Stammzellenspende

Die kleine Cheyenne und ihr Lebensretter

Neue Abendblatt-Serie zum Thema „Meine gute Nachricht des Jahres 2016“ in Kooperation mit mehreren norddeutschen Medien.

Bönningstedt. Ein klirrend kalter Tag Ende Januar. 550 Kilometer ist Sven Münzer von Bönningstedt bei Hamburg in die Nähe von Chemnitz gefahren, um ein junges Mädchen zu treffen. Drei Jahre lang hat er immer wieder an sie denken müssen. Nun steht er das erste Mal vor ihrer Haustür und hat keine Ahnung, was er sagen soll. Damals hat der 47-Jährige seine Stammzellen gespendet, damit die kleine Cheyenne Lou eine Chance auf ein glückliches Leben bekommt. Und tatsächlich hat das Mädchen den Kampf gegen die Leukämie-Erkrankung gewonnen. Gemeinsam feierten sie in diesem Jahr ihren fünften Geburtstag. „Dieses Ereignis war mein schönster Moment 2016“, so Sven Münzer.

Zum Glück verstehen es Kinder ganz hervorragend, das Eis zu brechen. Als die beiden sich an diesem kalten Januartag gegenüberstehen und gegenseitig begutachten, platzt es aus Cheyenne Lou heraus: „Bist Du auch krank?“, fragt sie beim Blick auf sein kahles Haupt. „Als ich Chemo hatte, hatte ich auch keine Haare.“ Sieben Stunden dauert die erste Begegnung. Sven Münzer, der zusammen mit seiner Frau Kathrin (46) und Tochter Anna-Lena (15) angereist ist, lernt die Familie von Cheyenne Lou kennen und erfährt viel über die schwere Zeit während der Erkrankung. „In ihrem Krankenhaus gab es Mutperlen aus Holz groß wie Erbsen für überstandene Ereignisse wie eine Operation, eine Chemotherapie, fürs Röntgen oder zum Geburtstag“, erzählt Sven Münzer. „Raten Sie mal, wie lang die Kette am Schluss von Cheyenne war? Sieben Meter. Auf Fotos zieht sie die bunten Perlen aufgefädelt wie eine Schlange hinter sich her. Die Kleine hat enorm viel durchgemacht.“

Sven Münzer ließ sich 2008 als Stammzellenspender registrieren

Als Sven Münzer am 18. November 2012 einen Anruf von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) bekommt, zögert er keine Minute. „Klar spende ich meine Stammzellen, wenn ich damit jemandem helfen kann“, so der Verkaufsmanager der Speditionsfirma Hartrodt, der sich schon 2008 als potenzieller Spender registrieren ließ. Es folgt eine neue Blutanalyse, um herauszufinden, ob Sven Münzer tatsächlich zu dem bis dahin anonymen Patienten passt. Er passt. Die Nadel im Heuhaufen ist gefunden. Denn es ist unglaublich selten, dass zwei Menschen, die nicht verwandt sind, identische Gewebemerkmale haben.

Anfang Februar 2013 reist der Hamburger dann zur Voruntersuchung nach Berlin. „Das war der Zeitpunkt, wo mir bewusst wurde: Hier passiert irgendwas Großes“, so Sven Münzer. „Ich bin nicht mehr nur für eine Familie verantwortlich, sondern auch für einen Patienten. Da sitzt irgendwo jemand und wartet auf mich.“ Am 4. März liegt er wieder in einem Krankenhausbett in der Berliner Charité und lässt sich drei Stunden lang Stammzellen abnehmen. Er hat seine amerikanische Lieblingsserie „Mash“ auf DVD mitgenommen und seine Frau. „Langweilig war es nicht“, erzählt er lachend. „Außerdem war die Maschine, die die Stammzellen herausfiltert und anschließend das Blut wieder in meine Adern befördert, ein irres Ding. Das war schon ziemlich aufregend.“

Sein "genetischer Zwilling" ist ein zweijähriges Mädchen

Am nächsten Tag erfährt er, für wen er gespendet hat. Sein „genetischer Zwilling“ ist ein zweijähriges Mädchen. Namen und Adresse werden nicht bekannt gegeben. Erst zwei Jahre nach der erfolgten Spende sei das möglich, wenn auch der Erkrankte einverstanden ist. „Im September 2013 hatte ich noch mal bei der DKMS nachgefragt, wie es der Patientin geht“, erzählt Sven Münzer. „So erfuhr ich, dass bei ihr wieder Krebszellen aufgetaucht waren.“ Im März 2014 dann Entwarnung: „Es ist alles in Ordnung.“ Kaum waren die zwei Jahre um, kümmert sich der Hamburger um ein Treffen. Auch die Eltern sind einverstanden. Die DKMS-Zentrale kann vermitteln.

Nach der Geburtstagsfeier im Januar folgt im Sommer dann der Gegenbesuch in Hamburg. „Drei Tage lang konnte ich meine Heimatstadt zeigen“, erzählt Sven Münzer. „Hagenbeck, die Speicherstadt, eine Hafenrundfahrt und auf unserem Trampolin im Garten tobte Cheyenne wie ein Flummi über Stunden. Sie ist ein echter Hans Dampf in allen Gassen.“ Zum Geburtstag Ende Januar 2017 sind die Münzers wieder eingeladen. „Dann feiern wir ihren sechsten Geburtstag“, sagt Sven Münzer. Nachdenklich schaut er auf die Fotos seiner kleinen Partnerin. „Sie ist geheilt. Aber die Lütte weiß, was los ist im Leben. Ihre Augen haben schon viel gesehen.“ Leise fügt er hinzu: „Ich hoffe, dass ich sie weiter begleiten und ihr als Freund zur Seite stehen darf.“

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