Glosse

Vom wahren Sinn des Niesens

Zu unserer aufgeklärten Zivilisation gehört es, eigene Körpergeräusche in der Öffentlichkeit auf ein Minimum zu reduzieren. So werden lautes und anhaltendes Husten und Schluckauf im Konzertsaal als störend empfunden.

Anders verhält es sich, wenn diese Geräusche in den eigenen vier Wänden erzeugt werden, in der warmen Jahreszeit überdies auf Balkonen, Terrassen und im Garten. Da es nun wieder wärmer wird und sich das Privatleben ins Freie verlagert, erleben wir Hamburger ein verstärktes Auftreten nachbarlicher Geräusche, die wir in Wintertagen niemals hörten. Da wird man plötzlich gewahr, dass nebenan statt der drei bekannten plötzlich vier Kinder leben, die allesamt lärmen und schnäuzen.

Einer unserer Nachbarn hat er sich angewöhnt, im Freien nächtens zu niesen. Dabei handelt es sich offenkundig nicht um einen allergisch hervorgerufenen Niesreiz, sondern um eine innere Befreiungstat. Jeden lauen Frühlingsabend, so gegen 23 Uhr, niest er so laut, dass man glauben könnte, es würde sich um den Brunftschrei eines mittelschweren Hirsches handeln. Wie der Mann versichert, gehe es ihm danach deutlich besser.

Die reinigende Wirkung des Niesens, das darf man vermuten, wird weithin unterschätzt. Unter der Anleitung von Nies-Coaches und mit Einsatz von Niespulver könnten doch Konflikte im Büro und zu Hause einfach weggeniest werden – oder? Gemeinsames Niesen verbessert nicht nur das Raumklima, sondern auch die Beziehung. Hatschi – und Gesundheit!