Glosse

Sie weiß immer, was ich brauche

Seitdem Dienstprogramme „Apps“ heißen und meine gesamte Hard- und Software automatisch aktualisiert wird – also rund ein halbes Dutzend Mal am Tag –, hat sich mein Leben deutlich zum Positiven hin verändert. Denn mein PC, Arbeits- und Recherchegerät und Verbindung zur Welt da draußen in einem, ist jetzt das, von dem ein shoppingfauler Zeitgenosse wie ich schon immer geträumt hat: eine perfekte Konsum-Entscheidungshilfe, kurz KEH.

Es ist glatter Wahnsinn! Dieser digitale Stromverbraucher unter meinem Schreibtisch kennt längst nicht nur alle Facetten und Geheimnisse meines persönlichen Einkaufsverhaltens, sondern teilt mir inzwischen zuverlässig auf allen von mir genutzten Plattformen mit, was ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über kurz oder lang benötigen könnte! Zum Beispiel einen Treppenlift. Nur wer auf die 60 zugeht, ist nun mal kein junger Hüpfer mehr, der elfengleich die 39 Stufen hinauf zu seiner Wohnung schwebt; da muss man der keuchenden Realität ins Auge blicken.

Insofern habe ich mich auch an die Mails der Versicherungsmakler gewöhnt, die mein elektronisches Postfach mit lukrativen Angeboten einer vernünftigen Vorsorge für meinen eigenen Trauerfall überschwemmen, zusammen mit dem Antrag auf eine private Pflegezusatzversicherung in Verbindung mit einem Organspendeausweis.

Manchmal aber übertreibt meine KEH auch ein bisschen. Ich weiß zwar nicht, wie sie von den diversen Veränderungen meines Beziehungslebens erfahren haben könnte, aber wieso erhalte ich nur zu denjenigen Datingportalen kostenlosen Zugang, auf denen sich reife Frauen tummeln?

Tja, und vorgestern träumte ich dann gegen 4 Uhr morgens von einem neuen Wasserhahn in der Küche. Einem hohen, gebogenen Wasserhahn, damit ich den Wischeimer nicht mehr unter der Dusche vollaufen lassen muss. Drei Tage später klingelte ein Klempner an meiner Tür – das war mir dann allerdings schon ein wenig unheimlich.