Harburg
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Er rettet eine Traditionssportart

Wolfgang Bäse beobachtet die Übung von Brigitte Rompa (41)

Wolfgang Bäse beobachtet die Übung von Brigitte Rompa (41)

Foto: HA

„Die Fitmacher“ – Heute: Wolfgang Bäse, der als Trainer beim Harburger Sportclub (HSC) Jungen und Mädchen das Geräteturnen nahebringt.

Wolfgang Bäse ist einer der letzten seiner Art. Der 60 Jahre alte gebürtige Harburger bietet im Harburger SC Geräteturnen an – eine Sportart die viele Menschen womöglich nur noch alle vier Jahre bei den Olympischen Spielen zu sehen bekommen. Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts von „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn ins Leben gerufene Traditionssportart befindet sich in Deutschland seit vielen Jahren auf einem absteigenden Ast und wird nur noch sehr selten oder in Kombination mit modernen Elementen angeboten.

„Südlich der Elbe wird die Sportart so gut wie gar nicht mehr gefördert. Der nächste Verein, der Geräteturnen für Jungen und Mädchen anbietet, liegt in Hittfeld oder Buchholz“, klagt Wolfgang Bäse.

Zwar biete die Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft (HNT) auch noch Kunst- und Geräteturnen an – jedoch nur für Jungs. Es finden sich zu wenige Kinder und Jugendliche die mit dem im Schatten von populären Ball- und Trendsportarten stehenden Geräteturnen anfangen wollen.

Dabei sei das Geräteturnen oftmals eine wichtige Basis für andere Sportarten. „Wenn Kinder zum Beispiel gleich mit dem Trampolinturnen anfangen wollen, haben sie oft nicht die körperliche und koordinative Basis. Ich empfehle immer erst mit Geräteturnen zu beginnen, vor allem um spätere Beschwerden und bleibende Schäden zu vermeiden“, erklärt Bäse.

Das Geräteturnen vermittle elementare Bausteine eines korrekten Bewegungsablaufs. „Nehmen wir einfach mal die klassische Rolle vorwärts. Wenn man diese falsch ausführt, also einen Purzelbaum macht, kann das ganz schnell Kopfschmerzen verursachen“, sagt Bäse. Wenn man diese Logik weiterführe, bestehe eine ernsthafte gesundheitliche Gefährdung bei Sportarten, welche einen komplizierteren Bewegungsablauf beinhalten.

Das Vertrauen ist beim Turnen ein zentraler Aspekt

Seit 20 Jahren ist Wolfgang Bäse beim Harburger SC, vorher trainierte er jahrelang bei der HNT. „Als ich elf Jahre alt war, meinte der Arzt zu mir, dass ich zu steif sei. So bin ich dann zum Turnen gekommen“, berichtet Bäse. Bei HNT-Turnvater Helmut Ziechner begann er vor rund 50 Jahren mit dem Geräteturnen. Schnell fing Wolfgang Bäse an beim Training von jüngeren Turnern zu helfen.

„Zunächst habe ich die Gruppen beim Training nur von Gerät zu Gerät führen dürfen. Ein Jahr später habe ich dann meinen ersten Lehrgang als Vorturner gemacht“, berichtet der heute 60-Jährige. 1980 folgte der „Übungsleiter für Turnen und Spiele“, wenig später wurde der gebürtige Harburger Fachübungsleiter und C-Trainer, was ihn zu einer Tätigkeit im Wettkampf- und Leistungssport qualifizierte.

„In meiner ganzen Zeit als Geräteturntrainer habe ich wahrscheinlich weit über 1000 Kinder trainiert“, resümiert Bäse die letzten Jahrzehnte. Zu seiner Zeit bei der HNT stand er pro Woche neben seinem Beruf als Maschinenbautechniker bis zu 29 Stunden in der Halle. Mittlerweile sei er bei seinen Turnschülern und –Schülerinnen in der vierten Generation angelangt – einige Erinnerungen seien besonders prägend gewesen. „Ein Mädchen hat mir mal mit fünf Jahren einen Heiratsantrag gemacht. Solche Dinge vergisst man nicht“, erinnert sich Bäse lachend. Viele seiner Schüler und Schülerinnen sahen in Bäse eine Vaterfigur, einige nannten ihn „Papa“ oder „Vati“.

Vor vielen Jahren habe er mit bis zu 40 Schülern in der Halle gestanden – da war die Kommunikation oft nur per Mimik und Gestik möglich. „Mit einigen verstand ich mich quasi blind. Wir haben uns während einer Übung aus 30 Metern Entfernung angeguckt und die wussten was sie zu tun haben“, berichtet Wolfgang Bäse.

