Glosse

Wenn Herbert plötzlich fehlt

Andreas Hardt

Andreas Hardt

Foto: Klaus Bodig

Wir haben da diese Stammkneipe in Harvestehude. Sie ist älter geworden mit uns allen. Seit Jahrzehnten fließt hier das Bier aus den Hähnen, seit Jahrzehnten sind wir hier. Spielen Skat und Backgammon, quatschen, rauchen, trinken. Der Flipper ist längst verschwunden, die Daddelautomaten hängen noch an der Wand, schon lange digital statt mechanisch. Der Wirt bellt frech, freundlich, bestimmt durch das Geräuschchaos im immer vollen Gastraum. Und im Eingang steht oft ein Rollator im Weg.

Der gehört Herbert. Das weiß hier jeder. Und wenn Herbert kommt, dann bekommt er seinen Platz an der Theke – und sei es noch so voll. Auch Herbert ist Stammgast. Herbert ist über 90 Jahre alt. Er liest seine Zeitung, trinkt sein Bier, erzählt spannende Geschichten und formuliert brillant Aphorismen über das Leben. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Alle haben wir Respekt vor dem alten Mann und hoffen, später, später, später selbst noch so im (Nacht-)Leben zu stehen.

Seit vor Weihnachten aber hatten wir ihn nicht mehr gesehen. Das war außergewöhnlich. So viel Zuhause hat er ja nicht. Die Kneipe ist schon ein sozialer Ankerpunkt. Niemand hatte etwas gehört. Sorgen breiteten sich aus. Ob wohl alles in Ordnung ist? Über 90, da muss man ja mit allem rechnen. Gedanken wurden zur Gewissheit. Verdammt.

Gestern aber, da stand doch wieder der Rollator im Weg. Wie schön. Frohes neues Jahr, Herbert. Noch ein Bier, auf dich!