeichen für die Totenkopf- Verbände. Die "Soldaten des Todes" bewachten und betrieben die Konzentrationslager, kämpften überall dort, wo es galt, sich durch besonders brutale Einsätze hervor zu tun.

Das gründlich gewandelte Verhältnis zum Totenkopf im Westen ist derzeit besonders in der Modewelt zu beobachten. So ist er nicht mehr nur auf Lederwesten der Rockergruppe "Hells Angels" oder auf den Plattencovern diverser Rock-Bands zu sehen. Auch beim FC St. Pauli ist der Totenkopf zum inoffiziellen Vereinswappen geworden. Im Jahr 2000 trugen die Kiez-Kicker erstmals das Totenkopf-Logo auf dem Kragen. Die Hausbesetzer-Szene aus der Hafenstraße hatte das Symbol Mitte der 80er Jahre ins Stadion getragen.

Inzwischen hat der Totenkopf sogar den Sprung auf die Pariser Laufstege geschafft. Karl Lagerfeld trägt ihn nicht nur als Ring, sondern erschien im Frühjahr nach einer Haute-Couture-Schau für Chanel auch mit Totenkopf-Krawatte. Auch Corinna Schumacher trägt in der Boxengasse Totenkopf-Ohrringe. Passend dazu räumte der Film "Fluch der Karibik 2" mit Schauspieler Johnny Depp an den Kinokassen ab.

Der Totenkopf ist "in", hat seinen Schrecken längst verloren. Was auch ein Problem ist, schließlich soll das Totenkopf-Logo weltweit vor hoch giftigen Substanzen warnen. Kinder könnten das Symbol aber auch als Einladung in die Welt der Piraten verstehen.

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