Kriminalität

Sechs rätselhafte Fälle halten Hamburgs Polizei in Atem

Lesedauer: 7 Minuten
Christoph Heinemann und André Zand Vakili
Spurensicherung der Hamburger Polizei

Spurensicherung der Hamburger Polizei

Foto: Michael Arning / HA

Unaufgeklärte Gewaltverbrechen häufen sich. Die Ermittler suchen weiter nach HSV-Manager Timo Kraus – und brauchen neue Hinweise.

Hamburg. Ein Mord im Herzen der Stadt. Ein gequältes Mädchen in einer Notfallpraxis. Ein nächtlicher Überfall auf einen Abiturienten. Ein Bankraub. Eine Vergewaltigung im Park. Und ein vermisster Familienvater. Seit Monaten häufen sich aufsehenerregende Ermittlungsfälle in Hamburg. Bis zu 90 Prozent von schweren Delikten wie Mord kann die Polizei aufklären – doch derzeit ist sie mehrfach auf neue Spuren angewiesen. Das Abendblatt zeigt den Stand der Fälle, die die Stadt bewegen.

Großfahndung nach dem Mörder von der Alster

Es ist ein unfassbares, völlig sinnloses Verbrechen, das am 16. Oktober einen 16 Jahre alten Schüler das Leben kostet. Der Gymnasiast aus Harvestehude trifft sich an diesem Tag unterhalb der Kennedybrücke mit seiner Freundin. Er steht mit dem Rücken zum Täter, der sich annähert, mehrfach auf den Jugendlichen einsticht und das Mädchen in die Alster stößt. Dann flüchtet er.

Zwischen Opfer und Täter kann keine Verbindung hergestellt werden. Selbst eine gute Phantomskizze, die nach den Angaben einer Grafikerin erstellt wurde, der der Gesuchte nach der Tat vors Auto lief, bringt keine entscheidenden Hinweise. Gleiches gilt für eine Aktion, bei der 11.500 Ärzte angeschrieben werden, Befragungen, den Einsatz von Profilern, Plakate und einen Briefkasten, den die Polizei in Tatortnähe aufstellte.

Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) hat sich zu dem Mord bekannt, ein islamistischer Hintergrund wird aber für wenig wahrscheinlich gehalten. Dass der Berliner Terrorist Anis Amri auch in Hamburg mordete, konnten die Ermittler inzwischen ausschließen, so eine Polizeisprecherin.

Vier Jahre altes Mädchen nach Misshandlung in Lebensgefahr

Am 13. November 2016 bringt ein bulgarisches Paar seine vierjährige Tochter in die Notfallpraxis an der Stresemannstraße. Sie hat Dutzende Hämatome und innere Verletzungen. Sie sei mit dem Fahrrad gestürzt, geben die Eltern an. Die Mordkommission nimmt Ermittlungen auf. Die Geschichte der Eltern stimme nicht, das Mädchen sei über längere Zeit misshandelt worden.

Auch zwei Monate nach der Tat gibt es keine Festnahme. Die Ermittler schöpften früh Verdacht gegen den Vater, der als aufbrausend gilt. Ein Teil der Verletzungen wurde dem Mädchen offenbar in Bulgarien zugefügt. Nach Abendblatt-Informationen ließen sich die Verletzungen aber nicht eindeutig einem Familienmitglied zuordnen.

Das Mädchen lebt derzeit in einem Kinderschutzhaus. Gesundheitlich hat sie sich erholt. Nach Ende der Ermittlungen wird entschieden, ob sie in staatlicher Obhut bleibt.

Das rätselhafte Verschwinden des Managers Timo Kraus

Bei Eisglätte steigt der 44-jährige HSV-Manager Timo Kraus am vorvergangenen Sonnabend gegen 23.30 Uhr in ein Taxi. Zuvor hatte der Mann mit Kollegen im Block Bräu gefeiert. Nach nur rund einem Kilometer endet die Fahrt. Laut einer Zeugenaussage geht der 44-Jährige anschließend möglicherweise zu Fuß – und ohne seine Jacke – zurück zu den Landungsbrücken. Vor der „Rickmer Rickmers“ wird sein Handy um 0.40 Uhr ein letztes Mal geortet. Seitdem ist Timo Kraus verschwunden.

