Glosse

Massenpanik im Treppenhaus

Wenn das Schicksal bei meinem guten Bekannten Paul – Sie wissen schon – zuschlägt, dann richtig. Da er im Erdgeschoss wohnt, fungiert er als der Paketbote inhouse, und seitdem er auch noch seinen Job verloren hat und häufig zu Hause ist, stapeln sich in seinem Flur die Sendungen mannshoch. Paul nimmt alles an und weiß natürlich auch über alles Bescheid, was in seinem Mietshaus vor sich geht. Und nun hatte ausgerechnet Herr T. aus der zweiten Etage seine zwei Pakete inzwischen schon seit 14 Tagen nicht abgeholt, mit 84 Jahren ist er der älteste Mieter und nicht gut zu Fuß. „Man liest ja so einiges“, sagte Paul düster, als der Hammer Rat der Weisen sich einmal mehr am Tresen versammelt hatte, „zum Beispiel über Leute, die die dann wochen- oder sogar monatelang in der Wohnung liegen …“

„Hast du denn schon mal geklingelt?“, fragte Ralph, unser Ratsvorsitzender mitfühlend. „Jeden Tag! Dreimal!“, sagte Paul und fügte hinzu: „Ich mach mir echt Sorgen!“ Er wirkte so zerknirscht, dass der Hammer Rat der Weisen sich spontan dazu entschloss, kollektiv nach dem Rechten zu sehen. Zehn Minuten später drängten also zehn Männer vor Herrn T.s Wohnungstür, während sich immer mehr Mit­mieter im Treppenhaus versammelten, um zuzuschauen.

Paul schnüffelte am Türrahmen. „Also, nach Lavendel riecht es ja nicht gerade“, sagte er. Die Zuschauer hielten den Atem an. Zwei Frauen seufzten laut auf. „Wenn da mal bloß nix passiert ist!“, rief Paul und löste ein Stimmengewirr aus: „Aufbrechen!“ – „Das knack ich mit links, das Schloss!“ – „Nee, wir müssen die Feuerwehr rufen!“ – „Und die Polizei!“ – „Das fehlt noch: eine Leiche zum Dessert!“ Paul holte plötzlich ein biegsames, aber festes Kunststoffquadrat aus seiner Jacke. „Unter Zeugen!“, rief er, „ich gehe jetzt rein!“ Er quetschte den Kunststoff mit Gewalt zwischen Tür und Türrahmen und zerrte und zog das Quadrat hin und her, von oben nach unten, um den Schnapper zu erwischen. Die Lackierung war im Handumdrehen ruiniert, aber Paul war ganz klar eine Art Held. Als kurze Zeit später bereits rohes Holz durchschimmerte, ertönte plötzlich eine Stimme: „Sagen Sie mal, was machen Sie denn da?“ Die Stimme klang empört. Die Stimme gehörte Herrn T., der nach 14 Tagen Urlaub in Tunesien braun gebrannt zurückkehrte. „Ich hatte Ihnen doch einen Zettel in den Briefkasten gesteckt“, raunzte er. Paul lief dunkelrot an. Die Zuschauer lachten. Hämisch.

„Also in meinem Briefkasten habe ich natürlich nicht nachgesehen“, entgegnete er kleinlaut. Von da an herrschte Ruhe im Karton.