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„Hamburg hat noch Potenzial zum Wachsen“

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Peter Wenig und Margherita Bettoni (Correctiv)
Rechtsanwalt Torsten Flomm ist Vorsitzender der Geschäftsführung vom Grundeigentümer-Verband Hamburg

Rechtsanwalt Torsten Flomm ist Vorsitzender der Geschäftsführung vom Grundeigentümer-Verband Hamburg

Foto: Michael Rauhe / HA

Der Chef des Grundeigentümer-Verbands Hamburg über die Probleme von Bauherren und Hemmnisse für den Wohnungsbau.

Hamburg.  Mit 30.500 Mitgliedern ist der Gründeigentümer-Verband die Interessenvertretung der Immobilien-Eigentümer. Im Abendblatt spricht Torsten Flomm über die Sorgen der Eigentümer.

Herr Flomm, was sind die größten Probleme von privaten Bauherren in Hamburg?

Torsten Flomm: Das größte Problem sind die Kosten, die auf den einzelnen Gewerken lasten. Im Moment sind diese exorbitant – wenn man überhaupt Handwerker bekommt. Dazu ist es heutzutage schwierig, an Baukräne und an Beton zu kommen.

Konnte man vor ein paar Jahren diese Probleme schon absehen?

Flomm: Nein. Das war vor der Wohnungsoffensive alles überhaupt kein Thema. Erst als wir angefangen haben, den Wohnungsbau massiv voranzutreiben, und uns das Ziel gesetzt haben, bis zu 10.000 Wohnungen im Jahr zu bauen, ist diese Situation mit der erhöhten Nachfrage auf den Handwerkermarkt überhaupt entstanden.

Kann man eigentlich überhaupt noch günstig bauen?

Flomm: Es wird ja behauptet, dass man tatsächlich das sogenannte 8-Euro-Haus, also für eine Nettokaltmiete von 8 Euro pro Quadratmeter bauen könne. Es gibt auch Untersuchungen mit Baukosten, die das belegen. Allerdings handelt es sich dabei um Häuser mit 50 Wohnungen oder mehr. Bei einem Zehnfamilienhaus wird man wahrscheinlich unter 15 Euro hinterher mit der Miete nicht hinkommen.

Können Sie die Hamburger verstehen, die sagen, dass seit Jahrzehnten zu viel gebaut wird?

Flomm: Das kann ich nicht verstehen, weil wir in Hamburg immer noch sehr locker bebaut sind. In Einfamilienhausgebieten haben wir manchmal ein Haus auf einem 2000-Quadratmeter-Grundstück. Und in Vierteln wie Hoheluft-West, in denen 19.000 Menschen pro Quadratkilometer leben, beschwert sich auch keiner. Natürlich wird der Druck größer, und die Preise steigen. Dagegen muss man sicherlich was tun, aber gerade hat Hamburg noch reichlich Potenzial zum Wachsen.

Der neue Oberbaudirektor Franz-Josef Höing­ hat das Modewort des „seriellen Bauens“ geprägt. Dabei geht es um Automatisierungen, ähnlich wie in der Autoindustrie. Was halten Sie davon?

Flomm: Wenn wir tatsächlich maßgeschneiderte Grundstücke haben, auf denen wir den seriellen Klotz draufstellen können, dann ist das gut. In dem Fall kann man am Ende sogar bei Fenstern und Fassaden teilweise ein bisschen abweichen, sodass das Resultat individuell aussieht, obwohl es nicht individuell ist. Aber im innerstädtischen Bereich, dort, wo der Altbau abgerissen wird und die Bau­lücke mit einem Neubau geschlossen werden soll, halte ich das für ausgeschlossen.

Warum?

Flomm: Jedes Grundstück ist dort anders geschnitten und hat eine andere Abmessung. Und wenn ich individuelle Grundstückmaßnahme habe, muss ich jedes Grundstück individuell aufbauen.

Wünschen Sie sich besondere Änderungen beim aktuellen Baugenehmigungsverfahren?

Flomm: Das sollte schneller werden. Oft ist es so, dass man verschiedene Anträge an verschiedene Behörden einreichen muss und keiner weiß, wer für was zuständig ist. Bei großen Verfahren läuft das viel schneller als bei kleineren. Und gerade bei den kleineren haben wir das Problem, dass wir keine einheitliche Handhabung haben. Nehmen wir zum Beispiel Dachgeschossausbauten: Einige Behörden sind da bei der Genehmigung sehr großzügig, andere genehmigen sie gar nicht. Man müsste die einzelnen Bezirke mehr ausgleichen.

Was meinen Sie konkret?

Flomm: Es kann nicht sein, dass Bezirke wie Eimsbüttel ein Bauprogramm bis 2040 haben und andere nicht. Eine Entwicklungsplanung sollte eine gesamtstädtische Aufgabe sein. Man sollte sich gemeinsam die Frage stellen, in welche Richtung sich Hamburg entwickeln soll, welche Einwohnerzahl uns verträglich erscheint. Doch keiner sagt was dazu. Es wird einfach versucht, mit der Nachfragesituation umzugehen.

