Glosse

Uns geht’s doch noch „gold“

Wenn Sie eventuell zu den Menschen gehören sollten, die sich Existenzsorgen machen; wenn Sie glauben, dass wir alle verarmen, weil uns ja vor allem der Staat immer mehr von dem Geld, was wir zunehmend weniger in den Taschen haben, abknöpft; wenn Sie also der Meinung sind, es gehe allen Menschen (von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen) prinzipiell schlechter – dann benötigen Sie eine Antidepressionstherapie, die wirklich hilft.

Das Tolle ist: Diese Therapie kostet nichts, ist rezeptfrei und ganz einfach anzuwenden: Gehen Sie, wann auch immer, in einen dieser zahlreichen Supermärkte, die nebenbei Kraftstoffe anbieten. Besuchen Sie eine Tankstelle!

Hier werden Sie augenblicklich feststellen, dass dies ein nahezu magischer Ort ist, an dem rund um die Uhr der Beweis erbracht wird, dass es uns – im wahrsten Sinne des Wortes – „gold“ geht: An Wochentagen zwischen sechs und neun Uhr morgens warten die Pendler in Dreierreihen vor dem Tresen, um sich ihre persönlichen Thermobecher mit dem offenbar besten, weil hochpreisigsten Kaffee der Welt befüllen zu lassen. Weil man schon mal da ist, nimmt man noch rasch ein Franzbrötchen zum Preis eines ordentlichen Döners mit. Auf dem Rückweg nach Feierabend schlägt dann die Stunde der Fertiggerichte, wenn Tiefkühlpizzen, Würstchen in Gläsern, Eiernudeln in Tomatensauce, aber auch Toilettenpapier und H-Milch eingekauft werden – sowie die obligatorische Tüte Chips für den gemütlichen Fernsehabend, obwohl der Parkplatz des geöffneten Discounters 250 Meter weiter (wo die gleiche Tüte nicht mal die Hälfte kosten würde) verwaist ist und die Kassiererin bereits eingeschlafen ist.

Später, am Nachtschalter leisten sich selbst die ärmsten Schlucker ihren hoffnungslos überteuerten Klaren, und am Wochenende sollte man keinesfalls sein Auto betanken, weil das Personal ausschließlich mit dem Verkauf von pappigen Aufbackbrötchen beschäftigt ist, deren Gewinnspanne etwa 350 Prozent beträgt. Aber wehe, der Benzinpreis steigt um 5 Cent: Dann wird gemeckert.

© Hamburger Abendblatt 2019 – Alle Rechte vorbehalten.