Zu seiner gesamten Zeit griff Bäse oftmals auch zu unkonventionellen Mitteln. „Beine, Oberkörper und Arme innerhalb von Tausendstelsekunden zu koordinieren ist schwer. Wenn jemand eine Übung nicht kann, fange ich oftmals nicht übers Technische an, sondern beginne bei oft primitiv anmutenden Bewegungen, die die Person beherrscht.

Von dort aus nähert man sich der korrekten technischen Ausführung dann immer weiter an. Das Vertrauen ist dabei ein zentraler Aspekt“, erklärt der Turnlehrer. Dies sei besonders bei ängstlichen und schüchternen Kindern ein guter Weg, um ihnen nicht den Spaß zu nehmen. Eine weitere Schwierigkeit sei die Vielzahl der Geräte.

Viele Turngeräte sind in bemitleidenswertem Zustand

Für Mädchen seien im Breitensport in erster Linie drei, für Jungs sogar fünf Geräte vorgesehen. Da sei eine Menge Geduld gefragt. „Bis man die Basisübungen einwandfrei beherrscht dauert es in der Regel zwei Jahre. Das ist eine Sportart mit dem längsten Aufbau und wahrscheinlich auch ein Grund warum das Geräteturnen nicht mehr so beliebt ist“, sagt Bäse.

Trotzdem sieht der Harburger in diesem Phänomen ein gesellschaftspolitisches Problem. Kinder müssten von klein auf richtig beraten werden. Immer wieder erlebe Bäse, dass Kinder und Jugendliche ohne Vorkenntnisse mit dem beliebten Trampolinturnen beginnen – allerdings ohne jegliche turnerische Basis kennengelernt zu haben.

Des Weiteren seien viele Geräte in einem bemitleidenswerten Zustand und längst nicht mehr auf dem Stand von heute. „Viele Bodenmatten die wir hier haben sind nur bis 40 Kilogramm zugelassen und zudem mehrfach gebrochen. Das ist schlichtweg gesundheitsgefährdend“, klagt Bäse an. Außerdem seien einige Kästen nicht gleich hoch, Trampolin und Sprungbretter musste er aus einer anderen Halle vor der Entsorgung retten. Heute trainiert Bäse noch eine Jugend- sowie eine Erwachsenengruppe.

Häufig kämen auch angehende Sport-Abiturienten zu ihm, um sich wenige Wochen vor den praktischen Prüfungen noch mal den Feinschliff zu holen. „Wenn manche jedoch noch nicht die Basisübungen beherrschen, kann auch ich in der kurzen Zeit wenig bewirken“, sagt Wolfgang Bäse, der noch keine Gedanken ans Aufhören verschwendet: „Solange ich das körperlich noch kann, mache ich weiter.“

Das Turnen

Turnen ist eine der ältesten Sportarten in der Geschichte. Friedrich Ludwig Jahn gilt als der entscheidende Schöpfer der ersten Turnbewegungen in Deutschland, was ihm später auch den Namen des „Turnvaters“ einbrachte.

Viele der zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Turnvater Jahn demonstrierten Bewegungsarten besitzen bis heute eine tragende Bedeutung im Turnsport.

Rund 100 Jahre nachdem Jahn erste Turnübungen vorgestellt hatte, entwickelte sich das heutige Geräteturnen.

Seit den olympischen Spielen im Jahre 1896 in Athen ist das Geräteturnen ständiger Bestandteil von Olympia und somit eine der ältesten Sportarten der Welt. Hierbei werden heutzutage in insgesamt 14 Disziplinen, beste-hend aus Mannschafts- und Einzeldisziplinen, olympische Medaillen vergeben.

Hierbei werden die Sportgeräte Reck, Barren, Pauschenpferd, Ringe, Boden, Stufenbarren, Schwebebalken und der Sprunggeräte (Bock, Kasten, Pferd, Sprungtisch) verwendet.

HSC-Historie

1904 gegründet, ist der Harburger Sport-Club mit 1500 Mitgliedern einer der bedeutendsten Sportvereine im Hamburger Süden.

Zu Zeiten der Vereinsgründung verschmolzen die Vereine FC Borussia Harburg und VfR Rasensport Harburg zum heutigen Harburger SC.

Anders als bei der Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft, welche im Geräteturnen für Jungen den Fokus auf den Leistungssport legt, wird im Harburger SC ausschließlich Breitensport-Geräteturnen angeboten.


Einige erwachsene Mitglieder greifen dabei zunehmend Bestandteile, welche ursprünglich zu den Grundzügen des Balletts gehören, mit auf. Dadurch wird der Fokus sowohl auf das klassische Geräteturnen, als auch auf den Gesundheitssport gelegt.