Glosse

Motorradgottesdienst: Ein Herz für Kutten?

Matthias Iken

Eigentlich muss man den Motorradgottesdienst gern haben – er ist so hübsch aus der Zeit gefallen und politisch arg unkorrekt. Da rotten sich Zehntausende Kuttenträger zusammen, um einmal im Jahr zur Kirche zu fahren, und schon wird die heilige Hauptverkehrsader, die Ludwig-Erhard-Straße, abgeschnürt, um Parkraum für Chrom zu schaffen. Anschließend wird für den Konvoi die Autobahn gesperrt, damit die Teilzeitrocker rechtzeitig zum nächsten geistigen Höhepunkt des Tages knattern können – zum Fest „Biker Träume Buchholz“ mit Stunt-Shows und Livemusik auf dem Parkplatz eines Möbelmarktes.

Dabei müsste der Mogo bei den meisten Beteiligten schwere kognitive Dissonanzen auslösen, also sich widersprechende Wahrnehmungen, Gefühle und Meinungen. Warum feiert ausgerechnet die evangelische Kirche, die sogar den Rückkauf der Netze für ein gottgegebenes Thema zur Rettung der Schöpfung hält, einen Motorradgottesdienst? Wann folgt in dieser Logik der Schlager- oder SUV-Gottesdienst? Warum hört man weder von den Umweltverbänden noch von den Grünen laute Kritik an einer Veranstaltung, die zu 100 Prozent Spaßverkehr, Spaßlärm und Spaßemission bedeutet? Vielleicht weil sie sich schon für die nächste Dezibelparty, die Harley Days vorbereiten? Und wieso empören wir uns über Straßensperrungen zum G20, wenn wir für den Mogo sogar Autobahnen dichtmachen?

Der Mogo ist eine selten blöde Veranstaltung, über die man sich herrlich aufregen kann. Und trotzdem schön, dass es so etwas noch gibt. Früher nannte man es Freiheit.