Was halten Sie vom energetischen Bauen? Wo könnte man Ihrer Meinung nach ein paar Punkte zurückschrauben?

Flomm: Ich bin der Meinung, dass wir gar nichts zurückschrauben sollten. Wir haben gesagt, zwei Prozent des Gebäude­bestands werden im Jahr modernisiert. Doch wir sind weit davon entfernt. In Spitzenzeiten haben wir 1,6 Prozent erreicht – und in der Regel erreichen wir nicht mal die. Ich glaube, dass wir die Anforderungen erst einmal umsetzen sollten, dann können wir weiter überlegen. Es ist absolut schwach, dass die Bundesregierung zumindest teilweise die Klimaschutzziele hinterfragt. Denn: Zurückgehen in den jetzigen Stand, halte ich für Quatsch.

Bei der Umsetzung der energetischen Ziele spielen Eigentümer aber eine wichtige Rolle.

Flomm: Klar. Und die muss man eben entsprechend motivieren, man muss Forderungen stellen. Und ich habe kein Problem damit, denn das ist nun einmal so: Wenn wir es ernst meinen mit dem Klimaschutz, dann müssen wir da alle was tun.

Oft haben Eigentümer Angst vor Kosten bei energetischen Modernisierungen. Wie könnte man diese attraktiver machen?

Flomm: Zunächst könnte man überlegen, ob man das Genehmigungsverfahren nicht konzentrierter durchzuführen hat, durch eine Behörde, die federführend die verschiedenen Ansatzpunkte prüft, damit die Kosten und die Verfahrensdauer gesenkt werden. Und dann gibt es den Fall vom Althauseigentümer, der eine bessere Hilfestellung bräuchte.

Wie meinen Sie das?

Flomm: Wenn ein Althauseigentümer überlegt, was er in sein Eigentum investieren sollte, fragt er im Zweifel die Handwerker, die er immer gefragt hat. Der eine kann ein bisschen Mauerwerk, der andere kann ein bisschen Fenster, und keiner kann es genau richtig. Eine vernünftige Planung für eine energetische Modernisierung fällt aus Kostengründen dann meistens aus.

Wie könnte das konkret aussehen?

Flomm: Man könnte das Energieberaterangebot noch weiter ausbreiten und fordern, in dem man sagt: Es ist politisch gewollt, dass der Altbaubestand massiv angegangen wird. Da muss man als Stadt entsprechend investieren.

Wie stehen Sie zu ausländischen Investoren, die in Hamburg Grundstücke kaufen?

Flomm: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welchen Umfang das Investment ausländischer Investoren in Hamburg zurzeit hat. Ich habe bisher eigentlich keine Erkenntnisse dazu, dass das ein signifikanter Anstieg ist. Aber wenn das so wäre, dass man nachweisen könnte, dass es auch in Hamburg ein verstärktes Investment von ausländischen Investoren gibt, die nur Interesse an der Rendite oder an Abschreibungen haben, dann hätten wir in der Tat ein Problem.

Was könnte man dagegen tun?

Flomm: Da kann man nichts gegen machen, außer wenn man den Mietwohnungsmarkt statisch reguliert, indem man Preise festschreibt. Aber das wird nicht funktionieren. Vor ein paar Jahren habe ich als Testamentsvollstrecker ein Zinshaus aus einer Erbschaft verkauft. Das Gutachten bewertete das Haus mit 2,8 Millionen, doch ich konnte es für 4,1 Millionen verkaufen. Das waren allerdings deutsche Investoren, Hamburger, die dieses Objekt haben wollten. Aber solche Verwerfungen gibt es ja zurzeit. Es ist deswegen nicht gut, weil der Wohnungsmarkt dadurch an Verlässlichkeit verliert. Und natürlich muss jemand, der exorbitante Preise zahlt, anschließend exorbitante Erträge einfahren, sonst lohnt sich das nicht.

Würde mehr Transparenz im Wohnungsmarkt helfen?

Flomm: Eine genaue Statistik, wer welches Objekt hat, wäre für den Grundeigentümerverband interessant. Allerdings nicht individualisiert. Wir hatten mit den wohnwirtschaftlichen Verbänden überlegt, eine solche Statistik in Auftrag zu geben, haben dann aber die Idee verworfen. Im Prinzip wissen wir nämlich schon, was die Genossenschaft haben und was die großen Wohnungsunternehmen haben. Was wir nicht wissen, ist, wie sich der Wohnbestand bei Privaten aufteilt: wie viele ausländische Investoren es gibt, wie hoch der Anteil an inländischen Investoren und Kleinvermieter ist.

Am Donnerstag (5. April, 19 Uhr) stellt Correctiv beim Hamburger Abendblatt (Großer Burstah 18–32) das Projekt vor. Leser sind herzlich willkommen, allerdings nur nach Anmeldung auf der Seite www.wem-gehoert-hamburg.de.

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