Grindelallee

Haus verkommt – Bezirk will Vermieter enteignen

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Nico Binde
Mieterin Margret Stephan will sich nicht aus ihrer Wohnung an der Grindelallee 80 vertreiben lassen

Mieterin Margret Stephan will sich nicht aus ihrer Wohnung an der Grindelallee 80 vertreiben lassen

Foto: Michael Rauhe / HA

Mieter von der Grindelallee werden seit Jahren schikaniert. Jetzt handelt die Verwaltung im Kampf gegen den dubiosen Eigentümer.

Hamburg.  Ein dicker Aktenordner dokumentiert den Ärger. Margret Stephan hat alles protokolliert. Etwa, als Buttersäure im Flur verspritzt wurde, Türschlösser mit Sekundenkleber verstopft waren, Kothaufen vor dem Keller lagen, sich der Müll im Treppenhaus stapelte. Auch die Schreiben vom Anwalt, aus dem Bezirksamt Eimsbüttel und die Post vom Vermieter hat sie abgeheftet. „Ich hab das alles gesammelt, denn diese Schikanen hier im Haus, die hatten ja nur einen Zweck“, sagt die 72-Jährige. „Uns Mieter zu vergraulen. Aber ich lebe hier seit 47 Jahren. Das ist mein Zuhause. Der kriegt mich nicht klein.“

Kommentar: Schneller enteignen

Ihr Zuhause, das ist ein Altbau an der Grindelallee 80, Rotherbaum. Und „der“ ist ihr Vermieter Sven B. Äußerlich erweckt das Haus nicht den Anschein von Vernachlässigung. Nur die lose ins Schloss klappende Eingangstür lässt erahnen, dass sich hinter der Fassade ein bemerkenswerter Grad an Baufälligkeit eingestellt hat. Im Treppenhaus hängen zerstörte Briefkästen, Brandflecken übersäen den Fußboden, Türen zu verwaisten Wohnungen stehen offen.

„Entmieter statt Vermieter“

Die im Haus verbliebenen Mieter, der Mieterverein zu Hamburg und das Bezirksamt sind überzeugt, dass der Eigentümer das Haus so lange systematisch verkommen ließ, bis es jetzt für unbewohnbar erklärt werden musste. „Es wurden illegale Wohnungen und kein ausreichender Brandschutz festgestellt“, so der Bezirk. Um die Mieter vorerst in ihren Wohnungen lassen zu können, wurde eine sogenannte Ersatzvornahme durchgeführt. Das Amt werde „gegenüber dem Eigentümer alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um den Wohnraum wieder nutzbar zu machen“. Eine Enteignung als letztes Mittel der Wahl wird nicht ausgeschlossen.

Margret Stephan und die übrig gebliebenen Bewohner an der Grindelallee sind keine Einzelfälle. Der Mieterverein zu Hamburg nennt den Eigentümer, Immobilienfachwirt Sven B., einen „Vermieter der schlimmsten Sorte“. Nahezu ein Dutzend Häuser würden ihm in Hamburg gehören, unter anderem am Nobistor, an der Langen Reihe oder am Holstenplatz. Mehrfach sei er dadurch aufgefallen, sanierungsbedürftige Häuser zu kaufen und bestehende Mietverhältnisse zu beenden. Er sei „Entmieter statt Vermieter“, sagt Rolf Bosse, Anwalt beim Mieterverein. Die Beschwerden seien dabei immer die gleichen: Leerstand, Verfall, fehlende Treppenhausreinigung, mangelnde Instand­setzungen. Auch der Terror an Mietern ähnele sich: Buttersäure, verklebte Türschlösser, offene Eingangstüren, Prostitution in Nachbarwohnungen.

„Gravierende Mängel“ beim Brandschutz

Dass das Bezirksamt an der Grindelallee nun die Nutzung der Wohnungen zum 1. Mai 2018 untersagt und Mieter wegen „gravierender Mängel“ beim Brandschutz vor die Tür setzen will, wirke laut Mieterverein zunächst wie Amtshilfe für den Eigentümer, die Bewohner loszuwerden. Doch der Bezirk widerspricht: „Wir haben auf eigene Kosten Sammelräume eingerichtet und dafür gesorgt, dass die Mieter vorerst im Haus wohnen bleiben können.“

Nicht weniger erwartet Siegmund Chychla, Vorsitzender des Mietervereins, vom Bezirk. Das Wohnraumschutzgesetz müsse jetzt ausgeschöpft werden: „Der Bezirk muss das Haus unter Treuhänderschaft stellen, die Mängel beheben und dem Vermieter in Rechnung stellen.“ Zumal „Herr B. bisher immer versucht hat, bestehende Mietverhältnisse zu beenden“. Denn leere Häuser ließen sich teurer verkaufen.

Sven B. für Mieter nur selten zu erreichen

Sven B., berichten Mieter, sei nur selten zu erreichen. Für Medien ist er seit Jahren gar nicht zu sprechen. Nur einmal, im Jahr 2009, als der mehr als zwei Meter große Mann ein sanierungsbedürftiges Hochhaus in Buxtehude für eine Million Euro ersteigert hatte, erklärte er sich ausführlicher: Er habe schon 400 Objekte gesammelt, sagte er seinerzeit dem Abendblatt. Danach mied er die Öffentlichkeit.

Wiederholt wurde wegen Unterschlagung, Untreue und Betrug gegen ihn ermittelt, sagt Nana Frombach von der Staatsanwaltschaft Hamburg. Bewiesen wurde ihm nichts, die Vorfälle in seinen Häusern konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Derzeit wird B. erneut vorgeworfen, die Mietkaution von drei Zeugen veruntreut oder unterschlagen zu haben, sagt Frombach. Zudem lässt das Finanzamt seine Mieteinnahmen pfänden, der Sitz seiner Hausverwaltung ist verwaist, Post an seine Anschrift kann nicht zugestellt werden.

Blankokündigungen, kalte Heizungen

Sven B. scheint „abgetaucht“, wie das Bezirksamt Eimsbüttel einräumt. Schon 2013 wurde er zeitweise gesucht. Momentan sei ein Postfach die einzige Möglichkeit, mit ihm Kontakt aufzunehmen. In Altona und Buxtehude musste schon vom Mittel der „öffentlichen Zustellung“ an ihn Gebrauch gemacht werden, eine Art öffentliche Bekanntmachung. Die Stadt Buxtehude will derzeit eine Immobilie auf seine Kosten brandschutzsicher machen. Auch das Abendblatt hat mehrfach versucht, Sven B. zu erreichen – ohne Erfolg.

Im Haus an der Grindelallee, sagt Mieterin Stephan, habe es seit Übernahme durch Sven B. immer wieder Versuche gegeben, Mieter aus den Wohnungen zu drängen. Blankokündigungen, kalte Heizungen, kein Licht im Flur. Den Laden „Text+Töne“ im Erdgeschoss hatte es als Erstes getroffen. Die Verdoppelung der Miete wollte der Pächter damals nicht zahlen – und zog aus.

Bezirk will Druck auf Vermieter erhöhen

Der Bezirk Eimsbüttel will nun den Druck auf Vermieter Sven B. erhöhen. Inzwischen werde die Möglichkeit einer treuhänderischen Verwaltung geprüft. Bezirksamtsleiter Kay Gätgens: „Die Machenschaften des Eigentümers tolerieren wir nicht! Kommt er unseren Aufforderungen nicht nach, ist auch ein Treuhänderverfahren mit der zwangsweisen Verwaltung des Grundstückes denkbar.“

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