Die Expertin rät

„Bedenken Sie immer die Sprachbarrieren“

Die Entscheidung, sich selbst oder seinen Angehörigen im Ausland pflegen zu lassen, ist außerordentlich schwerwiegend. Ist der Entschluss einmal gefasst, lässt er sich meistens kaum noch rückgängig machen, da die alte Wohnung bzw. Haus vor dem Umzug zumeist aufgelöst wurde. Umso wichtiger ist, dass Sie sich das ausgewählte Heim vor Ort sehr genau anschauen und mit der Pflegedienstleistung sprechen. Bevor Sie sich mit einem langfristigen Vertrag binden oder eine hohe Provision zahlen, sollte Ihr Angehöriger für mehrere Tage darin zur Probe wohnen. Ist das Heim dazu nicht bereit, spricht das in der Regel nicht für seine Seriosität und Qualität.

Zuerst aber sollten Sie sich mit folgenden Fragen beschäftigen: Verkraftet Ihr Pflegebedürftiger den Wechsel in einen anderen Kulturkreis? Sind Sie und andere Angehörige bereit, den Pflegebedürftigen regelmäßig im Ausland zu besuchen? Lohnt sich die Preisersparnis im Vergleich zu einer deutschen Einrichtung wirklich? Niemand sollte eine solche Entscheidung allein aus finanziellen Aspekten treffen. Beim Vergleich der Kosten sollten Sie berücksichtigen, dass die Pflegekasse für die Versorgung im Ausland in der Regel höchstens das Pflegegeld bezahlt, nicht aber Sachleistungen aus der Pflegeversicherung. Besonders wichtig ist auch, sich über den Rentenbezug und die Krankenversicherung zu informieren. Verlassen Sie sich dabei nicht auf allgemeine Aussagen! Hier steckt die Tücke oft im Detail, deshalb sollte man sich immer von deutschen Stellen ausführlich beraten lassen. Und selbst wenn die Krankenversicherung auch im Ausland bezahlt, sagt dies noch nichts über die Qualität der Versorgung aus. Gerade bei Pflegebedürftigen ist das Risiko einer plötzlichen gesundheitlichen Krise groß. Es ist daher sinnvoll, sich die Klinik in der Nähe anzuschauen, auch unter dem Aspekt der Sprachbarriere. Wenn Sie Zweifel an der Qualität des Krankenhauses haben, muss zumindest gewährleistet sein, dass der Pflegebedürftige im absoluten Notfall mit einem Rettungswagen oder einem Rettungsflieger nach Deutschland gebracht wird. Eine entsprechende Versicherung lohnt.

Die Sprachbarriere ist der nächste wichtige Punkt. Fragen Sie im ausländischen Pflegeheim gezielt nach den Deutschkenntnissen der Pflegekräfte und lassen Sie sich nicht von Aussagen in Prospekten oder auf der Homepage blenden. Besser ist, Sie machen den Selbsttest und rufen zu verschiedenen Tageszeiten im Heim an. Denn besonders Demenzkranke sind auf eine gute und regelmäßige Kommunikation angewiesen, da die verbliebenen Ressourcen in ihrer Muttersprache bei Nichtgebrauch sonst verloren gehen. Fragen Sie beim Beratungsgespräch auch nach der Empfehlung von Übersetzern, die Sie immer wieder einmal benötigen können. Tritt dann einmal ein Notfall ein, ist es gut bereits einen Kontakt zu haben. Die zusätzlichen Kosten für Übersetzer sollten Sie ebenfalls in Ihre Kalkulation mit einbeziehen.

Heime im Süden Europas werben gern damit, dass das Wetter viel besser sei als in Deutschland. Doch ist das für Ihren Angehörigen wirklich ein Vorteil? Im Winter sind 15 bis 20 Grad auf Mallorca für einen alten, pflegebedürftigen Menschen sicher sehr angenehm. Dafür wird es im Hochsommer oft extrem heiß und gerade für Senioren kann das unerträglich und gesundheitsgefährdend werden. Klären Sie diese Thematik unbedingt vorab mit dem Hausarzt ab. Dies gilt ebenso für die Verträglichkeit von Lebensmitteln, die hierzulande eher unbekannt sind, wie beispielsweise sehr fettige Speisen in Tschechien.

Mein persönlicher Tipp: Wenn Sie für sich oder Ihren Angehörigen herausfinden, dass die Pflege im Ausland die perfekte Versorgungsform für Ihren Angehörigen ist, dann machen Sie eine realistische Kosten-Nutzen-Rechnung! Prüfen Sie genau, wie groß die Ersparnis im Vergleich zu einem deutschen Heimplatz wirklich ist, wenn Sie auch Faktoren wie etwa die Anreise für Besuche bei Ihrem Angehörigen, Unterbringungskosten und Zusatzkosten für Übersetzer mit einbeziehen.

Nicole Weingarten ist Pflege-Expertin und Sozialmanagerin bei pflege.de, dem Beratungsportal für das Wohnen und Leben im Alter, Spitalerstr. 32, 20095 Hamburg, 040 - 637 970 8376, www.pflege.de.