Eine Suche mit Tauchern an den Landungsbrücken bringt keine neuen Erkenntnisse. Vor wenigen Tagen wird eine Wasserleiche von drei Barkassenführern in Övelgönne gemeldet. Die anschließende Suchaktion verläuft ergebnislos. Die Ermittler konzentrieren sich auf den unbekannten Taxifahrer. Sie vermuten, dass er sich illegal in Deutschland aufhalten könnte – oder einen anderen Grund hat, sich nicht bei den Beamten melden zu wollen.

Männer locken Frau in Falle und vergehen sich an ihr

Im Lohmühlenpark wird am 7. Januar eine Krankenschwester aus dem nahen Krankenhaus St. Georg in eine Falle gelockt. Die 28-Jährige hat zuvor Feierabend gemacht und ist auf dem Weg zu ihrem Auto, als sie gegen 21.45 Uhr Hilfeschreie aus dem Park hört. Als sie den Rufen nachgeht, sieht sie sich fünf Männern gegenüber, die sie schlagen, zu Boden bringen und sexuell missbrauchen. Das Martyrium ist so schlimm, dass die Frau das Bewusstsein verliert.

Als sie etwa eine Stunde nach dem Überfall zu sich kommt, sind die Täter über alle Berge. Unterkühlt kommt die Verletzte ins UKE. Die Polizei sichert nicht nur Spuren, sondern stellt auch Bilder zahlreicher Überwachungskameras sicher. Die Auswertung ergibt keine Hinweise auf die Täter, bei denen es sich um Schwarzafrikaner handeln soll, von denen einer auffällig gekleidet war. Weitere Spuren gibt es bislang nicht.

Räuber schießt Angestellten in Haspa-Filiale nieder

Mit einem schwer verletzten Mitarbeiter endet am vergangenen Donnerstag ein Überfall auf die Haspa an der Holstenstraße in Altona. Der Täter, ein älterer Mann, schießt dem 45-Jährigen ohne erkennbaren Anlass in den Bauch, obwohl er bereits Geld bekommen hat. Der Räuber flüchtet ohne Eile. Es ist seine Kaltblütigkeit, die den Verdacht nährt, dass er kein Ersttäter ist. Weitere Parallelen weisen auf einen Zusammenhang mit den sogenannten Zwei-Minuten Räubern hin, die in den 1990er-Jahren 16 Überfälle begingen, bei denen sie auch Schusswaffen einsetzten.

Nach dem Überfall wird die ganze Bandbreite der Kriminaltechnik eingesetzt, um Spuren zu sichern. Auch Bilder einer Überwachungskamera werden veröffentlicht. Der Fährtenhund der Polizei kann die Spur ein Stück verfolgen, bevor er sie aus der Nase verliert.

20-jähriger Abiturient unvermittelt niedergestochen

In der Nacht zu Sonntag wird ein 20-Jähriger an der Werner-Otto-Straße in Bramfeld gegen 1.45 Uhr hinterrücks attackiert. Ein Unbekannter sticht mehrfach mit einem Messer auf Höhe der Lunge ein, beide Männer gehen zu Boden – dann flüchtet der Täter in unbekannte Richtung. Der 20-Jährige kann sich aus eigener Kraft in ein Krankenhaus retten, wird dort operiert.

Das Opfer ist ein Abiturient, polizeilich unauffällig. Es gibt keinerlei Hinweise auf ein Motiv des Übergriffs. Die Suche der Polizisten nach der Tatwaffe bleibt erfolglos. Die Polizei hofft nun auf Hinweise von Passagieren, die mit der U-Bahn um 1.43 Uhr am Bahnhof Wandsbek-Gartenstadt eintrafen.

Der Täter wird vom Opfer als etwa 1,80 groß, 18 bis 21 Jahre alt und mit dunklen kurzen Haaren sowie einem „südländischen Erscheinungsbild“ beschrieben. Er trug zur Tatzeit demnach eine dunkle Jacke mit eventuell orangefarbener Kapuze sowie dunkle Schuhe.

Die Polizei nimmt Hinweise unter Tel. 040- 428 65 67 89 entgegen. Mögliche Zeugen im Fall Timo Kraus werden gebeten, sich an die Polizei in Buchholz unter Tel. 04181-28 50 oder jede andere Polizeidienststelle zu wenden.